15. Juni 2010 2

Zuerst kommt man in den Zirkus nicht rein, aber wenn man einmal drin ist, kommt man nicht mehr raus

Von Marko Radloff

Die ersten Aufnahmen zu seiner Arbeit über den Circus Roncalli hat Arnold Morascher noch auf Film fotografiert. Das war 2005. Heute, viele Aufnahmen später hat Morascher seine Arbeit fast abgeschlossen. Ein wichtiger Teil der bis heute entstandenen Fotografien ist auf dem Lumix Festival in Hannover zu sehen – das gesamte Projekt wird im August dieses Jahres abgeschlossen sein und später als Buch erscheinen.

Für mich zählt Moraschers Fotoreportage zu den intensivsten und formal ausgereiftesten Bildstrecken, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Ich mag diese Serie sehr und freue mich, dass ich sie hier bei Bildwerk3 zeigen darf. (für das Editing der Geschichte ist Edda Fahrenhorst verantwortlich – www.silberschicht.de)

Ob bunte Bilder jemals eine Option waren, wie man an die Menschen in einem Zirkus herankommt und was Morascher als nächstes vor hat – das wollte ich von dem Fotografen auch noch wissen … (zur Webseite des Fotografen)

Fotograf Arnold Morascher »Circus Roncalli«

Fotograf Arnold Morascher aus »Circus Roncalli«

Marko Radloff/Bildwerk3: Circus Roncalli ist eine Arbeit in Schwarzweiß. Waren farbige Aufnahmen zu keinem Zeitpunkt eine Option?
Arnold Morascher: Tatsächlich war mir von Anfang an klar, dass die Geschichte in Schwarz-Weiß fotografiert werden muss. Noch bevor mir das Ausmaß des Projekts überhaupt klar wurde, wusste ich, was ich nicht wollte: Kitsch. Keine bunte Popcornwelt!

Die ersten Aufnahmen stammen vom September 2005 – die letzten Fotografien sind Ende 2009 gemacht. Hast Du in diesem Zeitraum die Aufnahmetechnik geändert?
Ich bin nach analog im Jahr 2005 dann 2008 auf digitale Fotografie umgestiegen – in erster Linie aus Kostengründen. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und muss zugeben, dass ich seit drei Jahren keinen Film mehr belichtet habe.

Der große Vorteil digitaler Fotografie ist das Fotografieren von Unschärfe: kontrollieren zu können, welche Belichtungszeiten noch für das Auge erträgliche und verstehbare Unschärfen hervorbringen, das ist toll. Wobei natürlich dabei das Beste auch immer ungeplant aus der Situation heraus entsteht. Zu viele Vorplanungen bei Unschärfen zerstören das Gefühl.

Der Nachteil ist, dass man bei digitaler zu schnell an den Punkt kommt, zu denken, man ist für heute fertig mit Fotografieren.

Wie kamst Du an die Menschen von Circus Roncalli heran?
Anfänglich gar nicht. Nur an ein, zwei Leute mit denen ich mich im Laufe der Zeit sehr gut angefreundet habe. Zum Beispiel mit dem Weißclown Gensi.

Laurin, ein Zirkuszeichner, den ich sehr schätze, hat gemeint: „Zuerst kommt man in den Zirkus nicht rein, aber wenn man einmal drin ist, kommt man nicht mehr raus“ Das befürchte ich für mich nicht unbedingt …

Zu Beginn begegnete man mir mit großer Höflichkeit und war immer bereit für mich zu posieren, was ich aber gar nicht wollte. Als das den Artisten klar war, begann ich die Distanz stärker zu spüren. Oder erstmals zu bemerken.

Ich denke mit der Zeit hat sich eine geduldete Nähe in manchen Fällen, echte Nähe in anderen und klare Grenzen in wieder anderen Fällen herausgebildet.

An welchem Projekt arbeitest Du gerade? Wen möchtest Du gern einmal fotografieren?
Ich arbeite immer noch an Roncalli. Im August 2010 soll das restliche Material für das Buch entstehen.

Ich würde gerne wieder ein Projekt in Südamerika starten, habe aber noch keine konkreten Pläne.

Eine Person, die ich in der Vergangenheit wahnsinnig gern fotografiert hätte ist die Jazz Sängerin Billie Holiday. Vor allem die Jahre des Übergangs zur professionellen Musikerin. Was für ein Leben! Kaum ein anderer Künstler schlitterte so lange, so viele Jahre so hart am Leben und an der Grenze zum Leben entlang wie sie.

Über den Circus Roncalli

Der österreichische “Circus Roncalli“ wird 1976 von dem Zirkusdirektor aus Leidenschaft und Clown-Autodidakten Bernhard Paul zusammen mit Künstler André Heller gegründet. Im Vergleich zu etwa italienischen Familienzirkus-Dynastien blickt Roncalli als „traditioneller“ Circus demnach auf eine nur relativ kurze Bestehensgeschichte zurück. Im Streit trennen sich die beiden Gründer in den späten Siebzigern. Es folgt ein zweimaliger Bankrott, danach eine fast schon spektakulären Flucht nach Deutschland, um die aufwendig restaurierten Zirkuswagen aus der Konkursmasse retten zu können.

Heute ist Bernhard Pauls Zirkusunternehmen eines der führenden weltweit. Trotzdem bleibt Bernhard Paul skeptisch: er weiß nicht, wie lange traditioneller Circus in der heutigen Welt mit „Cirque nouveau“ und „billiger“ Comedy-Unterhaltung im Fernsehen noch eine Chance haben wird. Und wie steht es um das Erbe des Unternehmens? Heute beschäftigt Bernhard Paul etwa 150 Leute – Artisten und Personal auf Tour und im Winterquartier in Köln; mit den mitreisenden Familien sind es 120 Menschen auf Tournee. Und das bei gewaltiger Konkurrenz mit über 400 Zirkusunternehmen alleine in Deutschland.

Roncalli ist wohl eine zauberhafte Ausnahme der Regel: wann schon schafft es ein Mensch, sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen, Zirkusclown zu werden und auch noch Direktor eines der letzten großen Zirkusse unserer Zeit? Eine nostalgische Welt zu erschaffen? Eine Welt mit superber Artistik, opulentem Dekor und einem Schuss Melancholie. Eine Welt, die möglicherweise eines Tages mit ihrem Gründer untergehen wird. Ein kurzes Erdendasein eines kleinen Stückchens Poesie. Vielleicht sind wir bei Roncalli auch Zeugen der letzten Tage von Zirkus, wie wir ihn aus unseren Kindertagen kennen.
Vor allem Backstage entfaltet Roncalli sein bezaubernd melancholisches Flair.

Im Moment 2 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. JMK sagt:

    da stimme ich gerne zu. eine tolle Foto-Reportage. Ich bin beeindruckt, vor allem als einer der mit Zirkus nichts am Hut hat

  2. [...] Ich habe im Vorfeld mit Professor Rolf Nobel gesprochen (nachzulesen in diesem Beitrag), ich konnte hier bei Bildwerk3 eine Zusammenfassung des Ausstellungsprogramms bringen (Teil1 und Teil2) und auch schon die fotojournalistische Arbeit des Fotografen Arnold Morascher zeigen (zum Beitrag). [...]

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