18. April 2010 0

Eine eigene(!) Bildsprache

Von Marko Radloff

Verglichen mit anderen Fotografen hat Tania Reinicke früh den eigenständigen Ausdruck gesucht und früher als manche Kollegen ihre Arbeiten in Ausstellungen und Büchern präsentiert. Herausgekommen ist ein akzentuiertes und facettenreiches, in seiner Vielfalt nicht gerade homogenes Portfolio.

Höhepunkt sind aus meiner Sicht die Aufnahmen aus der Serie Lost Spaces Beijing,China – zu sehen auf den Seiten von derfreiraum.com – auf diesen Bildern wird die Wechselbeziehung von Fotografin und Metropole, Fotografin und Ballungsgebiet besonders greifbar und ist stilistisch sehr fein abgestimmt – Tania Reinicke lebt und arbeitet im Ruhrgebiet.

© Tanja Reinicke

© Tanja Reinicke

Marko Radloff/Bildwerk3: Worin besteht der Wert einer guten Ausbildung zum Fotografen? Welche Ausbildung haben Sie absolviert?
Fotografin Tania Reinicke: Die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen sollte Wissen vermitteln, das in die zukünftige Arbeit des Fotografen fließt.

Im Mittelpunkt dieser Rückkopplung von theoretischer Auseinandersetzung und praktischer Anwendung sollte dabei die Konzeption einer eigenen fotografischen Sprache stehen.

Ich habe an der Fachhochschule Dortmund bei Prof. Heiner Schmitz und Prof. Gerald Koeniger studiert. Neben dem Studium habe ich assistiert, um meine praktischen Kenntnisse zu vertiefen.

Was erwarten Sie von Ihren Assistenten? Was erwarten Ihre Assistenten von Ihnen?
Ich erwarte von meinen Assistenten Zuverlässigkeit, dass sie neugierig sind, immer wieder neue fotografische Felder zu erkunden, die Fähigkeit, sich mit den neusten Techniken vertraut zu machen und vor allem Teamfähigkeit.

Ein Assistent muss dabei in seinen Arbeiten eine eigene fotografische Bildsprache entwickeln können. Wir haben leider die Erfahrung gemacht, das Assistenten sich gerne die fotografische Sprache ihrer Arbeitgeber unreflektiert aneignen.

Eine hervorragende Fotografie entsteht eher zufällig oder muss sorgfältig geplant sein?
Es gibt beide Möglichkeiten. Viele meiner fotografischen Arbeiten, die international ausgezeichnet wurden, entstehen aus zufälligen Situationen, Inspirationen durch aktuelle Ereignisse, Literatur und Film.

Die so entstandene Idee wird im Anschluss jedoch sehr sorgfältig konzipiert und realisiert. Ich gebe dem Zufall gerne die Möglichkeit in meinen Arbeiten einzugreifen und bleibe damit immer offen für neue Ideen und Möglichkeiten.

Welches wird Ihr nächster großer (Selbst-)Auftrag, Ihr nächstes, wichtiges Projekt sein?
Es gibt zur Zeit mehrere Projekte, an denen ich zusammen mit meinem Partner Ekkehart Bussenius arbeite.

Einen Höhepunkt wird sicherlich im September das TWINS.2010 Projekt HOMESTORIES bilden, das sich damit beschäftigt, wie Jugendliche aus Deutschland und Serbien ihre Heimat erleben, welche Vorstellungen und Wünsche sie haben, was sie gerne verändern würden. Die Ergebnisse werden im Rahmen eines audiovisuellen Events im Dortmunder „Depot“ zusammengeführt und präsentiert.

Daneben gibt es ein Ausstellungsprojekt, das sich mit Portraits autistischer Künstler beschäftigt und im Mai in der documenta Halle in Kassel ausgestellt wird.

Wen möchten Sie gern einmal fotografieren? Für welche Marke haben Sie sofort eine zündende Idee – in Form eines Bildes?
Der Fokus meiner fotografischen Arbeit liegt nicht auf den großen „Stars“ sondern auf dem Menschen in seiner Vielfalt. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen ist für mich besonders wichtig.

Was möchten Sie niemals machen – als Fotograf?
Werbefotografie ohne jeden Inhalt.

Seit wann können Sie als Fotograf von Ihren Einkünften gut leben?
Ich bin seit 10 Jahren selbstständig und kann seit ca. 8 Jahren auch gut davon leben.

Um sich den wirtschaftlichen Schwankungen anpassen zu können, muss ein Fotograf sehr flexibel und vorausschauend agieren. So entwickeln wir teilweise im Jahr voraus Konzepte für bestimmte Projekte, die erst viel später zum Tragen kommen

In welcher Stadt auf der Welt lebt es sich als Fotograf am besten und warum gerade dort? Und natürlich: wo leben Sie heute?
Als Fotograf lebt es sich in jeder Stadt aber auch auf dem Land gut – je nachdem in welchem Bereich die fotografischen Schwerpunkte liegen.

Bereits im Rahmen unseres Fotografie Studiums haben wir das Ruhrgebiet als Metropole für uns entdeckt. Das Ruhrgebiet ist aufgrund seiner Authentizität und seiner vielen noch ungenutzten Potentiale reizvoll. Wir schätzen die zentrale geografischen Lage, Struktur und die zahlreichen kulturellen Aktivitäten.

So haben auch wir uns ganz bewusst für ein Leben und Arbeiten mitten im Zentrum Europas entschieden. Seit 1999 leben und arbeiten wir im Ruhrgebiet, wo wir neben unseren freien fotografischen Arbeiten und Ausstellungskonzeptionen auf einem ehemaligen Gutshof ein Studio für Fotografie mit den Schwerpunkten Architektur, Editorial, Industrie und People betreiben.

Zeit für Kinder und Familie?
Ich habe das Glück, mit meinem Partner Ekkehart Bussenius gemeinsam ein Studio zu betreiben. So ist es sehr einfach, Familie und Kinder unter einen Hut zu bekommen.

Ihr größter Erfolg bisher?
Es gibt viele Erfolge, die für mich wichtig sind, dazu gehört eine Ausstellung meiner Arbeit „Bauten der Boomjahre“ im Kunstmuseum Mülheim, eine frühe Auszeichnung meiner Arbeiten im Rahmen des Reinhart-Wolf- Preises, aber mein größter Erfolg ist, dass ich meine eigene fotografische Bildsprache sowohl im Kunstkontext als auch bei Auftragsproduktionen durchsetzen kann.

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