Ich versuche mich selbst zurückzunehmen, um die anderen zu sehen
Die Bilder der Fotografin Nele Martensen haben etwas nordisch-hanseatisches … Im Interview erzählt die Hamburger Fotografin über ihre große Achtung gegenüber Menschen und über ihren Einstieg bei der Hamburger Morgenpost.
Noch bis zum 14.05.2010 sind ihre Bilder unter dem Titel: “Von kleinen und großen Menschen” in der kulturreich-Galerie in Hamburg zu sehen.

Greta und Paul aus der Serie 'greta und paul 1' – © Nele Martensen
Nele, seit wann fotografieren Sie?
Durch mein kreatives Elternhaus – Mutter Hutmacherin, Vater Grafiker – waren viele Freunde meiner Eltern Fotografen. Als kleines Mädchen hatte ich großen Respekt vor ihnen. Ich habe immer gedacht, dass sie in einem Menschen mehr sehen können als andere. Mich hat das fasziniert und zugleich beunruhigt.
Und was sagen Sie heute? Sehen Fotografen wirklich mehr?
Nein, heute denke ich das nicht mehr. Und trotzdem versuche ich immer wieder, das zu sehen und zu erfassen, was man sonst nicht sieht. Ich bin nicht sicher, ob mir das gelingt. Es gibt Menschen, die das behaupten, weil sie sich wiederfinden in meinen Bildern.
Ist das das schönste Kompliment für Ihre Arbeit?
Absolut. Wenn sich die Person getroffen fühlt und ich es schaffe, dass sie 100prozentig sie selbst ist auf dem Foto, macht mich das glücklich.
Was ist das Wichtigste und Schwierigste an der Fotografie?
Im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken.

Dietmar Schönherr © Nele Martensen
Was treibt Sie an?
Es liegt offenbar in meinem Wesen nie den Zustand der Zufriedenheit zu erreichen. Aber ich habe gelernt, die Kraft zu sehen, die dahinter steckt, sich ständig zu hinterfragen.
Wie bewahren Sie sich Ihre Leidenschaft?
Ich habe viele Jahre bei der Morgenpost gearbeitet und später beim Stern, bei Brigitte, Geo etc. Ich brauche diese Abwechslung, denn wenn ich zu lange dasselbe mache spüre ich: Jetzt wirst Du nachlässig.
Für mich ist es wichtig, beweglich zu bleiben. Sich nicht auf seinen Erfolgen auszuruhen. Mir hat mal jemand gesagt: „Dich kann man wohl für alles buchen!“ Über diesen Satz habe ich lange nachgedacht.
Ich bin grundsätzlich offen für alle Themen und das macht es sicherlich schwierig, mich in eine Schublade zu stecken.
Was spielt denn bei allen Aufträgen eine Rolle?
Egal was ich fotografiere, ich versuche immer, ein Gefühl rein zu bringen.
Sie fotografieren auch für Imagebroschupüren großer Unternehmen. Ist auch dort Platz für Emotionen?
Auch in großen Unternehmen arbeiten Menschen und es reizt mich, dies durch meine Arbeit zu zeigen.
Wie begegnen Sie den Menschen vor Ihrer Kamera?
Mit Respekt. Ich habe extrem viel Hochachtung vor Menschen.
So wie ein Schauspieler, der seine eigene Geschichte ablegt, um in seiner Rolle aufzugehen?
So in etwa. Ich versuche mich selbst zurückzunehmen, um die anderen zu sehen. Ich mache mich unsichtbar, um nicht im Weg zu sein – besonders wenn ich fotografiere.
Ist diese Verschmelzung der Schlüssel zu dem Gefühl in Ihren Bildern?
Ich denke schon. Für mich ist jeder Auftrag eine Herausforderung. Vor Jahren hatte ich das Angebot, eine Obduktion zu fotografieren. Ich habe mich, wie bei jedem Job, vorher gefragt: Was macht das mit mir? Was reizt mich daran? Immer wieder an Grenzen zu gehen bereichert mich und ist wahnsinnig spannend.
Sehen Sie die Kamera als ein Schutzschild?
Manchmal ja, manchmal nein. Bei der Obduktion war sie ein Schutzschild, in anderen Momenten wünschte ich, nur mit meinen Augen fotografieren zu können. Es gibt Momente, die sind einfach zu intim, um dabei auf den Auslöser zu drücken.
Dann ist die Fotografie eigentlich gar nichts für Sie?
In meiner Zeit bei der Morgenpost habe ich gelernt meine Schüchternheit und Zurückhaltung zu überwinden. Nach vorne zu gehen, in die erste Reihe, um die besten Bilder zu machen. Ich habe mich daran gewöhnt, von anderen bei meiner Arbeit beobachtet zu werden. Auch wenn mich das an der Fotografie immer gestört hat.
Wahrscheinlich würde ich deshalb heute auch immer sagen, dass ich mir diesen Beruf nie wirklich ausgesucht habe. Es hat sich eher zufällig ergeben.
Wie fühlen Sie sich vor der Linse eines Fotografen?
In der Fotoschule hat ein Freund Bilder von mir gemacht. Er war nie zufrieden mit dem, was ich tat, hat gemeckert, nichts war richtig. Ich habe mich benutzt gefühlt, deshalb bemühe ich mich heute sehr um einen behutsamen Umgang mit den Menschen, sie sind für mich nie Objekte.
Sie sagten, Sie seien eher durch Zufall zu diesem Beruf gekommen …
Das stimmt. Während eines Urlaubes habe ich mit einer geliehenen Kamera herumexperimentiert, was dabei herauskam gefiel mir und brachte mich auf die Idee, etwas mit Fotografie zu machen. Nach meiner Ausbildung bekam ich meinen ersten Job als Fotografin bei der Morgenpost, einer harten und guten Schule, weil mein Chef mir Aufträge und Mut gegeben hat. Dreieinhalb Jahre habe ich dort gearbeitet.
Sie sind ein sehr nachdenklicher Mensch …
Sobald ich auf der Fotobühne stehe, versuche ich leicht zu sein und die Menschen zu entspannen.

Michael Haentjes © Nele Martensen
Wie gelingt es Ihnen, dass sich die Menschen wohlfühlen vor Ihrer Kamera?
Ich glaube, ich schaffe es, weil ich bereit bin, mich nicht zu ernst zu nehmen. Ich bin vollkommen uneitel und möchte mich nicht unnahbar machen, sondern miteinander ins Gespräch kommen.
Empfinden Sie sich als Künstlerin?
Nein, ich sehe mich als Dienstleisterin mit einer guten Intuition. Es braucht ein wenig Handwerk, um zu fotografieren und es geht darum, Situationen richtig einzuschätzen und ein Gespür für die Menschen zu entwickeln.
Wenn man Sie beobachtet, fotografieren Sie mit einer unwahrscheinlichen Leichtigkeit …
Mir fällt das Fotografieren leicht. Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte mit meiner Kamera tanzen. Ganz besonders bei Bewegungsbildern. Dabei versuche ich, die Bewegung vorauszusehen.
Früher war ich gerne mal zu spät, heute habe ich ein Gespür für den richtigen Moment entwickelt. Das liegt auch daran, dass ich die Menschen sehr genau beobachte. Die Kamera ist dabei immer ein Teil von mir.
Was ist für Sie das perfekte Bild?
Ich spiele gern mit Bewegung, Schärfe und Unschärfen. Durch eine leichte Unschärfe bekommen Gesichter einen anderen Ausdruck und es ist dieser gewisse Ausdruck, den ich suche. Dieser Moment dazwischen, dieser kleine Augenblick, in dem derjenige vergisst, dass ich ihn fotografiere.

Greta © Nele Martensen
Wollen Sie die Seele des Menschen abbilden?
Mein Bestreben ist, zu schauen und zu verstehen. Das Schöne und Besondere herauszuholen. Meistens gelingt es mir, dass die Menschen mir vertrauen und sich fallen lassen. Das lässt meine Arbeit gelingen.
Was fotografieren Sie am liebsten?
Menschen in ihrer natürlichen Umgebung. Am wichtigsten ist mir Authentizität. Ich versuche zwar zu inszenieren, tue das aber so, dass es trotzdem authentisch bleibt.
Wie bearbeiten Sie Ihre Fotos?
Nur so, wie man es früher im Labor gemacht hat. Manchmal hebe ich den Kontrast besonders hervor, verändere etwas an der Helligkeit oder den Farben. Aber ich zaubere nicht.
Das Interview führte Uta Missling (2010).


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ein beeindruckendes Interview, vielen Dank dafür!