Am Samstag und am Sonntag (19.04. und 20.04.) finden auf der 4. Triennale die Portfoliosichtungen statt. Das Viewing mit Thomas Seelig war sehr früh bereits ausgebucht und Thomas Seelig wird an den zwei Tagen in Hamburg mehr als zwanzig Portfolios zu sichten und zu bewerten haben. Ich habe im Vorfeld Thomas Seelig nach seinen Schwerpunkten und Beweggründen, aber auch nach Empfehlungen und Chancen für Fotografen befragt – mein erstes Telefoninterview, technisch eine kleine Herausforderung. Thomas Seelig ist Kurator des Fotomuseum Winterthur, eines der renommiertesten Häuser für Fotografie in Europa.
Mit welchen Erwartungen fahren Sie zur Portfoliosichtung nach Hamburg?
Die Portfoliosichtungen sind aus der Sicht des Kurators eine Möglichkeit dort hinzuschauen, wo man normalerweise nicht hinsieht. Man bekommt im Museum sehr viele Dossiers zu sehen, die in irgendeiner Weise recht abstrakt bleiben, da man die Person dahinter nicht kennenlernt. Das ist manchmal von Nachteil, wenn man davon ausgeht, das Werk und Fotograf eine Einheit bilden.
Im alltäglichen Geschäft ist man mit so vielen Dingen befasst, dass kaum Zeit und Gelegenheit bleibt, sich ausführlich mit Dossiers auseinanderzusetzen. Da sind die zwanzig formalisierten Minuten ein guter Rahmen. Vorausgesetzt, dass mich das Material und die Person die dahinter steht interessieren, ergibt sich dann zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht die Gelegenheit, das Gespräch fortzusetzen.
Kommunizieren Sie dann auch, wenn Sie etwas nicht interessiert?
Ich sage dann, dass ich persönlich nicht so viel damit anfangen kann, mir aber vorstellen kann, dass die Bilder beispielsweise für einen Bildredakteur oder für eine Stockagentur interessant sein könnten. Mir ist es einmal beim FotoFest in Houston passiert, wo ich gemerkt habe, dass sich die Person gar nicht vorbereitet haben, wer ihm da eigentlich gegenübersitzt.

Thomas Seelig fotografiert von Johanna Bossart
Wie oft im Jahr fahren Sie zu einer Portfoliosichtung?
Extern mache ich das relativ selten. Vielleicht alle zwei Jahre. Aber es gibt hier im Fotomuseum Winterthur eine eigene Veranstaltungsreihe, die heißt PLATTFORM und findet einmal im Jahr jeweils Ende Januar statt. Mit einer etwas anderen Herangehensweise. Auf die wir vielleicht später noch einmal eingehen können.
Sind Ihre Erwartungen auch die Erwartungen des Fotomuseums?
Das deckt sich, ja. Wir veranstalten unsere PLATTFORM ja mit ähnlichen Intentionen.
Wie unterscheidet sich die PLATTFORM von Portfoliosichtungen in Houston oder der Sichtung auf der 4.Triennale in Hamburg?
Wir arbeiten in erster Linie mit internationalen Experten zusammen, die uns Empfehlungen geben und wir laden dann aus diesen Nominierungen eine begrenzte Zahl von KünstlerInnen ein. Also keine freie Portfoliosichtung, bei der sich Fotografen einschreiben, sondern es findet eine Vorauswahl statt. Ich glaube wir haben dadurch eine hohe inhaltliche Dichte, weil wir von Seiten des Museums schon Interesse formuliert haben. Es ergibt sich eine andere Art des Dialogs.
Zu anderen Viewings zu gehen ist für mich aber auch die Möglichkeit, andere Struktur kennen zu lernen und zu schauen, was bei denen gut oder schlecht läuft. So ein bisschen positive Betriebsspionage, wenn man so will.
Bei der Portfoliosichtung in Hamburg hat es im Vorfeld keine Empfehlungen gegeben, sondern Fotografen haben sich frei eintragen?
Ja! Die Fotografen bezahlen dafür, dass sie zwanzig Minuten einen Viewer für sich haben. Ähnlich wie in Houston. Wir haben bei uns in Winterthur die Sache umgekehrt, weil wir gesagt haben, wir möchten nicht ungefiltert auf alles schauen. Das ist für uns nicht so sehr eine ästhetische oder gar wertende, sondern vor allem eine zeitökonomische Überlegung.
Sie sind voll ausgebucht auf der Triennale. Wie viele Portfolios werden Sie sehen?
Zwölft am Samstag und zehn am Sonntag, wenn alles so bleibt. Für jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten.
Wie lange sollte ein Portfoliogespräch dauern?
Der Zeitraum ist ein guter Rahmen, in der die Fotografen und ich einiges sagen können. Manchmal möchte man ausführlicher werden, aber dann ist im Rahmen der Veranstaltungen oft noch Raum für Gespräche und Austausch. Auf der anderen Seite kann es aber auch den Moment geben, wo einem in wenigen Sekunden klar wird, dass die Positionen für einen selbst nicht interessant ist. Aber auch dann kann ich hoffentlich ein Feedback geben und klar machen, wie ich zu der Arbeit stehe und warum das nichts für mich ist.
Ist also schnell erkennbar, ob sich ein Fotograf in der Wahl seines Viewers geirrt hat?
Ich denke ja! Wenn man als Fotograf die Chance hat zwischen verschiedenen Viewern zu wählen, hat man auch die Pflicht – und die Möglichkeiten via Internet etc. sind ja da – sich umfassend zu informieren und man sollte dann unbedingt den Viewer wählen, der zu eigenen Position passt.
Fotografie als Inszenierung oder Fotografie als Reportage: Was wird Ihr Schwerpunkt sein?
Sagen wir mal: die zeitgenössische Fotografie im künstlerischen Bereich! Es gibt da gar nicht mehr so klare Unterschiede und das Spektrum ist weit. Es gibt Reportagen, die sehr fiktional sind oder es gibt Werbung die sich dokumentarische Prinzipien zunutze macht. Der Übergang ist oft fließend und ich hoffe, dass sich die Fotografen bei mir eingetragen haben, weil sie eine Nähe zum inhaltlichen Profil des Fotomuseum Winterthur sehen. Für das Museum habe ich eher einen weiten, facettenreichen Blick entwickelt, privat bin ich sicher eher in der Kunst zuhause.
Stichwort Mappe: Wie sollte eine Portfoliomappe gemacht sein?
In erster Linie handlich! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Fotografen zur Sichtung nicht das Format der Veranstaltung berücksichtigen. Im Grunde genommen ist es ja ein Gespräch, das an einem Tisch stattfindet. Niemand muss mit Großabzügen kommen, um mir Details in seinen Bildern zu zeigen. Ich kann mit meiner Erfahrung schon abstrahieren, wenn mir ein Künstler sagt, sein Foto sei eigentlich für einen Meter mal einen Meter achtzig gedacht. Wer erst einmal Rollen umständlich arrangieren muss verliert aus meiner Sicht einfach wertvolle Zeit. Wenn mir jemand sein Dossier auf dem Notebook zeigen möchte, finde ich das aber auch in Ordnung. Ich bin da eigentlich offen, nur der Situation des Gesprächs angemessen sollte es sein.
Was sollte eine Mappe enthalten?
Auf keinen Fall zu viele Bilder oder zu wenige Bilder. Wer lediglich zehn Aufnahmen in seiner Mappe hat, kann ein ordentliches Votum schwer erwarten.
Zehn Fotografien sind zu wenig?
Sagen wir mal so: ich möchte gern eine wichtige Gruppe oder Serie sehen und zwei oder drei Ausschnitte von Arbeiten, die dorthin geführt haben. Die Hauptarbeit wird verständlicher, wenn ich den Weg dorthin wiederfinden kann. Außerdem möchte ich mir vorstellen können, was prospektiv die nächste Arbeit sein könnte.
Was ist mit ‚Arbeit’ gemeint?
Eine gute Frage. Künstlerische Fotografie bedeutet für mich eine Haltung zur Fotografie zu entwickeln und damit etwas in Bildern zu erzählen. Das kann dokumentarischer Natur sein oder als Inszenierung daherkommen. Die Haltung, oder auch die Bildsprache eines Fotografen, macht für mich den Kern der künstlerischen Fotografie aus, nicht unbedingt das einzelne Bild.

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