Warum auf ein Festival? Lumix Festival für jungen Fotojournalismus. Interview mit Professor Rolf Nobel

Wenn vom 18. bis 22. Juni 2014 zum vierten Mal das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover stattfindet, wird die ehemalige Expo Plaza wieder Treffpunkt für Fotojournalisten, Blattmacher und Bildredakteure aus aller Welt. Doch nicht nur das Fachpublikum kommt – die Mehrzahl der Besucher sind Interessierte, die einfach gute Geschichten sehen wollen.

Denn dass die immer wieder beschworene Krise des Fotojournalismus in Wirklichkeit eine von den Verantwortlichen in den Redaktionen und Verlagen selbstgemachte Krise ist, beweisen die Besucherzahlen des weltweit wichtigsten Festivals für jungen Fotojournalismus.

Ein Interview mit Festivalmacher Rolf Nobel

Wozu braucht man im Internet-Zeitalter noch ein Fotofestival, zu dem man anreisen muss?
Natürlich könnte man viele der beim Lumix Festival gezeigten Arbeiten auch im Internet finden. Dazu müsste man aber wissen, was man wo suchen muss, eine äußerst mühsame und zeitraubende Angelegenheit. Beim Lumix Festival hat ein fachkundiges Kuratorenteam aus über 1.100 Reportagen eine Auswahl herausragender Arbeiten zusammengestellt.

Etwa zwei Drittel der Fotografen dieser 60 Reportagen kann man beim Festival treffen. Man kann Fragen zu den Arbeiten stellen und mit den Fotografinnen und Fotografen darüber diskutieren. Überhaupt ist ein solches Festival ein hervorragender Meetingpoint zwischen Bildermachern, Bildredakteuren, Kuratoren, Fachjournalisten und dem Publikum. Das ist im Internet in so persönlicher und direkter Form nicht möglich.

Gibt es noch wirklich neue Geschichten oder hat man nicht alles irgendwie schon gesehen?
Natürlich ist nicht jedes fotografierte Thema neu. Aber es geht auch um die Interpretation eines Themas, und die kann neu und faszinierend sein, wie zum Beispiel Birte Kaufmanns Bilder von den irischen Travellern oder Alejandro Chaskielbergs bunte Welt der Inseln im argentinischen Parana-Delta.

Andere Geschichten unseres Ausstellungsprogramms hatte ich tatsächlich zuvor noch von keinem anderen Fotografen gesehen, wie beispielsweise die Reportage über die russische Droge Krokodil, die Emanuele Satolli fotografiert hat. Oder Charlotte Schmitz´ Geschichte über die kleinwüchsigen Menschen aus dem Süden Ecuadors.

Gibt es in Hannover thematische Schwerpunkte?
Thematische Schwerpunkte gibt es nicht, das wäre auch gegen unsere Philosophie des Fotojournalismus gerichtet. Wir begreifen die Aufgabe des Fotojournalismus in der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Leben in seiner ganzen Breite. Wir achten aber darauf, dass von jenen Geschehnissen, die nachhaltig Geschichte schreiben oder Kernproblem der Menschheit berühren, auch Arbeiten dabei sind.

So zeigen wir von Sergey Ponomarev eine Reportage über den Bürgerkrieg in Syrien, mehrere Reportagen zur Flüchtlingsproblematik, Sandro Maddalenas Reportage über den Maidan in Kiew und von Rahul Talukter eine unter die Haut gehende Schwarzweiß-Reportage über den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.

Haben sich die eingereichten Themen in den letzten Jahren verändert?
Insgesamt scheint sich unsere inhaltliche Ausrichtung herumgesprochen zu haben und wir bekommen nicht mehr die übergroße Anzahl von Geschichten, die Krieg und Gewalt zum Thema haben. Darüber sind wir sehr froh, weil diese Themen eben nur einen Teil der Situation der Menschheit darstellen, so wichtig deren journalistische Beachtung ist, auch beim Lumix Festival.

Was zeichnet das Festival neben der „Fülle“ anderer Festivals aus?
Drei Dinge werden von den Branchenkennern immer wieder genannt. Das ist zum einen die außerordentlich hohe Qualität der ausgestellten Arbeiten. Zum anderen eine relativ große Breite in den fotografischen Handschriften, die wir ausstellen. Wobei wir diese noch mehr ausreizen wollen, immer natürlich unter der Beachtung des Zusammenhangs von Inhalt und Form. Und drittens ist es die unprätentiöse Atmosphäre, in der sich vom 18-jährigen Fotostudenten bis zum langgedienten Bildredakteur und weltberühmten Fotografen alle auf Augenhöhe begegnen.

Dass dies schon drei Mal hintereinander so gut geklappt hat, liegt vermutlich auch daran, dass dieses Festival fast vollständig von Lehrenden und Studierenden einer Hochschule geplant und realisiert wird. Somit fühlen sich alle auch als Gastgeber und treten gegenüber unseren Gästen dementsprechend auf. Und natürlich wissen unsere Studierenden auch, was ihnen das Festival im Hinblick auf Input, Kontakte und Anerkennung einbringt.

In welcher Beziehung steht das Lumix Festival zum Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover?
Die Hochschule Hannover ist zusammen mit dem gemeinnützigen Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover Veranstalter des Festivals. Freelens, der Verband der Fotografinnen und Fotografen, ist Unterstützer des Festivals. Für die Hochschule Hannover und den Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist das Festival eine wichtige Veranstaltung, weist es doch weltweit auf die hohe Qualität unserer Ausbildung hin und schafft uns internationale Bedeutung.

Wie aktuell sind die gezeigten Themen?
Unabhängig vom News-Charakter einiger Themen – Sturz des Präsidenten in der Ukraine, Syrien-Konflikt – spiegeln viele Geschichten die aktuellen Probleme der Menschheit wider. Ich denke da an Beschneidungen in Afrika, Ölgewinnung und Zerstörung der Natur in Kanada, Wasserknappheit, Wirtschaftskrise in Europa, Gettoisierung in den Städten.

Welche Geschichten sollten sich Besucher unbedingt ansehen?
Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass wir noch nie ein solch vielfältiges Themenspektrum hatten, wie in diesem Jahr, was Empfehlungen ungemein schwer macht.

Aber ich versuche es: Arnau Bachs Reportage »Suburbia« über den Pariser Vorort Department 93 finde ich herausragend. Henning Bodes »Kinder des King Cotton« lässt Erinnerungen an Robert Francks »The Americans« aufkommen. Eine wunderbare Arbeit. Sehr sensibel und eindringlich hat Andrea Gjestvang einige Überlebende des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya portraitiert. Herausragend ist ebenfalls Sara Lewkowicz´ Reportage »Maggie« über häusliche Gewalt, für die sie schon mehrere Preise erhalten hat. Doch wenn ich ehrlich bin, müsste ich noch weitere Geschichten nennen, denn die Dichte an Qualität ist in diesem Jahr enorm.

Vielen Dank, Herr Professor!

Lumix Festival für jungen Fotojournalismus – www.fotofestival-hannover.de

Das Interview mit Rolf Nobel führte Dr. Stefan Hartmann. Erschienen in Pictorial Art Buyer’s Digest, Heft 3 – 2014.

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