Paradies anderswo. Nicole Strassers Fotoreportage über den spanischen Ferienort Benidorm

Benidorm © Nicole Strasser
Benidorm © Nicole Strasser

Benidorm © Nicole Strasser

Benidorm klingt bereits nach Schrecken – nach Schrecken und nach Heiterkeit. Wie machen Menschen Urlaub? Eng zusammengedrängt in Betonwüsten mit Meereszugang: die Verlagerung des Kleingartenprinzips in die Höhe – ohne Garten.

Am stärksten wirken die Fotografien von Nicole Strasser sobald sich der Blick weitet und das gesamte Ausmaß sichtbar wird. Als ob der Einzelne nicht nur im Areal verschwindet sondern ihm diese urbane Entgleisung auch noch gleichgültig ist.

Nicole Strasser hat mit ihrer Arbeit über den spanischen Ferienort Benidorm bereits viel Aufmerksamkeit erfahren – unter anderem durch eine Platzierung beim Leica Oskar Barnack Preis und durch ein Stipendium bei der VG Bild Kunst auch bezahlte Veröffentlichungen hat es bereits gegeben.

Wir dürfen die Reportage hier in ganzer Länge zeigen. Vielen Dank dafür! Außerdem hat Nicole Strasser für Bildwerk3 ein paar Fragen zu ihrer Arbeit beantwortet:

Ihre Serie heißt im Untertitel: Das verlorene Paradies. Wie ist das gemeint?
Benidorm ist in sehr kurzer Zeit von einem kleinen Fischerort zu einer Touristenmetropole gewachsen. Es gibt beeindruckenden Fotos von Benidorm aus den 50er Jahren, auf denen es noch sehr idyllisch aussieht.

Leider ist davon nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Benidorm hat sich (stellvertretend für andere Orte des Massentourismus) sozusagen vom paradiesischen wegentwickelt. Daher dieser Titel.

Was haben Sie gedacht, als Sie diese Hochhauskulisse zum ersten Mal gesehen haben?
Mir wurde von begeisterten Benidorm-Fans vor meiner ersten Reise an die Costa Blanca berichtet, dass Benidorm an Manhattan erinnere, deswegen wird es scherzhaft auch Beniyork oder Benihattan genannt.

Als ich dann das erste mal inmitten der Hochhäuser stand, war ich zwar sehr überrascht, dass an dem schönen weißen Sandstrand mit türkisblauem Wasser sich so viele Betonriesen drängen, aber den Vergleich mit Manhattan fand ich dann doch übertrieben.

Viel schockierender als die vielen hässlichen Hochhäuser fand ich allerdings die Menschenmengen, die wie Ameisen aneinander lagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer sich freiwillig solch einem Urlaub aussetzen möchte.

Wie lange haben Sie an der Serie gearbeitet und mit welchem Equipment waren Sie unterwegs?
Dieser fotografische Essay ist für mein Diplom entstanden und ich hatte das Glück, mir viel Zeit dafür nehmen zu können. Ich war im Sommer 2008 fast 6 Wochen vor Ort und im Winter 2008 noch einmal 2 Wochen.

Die Fotos wurden alle mit einer digitalen Spiegelreflex (Nikon D300) aufgenommen. Um etwas statischer und ruhiger zu arbeiten (wie es sonst in der Mittelformatfotografie üblich ist), habe ich oft mit Festbrennweiten gearbeitet.

Bei meiner Arbeit habe ich sehr darauf geachtet, dass jedes Bild auch für sich stehen kann.  Außerdem war mir wichtig, dass die einzelne abgebildete Person nicht übermäßig an Bedeutung bekommt und die aufgesuchten Orte ihr ehr als Bühne dienen.

Jedes Bild beleuchtet eine andere Seite im verlorenen Paradies. Gibt es eine Ordnung der Bilder?
Nein, es gibt keine besondere Ordnung. Es gibt aber Bilder, die ich in meiner Bilderserie immer an den Anfang stellen würde, um dem Betrachter bereits mit den ersten Fotos einen Überblick zu geben, worum es mir in der Arbeit geht.

An welcher Stelle mussten Sie sich selbst überwinden? An welcher Stelle haben Sie andere dazu gebracht, sich zu überwinden?
Ich musste mich bei meiner ersten sehr langen Reise im Sommer 2008 vor allem überwinden durchzuhalten. Noch nie habe ich mich inmitten solcher Menschenmassen so allein und einsam gefühlt.

Das faszinierende an diesem Ort ist, dass der Einzelne in den der Menschenmassen völlig untergeht. So kann man in Benidorm Dinge tun oder anziehen, die man nie zu Hause tun würde bzw. anziehen würde. Überraschenderweise war es den Touristen auch völlig egal, dass ich sie fotografiert habe.

Andere habe ich nicht dazu gebracht, sich zu überwinden. Ich habe nie in Aktionen eingegriffen. Ich war nur stiller Beobachter.

Thema Bildbearbeitung: Wie wurden die Bilder bearbeitet? Gibt es eine Roh- und eine Fertigfassung ihrer Bilder?
Die Bilder wurden nicht großartig bearbeitet. Ich habe lediglich die RAWs geöffnet und ein paar Farb- bzw. Tonwertkorrekturen vorgenommen.

Was wird ihr nächstes großes Projekt sein?
Mit der Arbeit über Benidorm habe ich ein Stipendium von der VG Bild Kunst bekommen und werde Ende Mai/Anfang Juni 2010 für 3 1/2 Wochen nach Blackpool reisen. Blackpool wird häufig mit Benidorm verglichen. Es ist auch ein Ort des Massentourismus, allerdings schon eher dem Verfall preisgegeben.

Zahlen Redaktion heute Geld für die Veröffentlichung solcher Serien?
Ja. Ich hatte großes Glück. Die Arbeit über Benidorm hat die mare gekauft und Sie finden sie mit einem tollen Text von Christian Schüle im aktuellen Heft. Außerdem hatte ich mich mit dieser Arbeit beim Leica – Oskar Barnack Preis beworben und die Benidorm-Serie ist unter die ersten 10 Einsendungen gewählt worden.

Im Juni findet in Hannover das zweite Lumix Festival für jungen Fotojournalismus statt und auch hier wird meine Arbeit über Benidorm ausgestellt sein.

Fotografin Nicole Strasser

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

6 Kommentare

  1. Pingback: "Entweder man hasst oder man liebt Benidorm" » Bildwerk3

  2. Interessanter Beitrag;vor allem will ich gar nicht wissen wieviel arbeit dahinter steck!

    Es lohnt sich immer wieder hier vorbeizuschauen; Man sieht immer wieder neues und bekommt neue inspirationen.

    Danke

  3. Schon schade wie auf grund des Tourismusses, die ganze Gegend so verschandelt wird.
    Die Bilder schockieren ja grade zu 😉
    Der Artikel is schön aufgebaut diese art gefällt mir

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