Immer weniger Platz für mehrseitige Fotogeschichten. Und dennoch …
Fotografie kann Geschichten über Menschen erzählen. Manchmal vergesse ich das. Manchmal gerät das überhaupt in Vergessenheit, angesichts kaum noch beherrschbarer Bilderfluten, allzu leicht gewordener Inszenierung und technischer Perfektion …
Da hilft ein Blick auf’s Portfolio von Gruppe28 – einer Fotografenagentur aus Hamburg – die sich zum Ziel gesetzt hat fotografische Individualität und eine eigenständige Bildsprache und vor allem Geschichten herauszustellen.
Ich habe mit Silvia Schwack-Schmitz über das Selbstverständnis von Gruppe28, über die schwierige Lage bei den Magazinen und mögliche Auswege über den Umgang mit dem fotografischen Nachwuchs und ihre Liebe zu Hamburg gesprochen.

Ikea Store in Peking: Studenten Wang und Oulei sitzen zur Probe auf einem Bett. - 2003 © Walter Schmitz/Gruppe28
Marko Radloff/Bildwerk3: Seit wann gibt es Gruppe28 und was war der Auslöser, sich zusammen zu tun?
Silvia Schwack-Schmitz/Gruppe28: Die Gründung der Gruppe28 liegt im Herbst 2007 – online gibt es uns seit April 2008. Unser Ziel war es, eine Agentur ins Leben zu rufen die sich von den großen Massenagenturen abhebt.
Wir verstehen Fotografie nicht in erster Linie als ein beliebig austauschbares Produkt und Fotografen nicht als namenloses Herdenvieh sondern suchen hinsichtlich Bildsprache und Thematik nach Individualität und Charakter. Was es nicht unbedingt einfacher macht aber uns Spaß bringt und den wollen wir unbedingt in unserer Arbeit haben, sonst würden wir was anderes tun …
Für wen arbeitet Gruppe28? Auf welchen Wegen gelangt das Material zu den Kunden von Gruppe28?
Wir arbeiten in erster Linie für Redaktionen und Verlage, Werbeagenturen, aber neuerdings auch direkt für Firmen aus Industrie und Dienstleistung.
Unsere Bilder gelangen über regelmäßige Aussendung, unseren einmal monatlich erscheinenden Newsletter und nach direkten Anfragen zu unseren Kunden. Natürlich immer in digitaler Form. Und selbstverständlich sind wir im APIS-Verbund.

Die Zahl der illegalen Einwander die über die Türkei nach Griechenland gelangen hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Türkische Schlepper bringen in kleinen Booten Menschen aus Somalia, Afghanistan und Kurdistan für 2000-3000 Euro an die Küsten der griechischen Inseln Samos Lesbos und Agathosini. Flüchtlinge in einem Boot versuchen der griechische Küstenwache zu entkommen. - Juni 2009 © Angelos Tzortzinis/Gruppe28
Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei ihnen aus?
Unser Tag ist angefüllt mit Telefonaten und der Beantwortung von E-Mails. Es geht dabei um Kundenanfragen – ein Magazin möchte diese oder jene Serie bringen – oder um die Abstimmung mit einem Fotografen über Honorar- oder über inhaltliche Fragen.
Oder, was auch immer und jeden Tag passiert: einer unserer Fotografen erzählt von seinem nächsten Projekt und wir versuchen dann bei unseren unterschiedlichen Kunden Interesse für dieses Projekt zu wecken, um einen kompletten Auftrag oder eine Zusage zu bekommen.
Einige Stunden sind auch für die Recherche reserviert: über Fotografen die sich bei Gruppe28 melden, im Netz Informationen sammeln und uns einen ersten Eindruck über das Portfolio machen.
Fotografen, die bei Gruppe28 sind, sind in keiner anderen Agentur?
Das ist eigentlich so. Wir haben mit unseren Fotografen Exklusivverträge. Es gibt aber, wie überall anders auch, auch bei uns gelegentlich Ausnahmen.
Gibt es Fotografen, die nicht bei Gruppe28 arbeiten, die Sie aber gern dabei hätten?
Oh ja!

Indien, Bundesstaat Manipur. Imphal Gilead`s Balm christliche Entzugsklinik für Heroinabhängige. Neue Patienten werden an einer kurzen Kette angeketten um eine Flucht zu verhindern. Je länger sie bleiben desto mehr Glieder erhält die Kette und desto mehr Bwegungsfreiheit erhält der Patient. Das Program läuft seit zwei Jahren ergolgreich. - Mai 2004 © Leah Nash/Gruppe28
Nehmen wir einmal an, ich möchte als junger Fotograf bei Gruppe28 mitmachen. Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?
Nun ja, in erster Linie Qualität und der Fotograf sollte den Eindruck vermitteln, dass er in der Lage ist, für eine Sache zu brennen – also Aktivität. Damit wäre dann schon viel erreicht.
Und natürlich suchen wir auch Fotografen, die bereits eine eigene Handschrift entwickelt haben.
Was vermissen Sie am fotografischen Nachwuchs am meisten?
Gute Frage, aus kaufmännischer Sicht würde ich sagen, Veröffentlichungen. Hat jemand bereits Fotos veröffentlicht, sind seine Bilder bekannter als die anderer Fotografen, ist es für uns einfacher diesen Fotografen bei Zeitschriften und Zeitungen oder Agenturen unterzubringen. Mir ist allerdings auch bewusst, dass das immer schwerer zu realisieren sein wird.
Verdienen sie als Agentur in erster Linie mit Produktionen oder durch Stockfotografie?
Wir verdienen noch immer mit Fotografien und Bildern, die im Auftrag produziert wurden und die dann auch als Einzelbilder verkauft werden.
Welche Zukunft hat aus Ihrer Sicht das Magazingeschäft?
Den vermeintlich großen Magazinen geht es zunehmend schlechter. Die Hefte werden immer dünner, das Anzeigenaufkommen geht zurück – es ist immer weniger Platz für mehrseitige Geschichten. Außerdem ist an dieser Stelle der Preisdruck ungeheuer hoch: noch immer wollen alle dort hinein.
Unsere, meine Hoffnung liegt in Magazinen, die in kleinen Verlagen und kleinen Auflagen herauskommen – sogenannte Special Interest Magazine. Dieser Markt wird in Zukunft wachsen.
Mit welchen Lizenzmodellen arbeiten sie und was ist die Grundlage für ihre Preiskalkulation?
Viele große Verlage haben ihre eigenen Preisvorstellungen. Hier verhandeln wir manchmal über 10 Monate um nur ein wenig von den festgesetzten Preisen weg zu kommen.
Ansonsten richten wir uns nach den Preis- und Vergütungsempfehlungen der Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing (MFM).
Welche Veränderungen auf dem Bildermarkt in den letzten Monaten und Jahren bedeuteten für Gruppe28 die größte Herausforderung?
Schwer zu sagen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Ich meine in Bezug auf die Fotografie überhaupt. In den letzten Jahren wurde soviel fotografiert wie sonst niemals zuvor und niemals zuvor wurde soviel beliebiges, austauschbares Material auf den Markt geworfen. Gleichzeitig wird es immer schwerer qualitativ hochwertiges Material – Dokumentationen und Reportagen – unterzubringen, geschweige denn zu finanzieren.
In den letzten Monaten kommt hinzu, dass einige Verlage alle Rechte von den Fotografen und von uns wollen – einschließlich des Rechts auf Mehrfachverwertungen – ohne allerdings mehr dafür zu bezahlen.

Nordamerika USA, Oregon. Melissa Walsh(30) und ihr Mann Sean haben durch eine Zwangsversteigerung ihr Haus verloren und zogen mit den Sachen die sie tragen konnten nach Portland. Da sie auch hier ihre Miete nicht bezahlen konnten leben sie heute in einer Obdachlosenunterkunft außerhalb der Stadt. Meliisa hat das Asperger Syndrom und bekommt wegen ihres Autismus und der Wirtschaftskrise keinen Job ihr Mann Sean ist krank und hat über 110.000 US Dollars an Arzneimittelrechnung zu zahlen. - August 2009 © Leah Nash/Gruppe28
Wie sind Sie selbst zur Fotografie gekommen? War da nie der Wunsch, selber zu Fotografieren?
Über Sven Simon alias Axel Springer Junior. Natürlich wollte ich auch nach ein paar Jahren selber fotografieren. Das habe ich auch gemacht. Einen Titel für Impulse, mehrere Geschichten für den Stern.
Nach einem halben Jahr habe ich aber aufgehört, weil meine Ansprüche so hoch waren, und ich mir keine Zeit gelassen habe mich zu entwickeln. Danach habe ich nie wieder professionell fotografiert.
Ist es für eine Fotografenagentur egal, aus welcher Stadt in Deutschland man Fotografie verkauft – oder bietet Hamburg einen Extravorteil als Presse- und als Medienstandort?
Eigentlich ist es egal, aber Hamburg bietet den Vorteil, dass man auf Vernissagen und anderen Events doch mehr Menschen aus der Branche trifft, als in anderen Städten.
Klaus Mewes und ich lieben Hamburg und wollen gerade in keiner anderen Stadt leben.

Während des Spring Break besuchen über eine Million Studenten Miami. Die Studentin flößt Studenten mit Trichter Bier ein. Durchschnittlich 10 alkoholische Getränke pro Tag trinkt eine weibliche Studententin während des Spring Break. - März 2005 © Leah Nash/Gruppe28

Westafrika, Sierra Leone, Freetown. Fussballteam der Verstümmelten beim Trainig vor einem Freundschaftsspiel zur Eröffnung eines Sondergerichts. Während des Bürgerkrieges begann die Rebellenarmee Revolutionary United Front (RUF) systematisch Teile der Zivilbevölkerung zu eleminieren, zu verstümmelen und zu vergewaltigen. - April 2004 © Stuart Freedman/Gruppe28


Mit der Kamera sehen Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter
Ein Tag Deutschland:
Das Wesen der Fotografie: Ein Elementarbuch Stephen Shore erklärt, wie man Fotografien richtig beurteilt und versteht.
Erfolg als Fotograf: Wie man sein Können optimal präsentiert Autorin: Dr. Martina Mettner
Ein toller Bericht. Ich finde die Bilder äußerst authentisch und daher aus der Masse hervorblickend. Mittlerweile gibt es einen Wust an Fotos, die man im Internet findet. Ich schätze, dass dieser Weg der Richtige ist!
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Danke für das Interview.
Gruss,
Adrian
Gern gemacht … lieben Dank für den Bookmark
” für eine Sache zu brennen – also Aktivität.”
Das bringt es wohl auf den Punkt und ist wohl einer der grössten Mangel in alle dem Bilderwust der sich im Netz so tummelt.
Ebenfalls gebookmarkt!
Kann mich Adrian nur anschliessen. Sehr gut!
Gefallen mir echt gut die Fotos. Tolle Arbeit und toller Bericht.