Gespielt, gejubelt, fotografiert. Wie entstehen die WM-Bilder

Marcus Brandt, dpa
Marcus Brandt, dpa

Bildjournalist Marcus Brandt - im Einsatz für die dpa bei der Fußball WM 2010 in Südafrika

Schauplatz Südafrika, FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010: Szenen jedes Spiels werden von mehr als 300 Fotografen aufgenommen, dreihundert Fotografen, die am Spielfeldrand oder auf der Tribüne ihre Positionen beziehen und konzentriert dem Spielverlauf folgen und das Geschehen in Bildern festhalten.

Die ersten Bilder sind in weniger als fünf Minuten verfügbar und werden weltweit nachgefragt. Dahinter steckt eine fotologistische Herausforderung: von der Aufnahme über die korrekte Beschriftung des einzelnen Bildes hinüber in die Systeme des einen oder anderen Bildredakteurs.

Die meiste Arbeit fällt bei den Fotografen an. Marcus Brandt ist einer von ihnen. Er ist für die Deutsche Presseagentur (DPA) bei jedem Spiel in Südafrika dabei und er begleitet auch die deutsche Mannschaft während dieser Zeit. Auch wenn Deutschland das Finale am 12.07.2010 in Johannesburg nicht erreicht bleibt Brandt bis zum letzten Spiel. Der Rückflug ist gebucht – für den Tag danach.

© Marcus Brandt/dpa

Neuer rettet das eigentlich nicht mehr zu Rettende: in diesem Moment würde es gegen England 1:1 stehen ... © Marcus Brandt, dpa

Für seinen Einsatz am Spielfeldrand ist Brandt vier Stunden vor Spielbeginn im Stadion. Die Plätze für die Fotografen sind reserviert und für alle wichtigen Spiele schickt die DPA mehr als einen Fotografen in die Arena.

Vier Kameras und jede Menge Zubehör

„Die vier Stunden brauche ich, um mich in Ruhe auf das Event vorzubereiten“, sagt Brandt, um hinzuzufügen, dass er mit dreißig Kilogramm(!) Equipment in die Arena kommt. Das ist die technische Ausrüstung, die jeder Fotograf heute benötigt um von so einem Ereignis die Bilder zu liefern. „Das habe ich in einem Rollkoffer verstaut und muss es so im Grunde nicht die ganze Zeit tragen …“

Vier Kameras, Objektive, darunter ein fünfhundert Millimeter Teleobjektiv, das Notebook, Ersatzakkus, Speicherkarten, Akkuladegeräte, Drähte und noch das eine oder andere nützliche Zubehör machen das Gepäck eines Sportfotografen – in diesem Fall das von Marcus Brandt – aus.

In der Vorbereitungsphase baut Brandt seine Kameras zusammen – das fünfhundert Millimeter ist für diesen Einsatz mit langen Distanzen, schnellen Richtungswechseln und vor allem seinen neunzig Minuten Dauer nicht ohne ein passendes Einbeinstativ denkbar – schließt den Strom an und verbindet sein Notebook mit dem Internet. Für jeden Fotografen liegen am Platz zwei Kabel: eine Netzverbindung und Strom.

Während eines Spiels macht Brandt bis zu 1.500 Aufnahmen. Im ersten Moment eine scheinbar unüberblickbare Menge Bildmaterial. Aber erstens gibt es zahlreiche Kniffe, eine solche Menge auch zu bewältigen und andererseits: stellt man sich die Geschwindigkeit vor, mit der das Spiel abläuft, der kurze Augenblick, indem aus Kameraposition und Spielkonstellation eine gelungene Aufnahme werden kann, wird man die reine Menge verstehen.

Jede Kamera-Objektiv-Kombination entspricht einer Aufnahmesituation: direkt im Spiel auf große und mittelgroße Entfernungen dann für Aufnahmen im näher gelegenen Torraum dann die Stadionatmosphäre insgesamt und der Moment wenn ein Tor fällt.

Für Aufnahmen aus dem Spielfeldinneren nutzt Brandt das schon erwähnte fünfhundert Millimeter Teleobjektiv – eine lichtstarke Festbrennweite, die bei ausreichendem Licht kurze Verschlusszeiten möglich macht und damit Bewegungsabläufe in möglichst unverwischten Bildern festhält – der kurze Tiefenschärfebereich sorgt für einen unscharfen Hintergrund.

Zwei Aufnahmen ein Auslöser

Für Aufnahmen aus dem Torraum, dem Brandt näher ist, wird eine Kamera mit einem 70-200 Telezoom eingesetzt. Hier fällt neben der Entscheidung für den richtigen Moment auch noch die Entscheidung für den passenden Ausschnitt.

Diese Kamera ist mit der Hintertorkamera synchronisiert, die in dem Moment automatisch auslöst, sobald Brandt mit der 70-200 Telezoom-Kamera ein Bild macht. Im Torraum macht Brandt also jedes Mal zwei Aufnahmen: eine vom Spielfeldrand und eine Aufnahme direkt aus der Hintertorperspektive; dort allerdings ohne die Möglichkeit zu haben, im Moment des Auslösens irgendwelche Einstellungen vornehmen zu können.

Die Hintertorkamera wird vor dem Spiel an ihrem vorgesehenen Platz positioniert und auf Empfang gestellt. Für alle akkreditierten Fotografen ist ein Kameraplatz hinter dem Tor reserviert.

Um die Stadionatmosphäre einzufangen benutzt Brandt noch eine Kamera mit einem Weitwinkelobjektiv.

Frisch auf den Tisch der Bildredakteure

Sobald das Spiel angepfiffen ist, ist der Wettlauf um die besten Bilder eröffnet. Der Anpfiff ist auch das Signal an die Bildredakteure weltweit, ihre Kanäle auf Empfang zu stellen und für die Zeitungsausgabe des nächsten Tages oder die Onlineausgabe die ersten guten Bilder abzugreifen und in die Redaktionssysteme einzupflegen.

„Sobald ein paar Minuten gelaufen sind, schicke ich die ersten Bilder nach Johannesburg.“ Dafür zieht Brandt den Speicherchip an seiner Kamera und steckt ihn in das Notebook. Die Software erkennt das vorhandene Material – Brandt hat die Bilder bereits mit Hilfe einer Kamerafunktion markiert, getaggt und damit eine Vorauswahl der wichtigsten Bilder getroffen.

Mit einem einzigen Klick leert die Software die Speicherkarte, fügt die Bilder auf dem Notebook in die bereitstehende Datenbank ein und verschickt die besten, die von Brandt markierten Bilder an einen der Editoren, die für die DPA-Fotografen und solange die WM dauert in Johannesburg arbeiten, die dann das ankommende Material noch einmal sichten und vor allem betexten.

Die Bildinformation wird durch den Editor zusammengetragen: um welches Spiel es sich handelt, welche Spieler auf dem Foto zu sehen sind und bei welchem Verein sie sonst kicken, wie der Schiedsrichter heißt, der das Spiel pfeift, in welcher Spielminute die Aufnahme entstanden ist.

Das ganze wird in einen schlüssigen Text gepackt und auch dieser Vorgang dauert nur wenige Augenblicke, darf nur wenige Augenblicke dauern und bereits drei Minuten nach Spielbeginn sind die Bilder vom Spiel bei der DPA zu bekommen.

Noch schnellere Bilder?

Ist die Geschwindigkeit noch zu steigern? „Aber ja“, erläutert Brandt, „auch wenn die Bilder schon heute quasi sofort verfügbar sind, lässt sich die Geschwindigkeit noch erhöhen – das folgt ganz einfach aus der Permanenz mit der technische Neuerungen hinzukommen. Und wir müssen da hinterher sein, müssen uns als Fotografen auch entwickeln … “ Es ist ein bisschen wie bei einem Wettrüsten: wer heute noch auf Film fotografieren würde und seien es die brauchbarsten Bilder – der hätte den Kampf längst verloren.

All dies passiert während des Spiels mehrere Male. Die bildhungrigen Kanäle werden permanent mit ausreichend Futter versorgt. Die Bilder aus der Hintertorkamera holt Brandt in der Spielzeitpause, wählt sie aus und versendet sie in gleicher Weise.

Das perfekte WM-Foto? „Die alles entscheidende Spielszene ablichten oder den Jubel in einem absolut überzeugenden Moment einfangen“, sagt Marcus Brand, „und dann als einziger Fotograf mit diesem Bild rauskommen …“

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

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