Sehen will gelernt sein. Und dabei eher auf’s Gefühl zu setzen, als der Technik zu vertrauen, ist einer der Empfehlungen von Thomas Sandberg – Schulleiter und Dozent an der OSTKREUZSCHULE für Fotografie in Berlin. Gefühl meint dabei Bilder von ihrer Wirkung her zu beurteilen und nicht an Hand von Schärfe oder Unschärfe, Kontrast oder Farbigkeit – die ja für sich nur Mittel der Gestaltung sind.
Ich habe mit Thomas Sandberg über die Schwierigkeiten des Beruf’s, über die Ausrichtung der OSTKREUZSCHULE zwischen Studium und Berufsausbildung, über das leidige Thema Studiengebühren und vieles mehr gesprochen. Wer dies alles vertiefen möchte hat am 06.06. und 07.06.2009 Gelegenheit vor Ort beim ‘Tag der offenen Tür’ mit Lehrern und Absolventen ins Gespräch zu kommen. Wer ernsthaft drüber nachdenkt Fotograf zu werden, sollte sich diesen Termin also nicht entgehen lassen. Link folgen:

Interview mit Thomas Sandberg
Marko Radloff: Was sollten Schüler, die sich an der OSTKREUZSCHULE bewerben an fotografischen Vorkenntnissen bereits mitbringen?
Thomas Sandberg: Unser Idealstudent ist zwischen 20 und 30 Jahren alt und hat sich bereits seit einiger Zeit mit Fotografie beschäftigt. z.B. im Selbststudium, mit Gleichgesinnten oder im Leistungskurs Kunst am Gymnasium.
Er legt eine Mappe vor die erkennen lässt, dass er bereits einige Genres der Fotografie ausprobiert hat und darüber hinaus vielleicht ein etwas größeres Projekt zeigen kann.
Technische Brillanz oder fotografische Spielerei ist eher von geringerem Interesse. Auch auf die äußeren Form, wie Passepartouts etc. legen wir gar keinen so großen Wert.
Nicht selten bewerben sich auch “Seiteneinsteiger” die schon eine akademische Laufbahn begonnen hatten, darin aber nicht glücklich wurden.
Was unterscheidet das Studium bei Ihnen von einer klassischen Fotografenausbildung?
So wenig wie es in der Vergangenheit ein fest definiertes und einheitliches Berufsbild gegeben hat, hat es nie nur einen einzigen Weg zum Fotografenberuf gegeben.
Die Ausbildung zum Handwerksfotografen umfasste früher drei Jahre und war sehr stark Technik orientiert. Eine künstlerische Ausbildung blieb im Regelfall den Hochschulen oder Fachhochschulen vorbehaltenen, deren Absolventen aber wiederum den Titel Fotograf nicht tragen durften, denn dieser war durch das Handwerksgesetz geschützt.
Solche Absolventen nannte man dann Fotodesigner oder in Ostdeutschland Fotografiker. Was z.B. auch auf meinem Diplom steht. Was das bedeuten sollte, konnte nie jemand richtig definieren. Seit der Novellierung des Handwerksgesetzte ist der Berufstitel Fotograf nicht mehr geschützt, ein jeder kann sich heute so nennen.
Ich würde die Ausbildung an unserer Schule schon als eigentliche klassische Fotografenausbildung bezeichnen, weil sie das Wichtigste, die Schule des Sehens in den Mittelpunkt stellt.
Unterricht in allen fotografischen Aufnahme- und Labortechniken, sowohl analog als digital, begleiten die Ausbildung. Es mag Schulen geben die vielleicht mehr Technik vermitteln, aber was nutzt die brillanteste Technik wenn sie nicht im Zusammenhang mit dem Bildnerischen steht?
Fotografie als Teil der visuellen Kommunikation ist eine sehr emotionale Sache, unserer Ausbildung ist stark darauf ausgerichtet.
Um die Eignung zu prüfen gibt es im Vorfeld mit jedem Studenten ein Gespräch. Wurden schon mal Bewerber, die unbedingt aufgenommen werden wollten aufgrund von Nicht-Eignung wieder nach Hause geschickt?
Das ist ständig der Fall, wir können unmöglich alle Bewerber berücksichtigen sondern machen ein zweistufiges Auswahlverfahren, da wir jedes Jahr nur ca. 30 Bewerber aufnehmen können.
Welcher Aspekt der fotografischen Tätigkeit ist Studierenden heute am schwierigsten zu vermitteln?
Das Schwierigste ist meiner Meinung nach das Besondere des fotografischen Sehens zu erkennen und diesen Sinn zu entwickeln. Beim fotografischen Sehen handelt es sich ja um ein höhere, intensivere und subtilere Art des Sehens.
Für Studenten die in der Schule 13 Jahre lang vor allem die kognitive Seite Ihres Gehirns trainierten ist oft am Anfang schwer zu realisieren, dass man fotografieren nicht so sehr durch Bücherwissen und verstandesmäßige Erklärungen lernt, sondern vor allem durch das Trainieren der Sinne.
Um es kurz zu sagen: den geplagten Verstand mal abschalten und Augen und Herz öffnen. Ich kann aber nicht sehen, dass dieses Problem besonders neu und heutig wäre.
Neu ist vielleicht, dass Studenten heute durch die enorme mediale Präsenz sehr vielen Fremdbildern ausgesetzt sind und es sicher nicht immer einfach ist, dahinter zu eigenen Bildern zu finden, aber selbst dass ist ein bekanntes Problem.
Lässt das Studium an der OSTKREUZSCHULE genügend Zeit um nebenbei für die Studiengebühren kellnern zu gehen – ob Basisklasse oder Fachklasse oder Meisterklasse immerhin zwischen 260,00 und 290,00 Euro netto pro Monat?
Unsere Gebühren sind im Verhältniss zu anderen Privatschulen immer noch niedrig, aber natürlich ist es nicht einfach das Schulgeld jeden Monat aufzubringen, zu mal ein Fotostudent auch Geld für Material etc. braucht.
Darum müssen fast alle unserer Studenten in der Regel 2 Wochen pro Monat nebenbei arbeiten. Das ist nicht einfach, denn bei monatlich 6 Pflichtanwesenheitstagen in der Schule und z.B. 14 Arbeitstagen für Broterwerb, bleiben nur die Wochenenden um fotografische Aufgaben zu erledigen, was im Allgemeinen zu wenig ist.
Jeder Student muss da seinen individuellen Weg finden. Oft ist es eine Mischfinanzierung aus etwas Geld von den Eltern, wo das Möglich ist, ein Job und äußerster Kostendisziplin. Wir reden ganz bewusst in den Studiengruppen darüber, denn mehr oder weniger hat jeder das gleiche Problem.
Selbst einem arrivierten und erfolgreichen Fotografen bleiben solche profanen Gedanken nicht erspart, wenn er ein eigenes persönliches Projekt umsetzen will. Das war nie wirklich anders. Sogar wenn man ein begehrtes Stipendium ergattert hatte, war das Geld dann doch zu wenig um in guten Hotels abzusteigen und verschwenderisch mit Material umzugehen. Ich finde das sogar gut, dass wir das zum Bestandteil des Lernprozesses machen.
Welche Möglichkeiten haben begabte aber mittellose Studenten, dennoch ein Studium aufzunehmen?
Solche Bewerber müssen sich eventuell um einen Ausbildungskredit bemühen. Aber wie gesagt, die meisten unserer Bewerber sind im Grunde mittellos. Ich kann mich an keinen Studenten bisher erinnern der 40.000 Euro angespart hatte und einfach so 3-4 Jahre sorgenfrei studieren konnte.
Ich erinnere mich an einen Bewerber der ohne Arbeiten zur Eignungsprüfung kam und den ich natürlich nachhause schicken musste. Am nächsten Tag bekam ich eine Email von der Mutter in dem sie mir erklärte, das ihr Sohn von ihr eine Fotoausrüstung im Werte von 40.000 Euro verlangte, damit er die notwendigen Bewerbungsarbeiten fertigen kann. Sie wäre bereit ihm die gewünschten Sachen zu kaufen, wenn er dann im Frühjahr sicher bei uns anfangen könnte.
Ich musste ihr abschlägig Bescheid geben, mit der Bemerkung, dass wir eine Studentin haben die nichts weiter als eine alte Kamera der Marke “Revue” besitzt, etwas das man für sehr wenig Geld bei ebay finden kann und die überdies in einer Wagenburg lebt. Ihre Arbeiten gehören stets zu den besten des Jahrgangs. Schlechte materielle Vorrausetzungen halten kreative Menschen kaum von dem ab, was sie tun wollen oder müssen.

© Josephin Müller (MIKADO) - Absolventin der OSTKREUZSCHULE
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