3. Mai 2010 Red. 4

Aspekte der Seenotrettung fotografisch umsetzen

Thomas Steuer hat sich für seine Diplomarbeit mehr als einmal ins Wasser begeben und sich von den Mitarbeitern der DGzRS – der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger herausholen lassen.

In einem Gastbeitrag für Bildwerk3 schildert er die Herangehensweise und die Umstände seiner Arbeit. Wer Fragen zu den Aspekten Überlegung, Planung und Umsetzung einer fotografischen Arbeit hat, kann sie hier gern stellen und ich denke, wir finden gemeinsam auch Antworten.

Vielen Dank schon einmal an den Fotografen Thomas Steuer für seine faszinierenden Aufnahmen und natürlich auch dafür, das wir sie hier zeigen dürfen.

© Thomas Steuer Fotodesign

© Thomas Steuer Fotodesign

Konzept und Planung

In meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich mit den Seenotrettern der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS / www.seenotretter.de). Mein Interesse gilt den Menschen, die sich hinter den Seenotrettern verbergen – und der Thematik Meer überhaupt.

Helden, Retter, Seemänner. In meinen Bildern möchte ich Menschen zeigen, die den Naturgewalten trotzen, sie respektieren und mit nötigem Weitblick agieren. Helden, die sich darüber hinaus nicht als Helden fühlen, weil sie Profis sind.

Inhalt meines Konzeptes ist es, Seenotretter als Helden darzustellen und diesen inszenierten Portraits, Fotos des Arbeitsplatzes sowie des Einsatzes gegenüber zu stellen. Inhaltlich habe ich die Arbeit in 3 Aspekte gegliedert:  Mensch (Portrait) - Aufgabe (Arbeitsplatz-Fahrtaufnahmen-Technik) - Einsatz (Situation eines Schiffbrüchigen).

Die Fotos sollen eine eigene Bildsprache bekommen, damit eine geschlossene Geschichte erzählt werden kann. Nicht nur um Klischees zu bedienen, sondern vielmehr den Abbildungen Emotionen mit auf den Weg zu geben. Somit kann sich der Betrachter in die Situation hinein versetzen.

Gemessen an der heutigen Bildästhetik funktioniert dies mittels inszenierter Fotografie sowie einer Postproduktion die den Zeitgeist trifft. Den Look der Portraits werde ich in einem Testshooting definieren. Darauf werde ich den Stil der anderen Fotos aufbauen.

Ein großen Teil meiner Diplomarbeit verbrachte ich mit der Ausarbeitung und dem Feinschliff meines Konzeptes sowie der Planung und Organisation der einzelnen Fahrten an die verschiedenen Stationen der DGzRS.

Organisation und Umsetzung

Jedes Shooting wurde genau geplant. Angefangen bei Rent Equipment, Reiseablauf, Unterkunft, Termine bis hin zum Shooting-Plan mit genauen Einstellungen und Ablauf der Fotografie.

Selbstverständlich gewährte ich mir immer einen gewissen Puffer, da manche Ideen und auch Umsetzungen erst vor Ort entstanden sind. Nach der ersten Fahrt, wo ich 5 Stationen besucht hatte und ausschließlich Portraits gemacht habe, habe ich mit den ersten Eindrücken und den neu erworbenen technischen Hintergründen der Seenotrettung ein Storyboard angelegt.

Da ich verschiedene Aspekte der Arbeit der Seenotretter aufzeigen wollte, war dies ein absolutes Muss. Schließlich folgten nach einer Woche Planung nur 3-4 Fototage, da musste alles sitzen – Zeit etwas zu wiederholen gab es in den meisten Situationen nicht. Das Storyboard hat mich ständig begleitet, so konnte ich neu erfahrene interessante Aspekte direkt mit einfließen lassen beziehungsweise die einzelnen Fotothemen besser miteinander verknüpfen.

© Thomas Steuer Fotodesign

Das Hinsehen, Aufpassen beziehungsweise im Auge behalten soll in meinen Bildern aufgenommen werden.© Thomas Steuer Fotodesign

1. Bildbeispiel : Portrait

Die Seenotretter werden im Halbprofil fotografiert. Der wichtigste Bestandteil der Arbeit der Seenotretter liegt im Beobachten. Sie beobachten die See nach noch nicht aufgetauchten und sich in Seenot befindenden Personen und sie beobachten ihre Navigationsinstrumente. Neben dem Aspekt (Zivil-) Courage und Heroismus spielt folglich der Bereich Beobachtung eine entscheidende Rolle. Das Hinsehen, Aufpassen beziehungsweise im Auge behalten soll in meinen Bildern aufgenommen werden.

Auf dem Set kommen drei Leuchten zum Einsatz. Als Hauptlicht wird ein Engstrahlreflektor (P65) mit mittlerer Wabe von oben links eingesetzt. Von hinten rechts wird ebenfalls ein Engstrahlreflektor (P65) mit großer  Wabe als Gegenlicht gesetzt, was gleichzeitig die Aufhellung der zugewandten Wangenseite bedeutet. Man erhält ein durchzeichnetes Foto mit hohem Kontrast und harter Lichtführung, die die Thematik aus meiner Sicht unterstreicht. Die dritte Leuchte (Normalreflektor P75, mittlere Wabe) wird als Beleuchtung  des Hintergrundes eingesetzt.

Bezüglich der Perspektive werden die Personen leicht von unten fotografiert.  Da die Arbeit der Seenotretter durch die Arbeit im Team und das Alltagsleben in der Gemeinschaft geprägt ist, werden alle Seenotretter verschiedener Seenotkreuzer im gleichen Stil fotografiert.

© Thomas Steuer Fotodesign

Ähnlich wie in der Autofotografie mit einem RIG habe ich das Foto mittels einer ähnlichen, aber flexibleren Konstruktion umgesetzt © Thomas Steuer Fotodesign

2. Bildbeispiel : Fahrtaufnahmen

Diese Aufnahme entstand mittels Langzeitbelichtung. So entsteht ein Wischer/Bewegungsunschärfe im Hintergrund und der Vordergrund bleibt scharf. Ähnlich wie in der Autofotografie mit einem RIG habe ich das Foto mittels einer ähnlichen, aber flexibleren Konstruktion umgesetzt.

Mir war es wichtig, verschiedene Aspekte der Seenotrettung so umzusetzen wie es bisher noch nicht gemacht wurde. Durch die Wetterstimmung bekommt das Bild eine Stimmung, die dem Thema, wie ich finde, ganz gut gerecht wird.

© Thomas Steuer Fotodesign

Diese Aufnahme entstand mit einem Unterwasser-Gehäuse © Thomas Steuer Fotodesign

3. Bildbeispiel : Arbeitsplatz-Technik

Diese Aufnahme entstand mit einem Unterwasser-Gehäuse von IKELITE um meine DSLR(5DMARK2) zu schützen. So konnte ich verschiedene Aspekte der Seenotrettung, so wie hier Kommunikation über Funk in ihrer eigentlichen Umgebung umsetzen.

Der Effekt der fliegenden Gischt wird durch Wasser auf der Linse verstärkt, was mit dem großen Domeport möglich war. Dieser war unter anderem ein Muss um im Weitwinkelbereich arbeiten zu können.

© Thomas Steuer Fotodesign

Die Perspektive aus dem Wasser © Thomas Steuer Fotodesign

4. Bildbeispiel : Arbeitsgerät-Schiffsaufnahme

Bei dieser Aufnahme habe ich tatsächlich im Wasser gelegen. Ebenfalls mit einen UW-Gehäuse ausgestattet – Spezial Port für Weitwinkelaufnahmen. Gute Vorbereitung und wahrscheinlich das beste Team auf der Welt ganz in der Nähe, das einen herausfischt, falls etwas schief geht.

© Thomas Steuer Fotodesign

Bei dieser Aufnahme kam kein Photoshop zum Einsatz © Thomas Steuer Fotodesign

5. Bildbeispiel : Einsatzort

Für das Thema ist es wichtig diverse Landschaftsaufnahmen anzufertigen. Das weite Meer ist der Arbeitsplatz der Seenotretter.

Da ich nach Abschluss der fotografischen Arbeit ein Logbuch angefertigt habe, war mir im Vorfeld klar, dass ich eine große Bandbreite fotografischer Arbeiten abdecken muss. Vom Portrait über Reportage bis hin zur Landschaftsfotografie – ein Spagat sozusagen.

Zu dieser Aufnahme  muss ich sagen, das hier kein Photoshop zum Einsatz kam. Hüfttief durch das Wasser watend habe ich die Kamera mit einer längeren Belichtungszeit und Weitwinkelobjektiv geschwenkt. Kurz vor dem Sonnenuntergang und die vorhandenen Wolken verliehen dem Foto seine Stimmung.

© Thomas Steuer Fotodesign

Die Wellen sind in Wirklichkeit nicht so hoch © Thomas Steuer Fotodesign

6. Bildbeispiel: Situation eines Schiffbrüchigen

Mittlerweile würde ich dieses Foto als situative Landschaftsfotografie beschreiben. Ziel der Aufnahme war es, zu zeigen, wie ein Schiffbrüchiger sich fühlt und wie schwer auch eine Suche aus Sicht des Seenotkreuzers ist. Man sucht sprichwörtlich die Nadel im Heuhaufen. Dennoch soll dieses Foto natürlich auch Hoffnung vermitteln.

Wieder einmal habe ich mit dem Unterwasser-Gehäuse im Wasser gelegen. Hier habe ich gemerkt, das man Erfahrung bei Wasseraufnahmen braucht um ein gutes Foto zu bewerkstelligen. Die Wellen sind in Wirklichkeit nicht so hoch wie es aussieht. Durch die Kamerahaltung sowie ein extremes Weitwinkel entsteht dieser Effekt.

© Thomas Steuer Fotodesign

Ich hatte Glück mit dem Wetter, es gab eine geschlossene Wolkendecke © Thomas Steuer Fotodesign

7. Bildbeispiel: Portrait

Ehrlich gesagt wollte ich anfangs alle Portraits ähnlich wie dieses in Szene setzen. Doch bei Besatzungen von neun Mann pro Seenotkreuzer und vier Mann pro Törn brauchte ich eine Form, die unabhängig vom Wetter war. Aber dennoch wollte ich genauso ein Bild machen wie abgebildet.

Ich hatte Glück mit dem Wetter, es gab eine geschlossene Wolkendecke über dem Festland bis hin zum Strand. Wir standen auf einer Buhne und ich hatte einen akkubetriebenen Generator im Einsatz.

Ein Normalreflektor mit enger Wabe von oben rechts kam zum Einsatz. Was hier aussieht wie das Gegenlicht ist das Sonnenlicht. Der Trick ist den Blitz circa 1,5 Blenden heller einzustellen als das Umgebungslicht und schon erscheint der Himmel wesentlich dunkler als in Wirklichkeit. Der blaue Farbton entsteht durch die kühle Farbtemperatur die beim Entwickeln der RAW Dateien entstanden ist.

Postproduktion

Nach jedem Fototag erfolgte erst einmal die Sichtung der Daten per Laptop und Abgleich mit dem Shootingplan.

Zuhause am Arbeitsplatz wurden die Daten gesichtet und im Lightroom mit gleichzeitiger Archivierung verschiedenen Themenbereichen zugeordnet.  Alle ausgewählten Bilder wurden daraufhin in Photoshop bearbeitet.  Zuerst Kratzer und Staub entfernen.

Schließlich wurde bei einem Großteil der Bilder eine aufwendige Farbkorrektur durchgeführt. Ähnlich wie zu analogen Zeiten in der Dunkelkammer gefiltert wurde, habe ich diesen Fotos durch Farbkorrektur einen adäquaten Look verpasst. Im Anschluss  habe ich den lokalen Kontrast im Bild erhöht und eine separierte  Schärfung mittels Hochpassfilter angewandt.

Fazit

Um eine funktionierende Bildstrecke zu kreieren, bedarf es zu Einem Erfahrung, die ich durch mein Studium, sowie jahrelange Assistenz bei Fotografen erlangen konnte. Zum Anderen verlangt gute Qualität ein Konzept, das penibel aber dennoch mit viel Flexibilität geplant und umgesetzt wird. Eine eigene Bildsprache kann entstehen, wenn man mit viel Leidenschaft jeden Tag um gute Bilder kämpft.

Im Moment 4 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. tobi sagt:

    Ganz, ganz tolle Fotos! Wirklich. Insb. beim Portrait am Ende kommt so ein “rauhe See”-Feeling auf.

  2. Adrian sagt:

    Hi,

    das ist wirklich ne tolle Serie. Die Bilder sind wirklich klasse geworden.

    Mein Respekt für diese Leistung auf hoher See.

    Gruss,
    Adrian

  3. Marcel sagt:

    Ein sehr spannender Bericht, hat richtig Spaß gemacht ihn zu lesen. Die gelungenen Fotos dazu runden das ganze perfekt ab!

    lg Marcel

  4. Felix sagt:

    Wow! Die Bilder scheinen einem roten Faden zu folgen.

    WIrklich genial, auch die verschiedenen Blickwinkel.
    Sehr gelungen.

    Beste Grüße,
    Felix

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