Ohne Frauen in Ostdeutschland. Eine Fotoreportage von Gesche Jäger

© Gesche Jäger: Was tun?

Das Ungleichgewicht ist beispiellos: in den strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland kommen auf einhundert Männer nur noch fünfundsechzig Frauen. Tendenz fallend.

Die Hamburger Fotografin Gesche Jäger hat die Dagebliebenen aufgesucht und porträtiert. Herausgekommen ist eine faszinierende Sozialreportage – bestehend aus Bildern und Bildunterschriften, kurzen, erläuternden Texten die zusammen Geschichten erzählen.

Ich habe Gesche Jäger nach den Intentionen zu ihrer Arbeit befragt, nach den ganz praktischen Unwägbarkeiten und auch nach der technischen Realisierung dieses Projektes.

Aus meiner Sicht ungewöhnlich wahr und offen: Gesche Jäger schätzt Themen, die ohne Krieg und Krise auskommen und dennoch fesselnd sind. Das ist gelungen!

© Gesche Jäger: Was tun?

© Gesche Jäger: Was tun?

Marko Radloff/Bildwerk3: Viel mehr Männer als Frauen in Osdeutschland. Warum gerade dieses Thema?
Gesche Jäger: Damit ich ein Thema authentisch umsetzen kann, muss es für mich persönlich interessant sein. Als Frau fühle ich mich gerne von Themen angesprochen, die das klassische Gesellschaftsbild mit dem Mann als starkem und der Frau als schwachem Geschlecht infrage stellen.

Trotzdem ist ein Thema nur dann auch für andere wichtig, wenn es nicht nur meine privaten Innenansichten, sondern auch Hintergründe zeigt und gesellschaftliche Bedeutung hat. Ich schätze Themen, die ohne den notwendigen Spannungsfaktor von Krieg oder Krise auskommen und trotzdem fesselnd sind.

Schon länger interessierte ich mich für den demografischen Wandel innerhalb Deutschlands. Bei Recherchen stieß ich auf eine ausführliche Studie, die genau das von mir thematisierte Phänomen beschreibt.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? Was gehört im Vorfeld dazu, um eine solche Aufgabe anzugehen?
Zuerst habe ich versucht, das Thema inhaltlich auf gewöhnlichem Wege zu erfassen, habe im Internet recherchiert, die Studie gelesen, mit Instituten gesprochen. Natürlich ist das die Voraussetzung für das Fotografieren, um tief einsteigen zu können.

Viel wichtiger war für mich aber, möglichst viel Zeit mit den Menschen vor Ort zu verbringen. Und die konnte ich von zu Hause aus nicht finden.

So war ich wochenlang mit einem Wohnmobil in ländlichen Regionen Ostdeutschlands unterwegs und habe in den oft menschenleeren Dörfern jede Person, die mir auf der Straße begegnete, angesprochen und mich nach Junggesellen zwischen 20 und 35 durchgefragt.

Dabei war mir wichtig, dass ich jeden, der sich bereit erklärte, auch wirklich fotografierte um Vorurteile nicht durch eine persönliche Selektion zu bestätigen.

Welche Region in Ostdeutschland haben Sie sich für Ihre Reportage ausgesucht und warum gerade diese?
Ich habe mich hauptsächlich nach der Studie Not am Mann gerichtet und mir dort stellvertretend ein paar der Landstriche herausgesucht, die am stärksten vom Phänomen Frauenmangel betroffen sind.

So habe ich mich überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern (Kreis Parchim), in Ost-Brandenburg (Oderbruch) und in Sachsen-Anhalt (Altmarkkreis Salzwedel) aufgehalten. Dort bin ich ein Dorf nach dem anderen abgefahren und habe nach Protagonisten gesucht.

Sie kommen selbst aus einer großen Stadt – Hamburg. Hatten Sie einen leichten Zugang zu den Menschen vor Ort?
Ursprünglich stamme ich aus Schleswig, einer 25.000-Seelen-Stadt in Schleswig-Holstein. Ich bin zwar Wahl-Hamburgerin, trotzdem weiß ich, wie der Zusammenhalt untereinander aber teilweise auch die Skepsis Fremdem gegenüber in Kleingemeinden aussieht.

Ich selbst habe mir diese Skepsis und Verschlossenheit aber nie zu eigen gemacht, was wahrscheinlich ausschlaggebend für einen guten Zugang war. Das Wichtigste ist, dass man jedem Menschen Respekt entgegen bringt, unabhängig davon, wie sehr sich die Lebensweisen voneinander unterscheiden.

Wie ist so ein ganz normaler Tag mit Reportage abgelaufen? Aus wie vielen Aufnahmen ist die endgültige Auswahl entstanden?
Da ich mit einem kleinen gelben Wohnmobil unterwegs war, konnte ich stets vor Ort sein. Ein Tag begann meist mit einem Schwimmbadbesuch im nächst größeren Ort, denn eine Dusche hatte ich nicht. Danach habe ich dann meinen jeweiligen Protagonisten besucht und geschaut, ob und wobei ich ihn mit der Kamera begleiten durfte.

Zwischendurch führte ich aber auch immer wieder Gespräche ohne Kamera, um eine persönliche Beziehung aufzubauen und Informationen zu bekommen. Insgesamt habe ich wohl an die 90 Rollfilme und 60 Planfilme verbraucht. Meine Auswahl entstand also aus gut 1100 Negativen.

Mit welchem Equipment waren Sie in dieser Zeit unterwegs?
Ich hatte eine Hasselblad mit 3 Festbrennweiten (40 mm, 80 mm, 150 mm) dabei, womit die narrative Serie entstand.

Die Großbildportraits machte ich mit einer Linhof Master Technika-Laufbodenkamera. Dazu gehörte natürlich allerlei Schnickschnack, wie Stative, Filmmagazine, Lupe, Belichtungsmesser, Mattscheiben, Drahtauslöser, Wechselsack, etc..

War die Publikation als Buch bereits vor Beginn der Arbeit geplant?
Zumindest war geplant, dass die Arbeit in Buchform präsentiert wird, da das Buch als Medium immer eine tolle und passende Form ist, eine Geschichte zu erzählen, Abläufe zu ordnen und Text mit unterzubringen.

Es wäre mindestens eine Kleinstauflage eines Dummys entstanden. Dass der Kerber Verlag das Buch publiziert, wurde erst später entschieden. Ich hatte an einem Buchwettbewerb teilgenommen, wodurch mir Türen und Tore geöffnet wurden.

Wird es eine Ausstellung von ‚Was tun?‘ geben?
Bis jetzt ist keine Ausstellung geplant, ich bin Vorschlägen gegenüber aber grundsätzlich offen eingestellt.

Haben Sie als Fotografin fotografische Vorbilder?
Vorbild ist vielleicht ein Begriff, der nicht ganz passend ist, denn welcher Fotograf möchte schon die Rolle oder den Stil eines anderen Fotografen kopieren? Ich habe mich aber schon immer gerne inspirieren lassen.

Es gibt viele tolle Fotografen und durch die Globalisierung kommt man auch immer mehr und immer leichter in Kontakt mit fantastischen, ausländischen Kollegen/innen. Fotografen/innen wie Brenda Ann Kenneally, Per-Anders Pettersson oder Joakim Eskildsen verstehen es hervorragend, Themen auf bewegende Weise umzusetzen.

Bleibt soziale Reportage das Markenzeichen von Gesche Jäger oder können Sie sich auch vorstellen, ganz anders zu fotografieren?
Im Moment ist die Sozialreportage ein riesiges Gebiet, das mich persönlich fesselt. Meine Fotografie entwickelt sich allerdings zusammen mit meiner Persönlichkeit, wächst und verändert sich.

Als ich anfing, Fotografie zu studieren, wollte ich in den Modefotografiebereich einsteigen. Diese wurde dann, genau wie die Werbefotografie, für mich ein eher peripheres Gebiet des Mediums Fotografie. Ich halte es für wichtig, durch Visualisierung Einfluss zu nehmen, Kommerz ist da eher nebensächlich.

Trotzdem schließe ich nicht aus, dass sich mein fotografischer Stil meiner persönlichen Reife mit zunehmendem Alter anpasst, sich verwandelt oder variiert.

Vielen Dank für dieses Interview.

Studie: Not am Mann (PDF/4.6 Mbyte)

Buch: Was tun? Frauenmangel in Ostdeutschland. (Fotografien Gesche Jäger)

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

17 Kommentare

  1. Ich finde diese Männer ziemlich mutig, sich vor die Kamera zu stellen und ihre Schattenseiten zu präsentieren. Allerdings war wohl keiner dabei, den der Frauenmangel wirklich gestört hat, oder?

    • Schattenseiten ist so eine Sache. Manchmal denke ich, dass unsere Maßstäbe auch nicht ganz richtig sind … Nein, so richtig unglücklich wirkt da eigentlich keiner.

  2. Super Beitrag und wunderschöne Bilder. Komme auch ausm Osten und bemerke auch das es immer weniger Frauen gibt ;-( traurig aber wahr.

  3. Sehr gute Motive, die zugleich Einsamkeit und Verschlossenheit gegenüber Veränderungen der eigenen Lebenssituation auzudrücken scheinen. Man hat das Gefühl, daß keine Hoffnungen vorhanden sind, die den Selbstantrieb verstärken, um sich aus der Situation zu befreien.
    Übrigens ein sehr gutes Thema, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte.

    • Lieber Klaus, ich glaube, manchmal sind die Hürden zur Selbstüberwindung unglaublich hoch …

      Wenn hinter der Steuererklärung nicht jedes Mal der Zwang stehen würde, hätte ich es längst gelassen – auch wenn es gelegentlich Vorteile bringt 😉

      So ein ganzes Leben umzukrempeln, mit der ungewissen Aussicht auf Besserung, muss eine ungeheuerliche Aufgaben sein.

      • Hallo Marko,

        tagtäglich stehen tausende von Menschen vor der Entscheidung oder auch einem Zwang, ein ganzes Leben ohne große Aussicht auf Besserung umkrempeln zu müssen.
        Aus eigener Erfahrung ist das nicht nur eine ´ungeheuerliche´ Aufgabe, sondern vor allem eine, die großen Mut erfordert und von den wenigsten Menschen bewusst forciert wird.
        In manchen Fällen erweist sich das Aktivwerden(müssen) als große Chance, in anderen Fällen misslingt es.
        Ob es ´ungeheurlich´ ist – danach wird man als Betroffener leider nicht gefragt…

        Gruß
        Jamie

  4. Ja, lieber Marko, ich kann das auch verstehen, es ist nicht immer einfach den Frust zu überwinden, aber Bewegung bringt immer etwas positives hervor,einfach mal losfahren und kucken, was woanders los ist, kann ja schon neue Ideen bringen- mußte ja mal gesagt werden, weil es schwer mit anzusehen ist, wenn Männer einsam bleiben……

    • Sehe das nicht anders: Manchmal einfach alles hinter sich lassen! Frauen gibt es überall – nur nicht in Ostdeutschland … 😉

  5. Wunderschöne Bilder? Diese Fotografien denunzieren die abgebideten Menschen und was ist daran wunderschön?
    Es ist eine interessante Portraitserie, ohne Frage, doch die Sozialreportage hatte früher doch andere Inhalte, oder erinnere ich mich falsch?

    • Du hast Recht: wunderschöne Bilder sind etwas anderes. Welchen Inhalt soll Sozialreportage haben, wenn nicht diesen? Die Sache mit der Denunzierung, liebe Beate, ist eine Wertung, die im Kopf des Betrachters entsteht.

    • endlich eine kritische bemerkung zu dieser arbeit!
      die männer werden offensichtlich vorgeführt und in bemerkungen an anderer stelle von der fotografin als „träge“ oder ohne willen, überhaupt eine frau kennen zu lernen, beschrieben.
      desweiteren sollen die frauen einen höheren bildungsgrad besitzen und deswegen ehr karriere in der großstadt machen als die männer aus der gleichen gegend.

      hier werden doch lediglich vorurteile in reichlich oberflächlichen bildern gegen ostdeutschland geschürt. frauenmangel ist ein deutschland- , wenn nicht sogar europaweites phänomen in ländlichen gebieten. aus dem osten deutschlands sind natürlich viele frauen (auch männer) nach der wende aus bekannten gründen in die alten bundesländer abgewandert.
      wo soll ein mann mittleren alters aus brandenburg oder meckpom oder sachsen anhalt denn bitteschön hin, wenn er den hof von seinem vater übernimmt und diesen hof für seinen unterhalt und zumeist auch den unterhalt seiner 70 oder 80 jährigen mutter weiter betreiben muss.
      klar, die schwestern sind, wenn sie nicht auf dem hof arbeiten wollten, sind längst in hamburg, berlin oder in sonst einer tollen stadt (anm.: bielefeld ist nicht gemeint) zum studieren. vielleicht reicht auch ein finanzkräftiges elternhaus, das die tochter zum designstudium schicken kann, damit diese nach 8 semestern solch eine studentische fotoarbeit abzuliefern?! mit „sozialreportage“ hat das wenig zu tun! und dann würde mich mal interessieren, ob die männer von ihrem „glück“ in diesem buch abgebildet zu sein bescheid wissen und ihr einverständnis gegeben haben…ende.

    • Ich bin mir sicher, dass Gesche Jäger diesen Punkt berücksichtigt hat: die Einwilligung der Porträtierten zur Veröffentlichung!

      Welche Kriterien für eine Sozialreportage werden denn Deiner Meinung nach von der Fotografin nicht erfüllt? Wir haben es doch mit einem sozialen Phänomen zu tun, das man nicht wegdiskutieren kann – ähnlich wie den Migrantenanteil in Neukölln oder das Durchschnittseinkommen in Hamburg. Und ich kann mir wiederum keine anderen Bilder dazu vorstellen …

  6. Klasse Artikel, und einzigartige Bilder. Bin vom Osten weggezogen und bemerke auch das es dort zunehmend weniger Frauen gibt…

  7. Ich finde Frau jäger benutzt diese Männer. Ich möchte nicht in dieser Art und Weise abgelichtet werden.
    Wenn man sieht wie z..B. August Sander Menschen portraitiert das ist schön und würdevoll.
    Die Männer in diesem Projekt werden dorch zum großen Teil wie Deppen oder Behinderte
    gezeigt.
    Sicher kann man auch sehr „einfache“ Menschen fotogrfisch darstellen,aber diese Art und Weise gefällt mir nicht.
    Man fühlt sich etwas an – Schwiegertochter gesucht – erinnert. Die Abgebildeten merken sicher nicht was mit ihnen veranstaltet wird und die anderen klatschen sich auf die Schenkel
    und haben ihre Belustigung.
    Ich würde Frau Jäger mal 2 Wochen Arbeit in der Landwirtschaft in MV empfehlen vielleicht
    würde das ihren Blickwinkel verändern.
    Ich denke das Buch wird auch eh nicht der Renner . Mich hat es nur sehr abgestoßen
    und unangenehm bewegt.

    MfG
    Martin Holze

  8. Mich hat diese Fotoserie von Gesche Jäger sehr berührt. Diese Männer scheinen im Zuge einer gewaltigen gesellschaftlichen Transition übrig geblieben zu sein. Moderne Frauen wollen ihr Leben mit ihnen nicht teilen und diese Männer wollen keine Veränderung, oder sie haben nicht die Kraft dazu.

    Stellt sich die Frage: Sind sie mit diesem Leben glücklich, oder sagen wir: zufrieden? Wenn ja, ist es so in Ordnung. Wenn nicht, wird irgendein Impuls Veränderungen einleiten. Nur zwingen sollte sie niemand. Denn Zwang macht unglücklich.

    Und es ist eine weit verbreitete Meinung, dass „Behinderte“ unglücklich sind. Auch diese sind in der Lage, Erfüllung zu suchen und zu finden. Dabei stellt sich oft heraus, dass gerade der gut aussehende, erfolgreiche und wohlhabende Poser mit seinem Cabrio, seiner Jacht und seiner Rolex der Depp ist.

    Aber viele Frauen mögen das so. Die Natur hat es so eingerichtet. Aus Gründen zur Erhaltung der Art.

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