Ich arbeite kritisch, aber nicht denunziatorisch. Interview mit Bettina Flitner

Zuletzt bei Bildwerk3 zu sehen: Prostituierte und Freier – zwei Arbeiten der Kölner Fotografin Bettina Flitner. In diesem Beitrag kommt sie selbst zu Wort:

Bildwerk3/Marko Radloff: Ihre Arbeiten sind streitbar und kritisch. Freier porträtiert Männer in einem Bordell, Prostituierte zeigt Frauen auf einem Straßenstrich. Woran arbeiten Sie gerade?
Bettina Flitner: In der kommenden Woche werde ich in Leipzig im Auftrag des Zeitgeschichtlichen Forums Menschen zu dem Thema Das Fremde befragen und portraitieren. Ich bin selber gespannt, was dabei herauskommt.

Ob in Frauen mit Visionen oder in Freier oder wie jetzt in Prostituierte, ihre Arbeiten sind immer sehr nah an den Protagonisten. Wodurch entsteht diese Nähe?
Ich denke, dass die Menschen mir zu recht vertrauen. Denn obwohl ich in vielen Fällen eine Haltung habe und so manche Handlungen von Menschen, wie zum Beispiel bei den Freiern, auch kritisch sehe, begegne ich ihnen offen.

Und das spüren die Menschen. Ich zeige sie vielleicht kritisch, aber niemals denunziatorisch.

Ihre Arbeit Prostituierte zeigt neun Frauen, die auf einem Straßenstrich zwischen Deutschland und Tschechien arbeiten. Wie viele Frauen haben Sie angesprochen, um diese neun Frauen zu fotografieren?
Zehn. Nur eine hatte aus persönlichen Gründen Bedenken.

Auf den Bildern ist nicht Sommer und die Frauen sitzen nackt auf einem Holzscheit. War das nicht zu kalt?
Nein, es waren ganz warme Apriltage. Da hatte ich Glück. Denn die Frauen mussten ja irgendwie das Thema Prostitution im wahrsten Sinne verkörpern. Ganz nackt wollte ich sie selbstverständlich nicht zeigen. Angezogen hätten sie ausgesehen wie Frauen von nebenan.

Die meisten von ihnen sind Mütter und in der Regel wissen die eigenen Kinder nicht, womit ihre Mütter dazuverdienen.

Einmal ist bei einer Frau die achtjährige Tochter mit ihren Freundinnen im Schulbus vorbeigefahren und hat ihre Mutter da stehen sehen. Sie musste ihr abends unter Tränen die Wahrheit sagen: dass sie auf den Strich geht, damit sie für ihre Tochter das Schulgeld bezahlen kann.

Männer, die Prostituierte besuchen, sind ein Frauenthema. Würden Sie sich als feministische Fotografin bezeichnen?
Wann Sie den besonderen Blick einer Frau auf die Welt als feministisch bezeichnen, dann ja. Selbstverständlich.

Auf Ihrer Webseite gibt es eine hübsche Aufnahme von Ihnen, da schauen Sie durch den Sucher einer Mamiya 645. Das ist heute nicht mehr Ihr Arbeitsgerät? Oder doch?
Das ist keine Mamiya 645, sondern eine Pentax. Ich arbeite digital und analog gleichzeitig, wie viele andere Autorenfotografen auch. Das hat etwas mit Qualität zu tun.

Haben Sie Vorbilder unter Kollegen?
Vorbilder hat man, wenn man anfängt. Damals haben mich Diane Arbus, Jim Goldberg, die amerikanischen Fotografen stark beeindruckt. Seither sind mir viele gute Fotografinnen und Fotografen begegnet.

Ich finde generell, dass die professionelle Fotografie im Zeitalter von Fernsehen und Internet auf einem bemerkenswert hohen Niveau ist.

Ihre Arbeiten haben einen hohen thematischen Anspruch, sind als Fotografien aber keine Überraschung. Botschaft vor Esprit?
Ich möchte nicht überraschen, ich möchte die Augen öffnen. Es geht mir nicht um Effekte, sondern ich möchte etwas erzählen. Dabei entwickelt sich die Form immer aus dem Inhalt.

Zu Ihrer Porträtserie Freier gibt es einen unterhaltenden und vorzüglich zu lesenden Bericht. Sind Sie auch Autorin?
Ich habe in einer Notsituation angefangen zu schreiben. 1991, als ich in Algerien war um den beginnenden Islamismus zu dokumentieren. Da fiel überraschend die algerische Kollegin aus, sie hatte schlicht Angst, kritisch zu berichten. Und da habe ich Tagebuch geführt.

Seither schreibe ich manchmal das Erlebte auf, wie in Algerien, dem Sozialistischen Musterdorf Mestlin oder bei den Freiern.
Aber vor allem arbeite ich ja mit Zitaten. Meine Porträts sind oft begleitet von Zitaten, die ich aus den Gesprächen mit den Menschen destilliere.

Was raten Sie fotografischem Nachwuchs?
Sich nur die Besten zum Vorbild nehmen. Selbstkritisch zu sein und neugierig und offen zu bleiben. Und mit Leidenschaft zu arbeiten.

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

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