Als Fotograf auf einem Kreuzfahrtschiff: wer nicht fotografieren kann, lernt das Wesentliche in einer halben Stunde

David Weimann hat als Fotograf auf einem Kreuzfahrtschiff die Kameratasche zu allen Gelegenheiten geschleppt. Schlüsselqualifikation beim Bewerbungsgespräch: schwimmen.

Ich habe mit David Weimann über dieses Abenteuer gesprochen und gelernt: seekrank ist niemand Fotograf.

Fünf Jahre Fotograf auf einem Kreuzfahrtschiff. Sieht so ein Karriereturbo aus?
Eher weniger. Leider waren die beruflichen Perspektiven für frisch ausgebildete Fotografen schon Anfang 2000 recht mies. Da kam mir der ausgeschriebene Job als Kreuzfahrtfotograf gerade recht.

Der Job besteht aus 9 – 14 Stunden Arbeit: 7 Tage die Woche, für 6 Monate, gefolgt von einem Monat Urlaub. Fotografiert wird zu jeder Gelegenheit: beim Einschiffen, an den Galaabenden, bei Exkursionen und so weiter.

Fotografisch geht es hauptsächlich darum, die Gäste bei ihren Unternehmungen abzulichten. Vielleicht zu vergleichen mit einem Fotografen im Zoo. Nur das auf einem Schiff deutlich mehr Bilder gemacht werden. Nach dem Anfertigen der Bilder, werden diese direkt an Bord entwickelt und in Schaukästen ausgestellt. Danach beginnt der Verkauf.

Was man als professioneller Fotograf daraus ziehen kann, liegt glaube ich an jedem selbst. Ich für meinen Teil habe meine freie Zeit – während der Liegezeiten im Hafen und wenn ich nicht auf Exkursion musste – dazu genutzt, diverse Länder zu erkunden und alles mit meiner Kamera festzuhalten.

Fazit: Karriereturbo – nein! Erfahrungen sammeln, die Welt kennen lernen, interessante Menschen treffen – ja!

Erinnern Sie sich noch an Ihr Bewerbungsgespräch? Auf welche Qualifikation wurde besonders viel wert gelegt?

Ja, das ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Ich hatte mir bereits Wochen vorher den Kopf zerbrochen, wie und mit welchen Bildern ich meine Mappe zusammenstelle. Mit dieser unter dem Arm ging es dann nach Genua, wo ich auf meinen zukünftigen Chef traf.

Meine Mappe lag dann auch während des Gesprächs die ganze Zeit neben mir auf dem Tisch und wurde kein einziges Mal begutachtet. Man hat mich nach folgenden Qualifikationen gefragt: Können Sie eine Kamera halten und (halbwegs) bedienen? Können Sie schwimmen? Sind Sie bereit hart zu arbeiten und 6 Monate fern von Zuhause zu sein. Und das war’s.

Wie ich später herausfand musste man kein professioneller Fotograf sein. Was einem an Technik und Auge fehlte, wurde einem in einem halbstündigen Crashkurs an Bord beigebracht.

Der normale Vormittag eines Fotografen auf einem Kreuzfahrtschiff sieht wie aus?

Je nach dem für wann man eingeteilt war, stand man zwischen 5 Uhr und 8 Uhr morgens auf, duschte und schleppte sich dann noch schlaftrunken in die Messe zum Frühstück. Falls noch ein paar Minuten blieben, gab es noch einen Espresso und eine Zigarette in der Crewbar.

Wann man nicht zur Exkursion zu den Pyramiden, der Akropolis, den Dunn’s River Falls auf Jamaika und so weiter eingeteilt war, hatte man den Vormittag frei und konnte auf eigene Faust das Land erkunden. Oder aber man war auf See und musste den Shop aufmachen, um die Fotos zu verkaufen oder man wurde zum Fotografieren eingeteilt. Seetage gingen immer von 9 Uhr morgens bis mindestens 11 – 12 Uhr abends – mit kleineren Pausen.

Später als Fotomanager hatte ich mehr Freiheiten, da ich selber nur noch in Ausnahmen selbst fotografieren musste. Dennoch blieb genug Arbeit, um den Tag zu füllen.

Waren Sie allein als Fotograf oder gab es fotografierende Kollegen?

Nein, alleine war ich nie. Es gab immer mindestens einen weiteren Fotografen, einen Manager, einen Printer und einen Videofilmer.

Je nach Größe des Schiffs – mein größtes war die Costa Fortuna mit 3.470 Passagieren und 1.027 Leuten Besatzung – gab es bis zu 7 Fotografen. Bezeichnenderweise waren ich und der Printer die einzigen mit professionellem Background.

Da haben Sie doch sicher mehr als reichlich verdient. Oder?

Nein! Oder in Zahlen ausgedrückt: Als Fotograf 900 Euro und als Manager 1.200 Euro netto. Allerdings muss man sehen, dass Unterkunft und Essen für die Dauer der Reise frei sind. Das meiste Geld habe ich dennoch in der Crewbar gelassen 🙂

Um so einen Job zu machen, muss man was am besten können?

Wie bereits erwähnt sind die fotografischen Ansprüche eher gering. Wichtiger sind soziale Kompetenzen. Die Fähigkeit, ohne Scheu auf Menschen zuzugehen, freundlich zu sein, auch wenn man mal Müde oder schlecht gelaunt ist. Der Wille hart und viel zu arbeiten. Teamfähigkeit. Das sind die wichtigsten Eigenschaften die man mitbringen sollte.

Gegebenenfalls eine gewisses sprachliches Talent, wenn man auf einem italienischen Schiff, mit internationalen Gästen unterwegs ist.

Kann man seekrank Fotos schießen?

Ich war nur ein einziges Mal seekrank. Und nein, man kann nicht mehr fotografieren. Man ist froh wenn man es halbwegs übersteht. Allerdings sind Kreuzfahrtschiffe meist so groß, dass es schon eines gewaltigen Sturms bedarf, um einen solchen Kahn ins wanken zu bringen.

Was war Ihr skurrilstes Erlebnis als Bordfotograf?

Oh Gott da gab es so einige. Es gab die Nacht in der wir alle aus unseren Kojen fielen, da sich das Schiff gewaltig zu Seite neigte. Am nächsten Tag erfuhren wir von inoffizieller Seite, dass wir beinahe mit einem Tanker kollidiert wären.

Es gab diesen französischen Crossdresser – Multimillionär, der seine ganzen Besitztümer verkauft hatte und von dem Geld den Rest seines Lebens auf Kreuzfahrschiffen verbrachte. Er hob bevorzugt an unseren Fotosets seinen Rock – unter dem er nicht anhatte – um die anderen Gäste zu schockieren. Oder die FKK Kreuzfahrt wo alle Gäste nackt rumliefen.

Es gab sehr viele schöne Momente. Die Momente wo sich Crewmitglieder aus aller Herrenländer in der Crewbar trafen und gemeinsam tranken und wehmütige Lieder sangen. Der Barkeeper, der mir und meinem Kollegen immer seine neuesten Drinkkreation zum testen kredenzte.

Und viel anderes …

Waren Sie technisch gut ausgerüstet? Wie lange hat eine Reise gedauert?

Bei meinen ersten 4 Verträgen – sprich die ersten 2 Jahre – wurde noch analog fotografiert. Somit bestand meine Ausrüstung aus einer alten Canon EOS 500 und dem Canon EF 24 – 85 mm. Bei der Umstellung auf digital war es dann die Canon 10D.

Für diverse kleine Sets, die an Bord aufgebaut wurden, hatten wir dann noch zwei kleine Blitzköpfe und fürchterliche Motivhintergründe.

Die Verträge dauerten immer 6 Monate. Je nach dem auf welchem Schiff und zu welcher Saison man sich befand, fuhr man ein bis 2 Wochen mit den gleichen Passagieren.

Können Sie das empfehlen?

Es kommt darauf an, was man aus einer solchen Erfahrung ziehen will. Wenn man sich fotografisch verbessern möchte und das ganze als Karrieresprungbrett betrachtet, würde ich einen anderen Weg empfehlen.

Wenn man gerne reist, bietet der Job interessante Möglichkeiten.

Als professioneller Fotograf ist man für diese Art Tätigkeit eigentlich überqualifiziert. Aber wenn man jung ist und so was wie ein (oder wie in meinem Fall fünf) Sabbatjahr machen möchte, kann ich es nur empfehlen. Es besteht allerdings die Gefahr, das man den Absprung nicht schafft und das ein ganzes Leben lang macht. In dem Fall hat man natürlich nicht mehr viel von seinen Freunden und von der Familie.

Für meine Karriere war es von größerer Bedeutung, in Kölns renommiertestem Studio zu arbeiten. Denn dort arbeitete ich zusammen mit anderen hervorragenden Fotografen und lernte mehr als in den drei Jahren meiner Ausbildung und als Fotograf mehr als in fünf Jahren Kreuzfahrt.

David Weimann – www.davidweimann.com

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

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