16. Februar 2010 M.R. 2

Fotografieren im Berlinale-Rhythmus

Akkus geladen, Speicherkarten leer, Blitz in Bereitschaft; ein kurzer Blick auf die Kameraeinstellungen, ein Blick zum Nebenmann und los geht die Show. Die Plätze an den roten Teppichen dieser Welt sind reglementiert und dpa-Fotograf Jens Kalaene gehört berufsmäßig zu denjenigen Fotografen, die vom Rand die Bilder machen, die die Welt sehen möchte, die die Stars für ihren Ruhm benötigen, nach denen Veranstalter und Medien verlangen.

So nicht anders in Berlin, nicht anders zur Berlinale, nicht anders zur Eröffnungsfeier vor dem Berlinalepalast am Potsdamer Platz in der letzten Woche. Es gibt noch fünf weitere Fotografen der Deutschen Presseagentur, die an diesem Abend dabei sind: unmittelbar im Eingangsbereich und im Saal.

© picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Ein Blick dem Fotografen: Schauspielerin Jessica Schwarz auf der 60. Berlinale © picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Events brauchen Bilder. Nicht nur um zu zeigen was passiert ist sondern auch damit sich Veranstalter im Ringen um das knappe Gut Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wiederfinden.

Nachdem die allerersten Bilder vom Eröffnungsstaraufgebot gemacht sind geht die Speicherkarte an einen von zwei Editoren. Die sitzen etwas abseits an Tischen vor ihren Notebooks und schauen auf die ersten Bilder. Nun wird aus dem ersten Material ausgewählt, die Bilder werden beschriftet, das heißt, vor allem mit den Namen der abgebildeten Personen und dem Ort der Veranstaltung versehen und an die Zentrale der dpa nach Frankfurt geschickt.

„Das ist eine Arbeit, die der Fotograf bei anderen Veranstaltungen selber übernimmt“, sagt Kalaene. Zur Eröffnungsfeier an diesem Tag gibt es aber mehr als sonst zu fotografieren und die Bilder müssen schneller als bei anderen Events Medien erreichen – vor allem die Onlinemedien sorgen für eine beschleunigte Nachfrage.

Als ob ein Ereignis lediglich aus seiner Eröffnung und vielleicht noch der Preisverleihung besteht, richten sich die Augen der Betrachter und damit auch die der Fotografen insbesondere auf diese Momente.

„Wenn ich es schaffe“, so Kalaene, „ dann habe ich die Bilder schon an der Kamera während beim Fotografieren getaggt.“ Eine Art internes Voting-System, das dafür sorgt, das die getaggten Bilder zuerst editiert werden und als erste in der Datenbank abrufbar sind.

Das Besondere an der Berlinale? Es ist Winter und im Winter ist es kalt. „Man steht oft erst Draußen, dann geht es rein. Also werden die dicken Schuhe ins Auto gelegt und dann gewechselt. Ohne Schal am Mann überlebt man die Berlinale aber nicht, es zieht immer und überall …“

Event und Fotografie

Kurze Zeit später können die ersten Bilder beim dpa-Bildfunk abgerufen. Vielleicht hat der eine oder andere Chefredakteur an diesem Abend den Redaktionsschluss verschoben und kann nun eines dieser Bilder in den bereits vorbereiteten Artikel einfügen – für die Ausgabe der Zeitung vom folgenden Tag.

Heute geschieht die Bebilderung von Großereignissen nach einem raffinierten System gegenseitiger Abhängigkeiten: Veranstalter wollen Bilder von ihrem Ereignis in die Welt aussenden, Fotografen wollen fotografieren, Agenturen wollen das Material verkaufen, Medien wollen partizipieren und den Glanz des Ereignisses für diejenigen transportieren, die nicht dabei waren.

© picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Gesehen werden wollen: Die deutschen Schauspieler Oliver Korittke und Birgit Stein © picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Und damit das so funktioniert gibt es für Fotografen ein ausgeklügeltes Reglement: von den Positionen am roten Teppich über die Pflicht zur Abendgarderobe bis hin zum Fotoschluss um 1.30 Uhr in der Nacht, der vom Veranstalter bestimmt wird.

„Wir verkaufen unsere Bilder nicht nur an die Presse“, sagt Nicole Hoffmann, Marketing Managerin bei der dpa Tochter picture alliance, „in der Zwischenzeit auch an Werbeagenturen und andere Bildrechteverwerter, wir haben spezielle Verkäufer und spezielle Angebote für viele Bereiche … und wir haben natürlich unsere Fotografen.„

Celebrity Fotograf

Einer von ihnen ist Jens Kalaene. Schon an normalen Tagen ohne Berlinale gibt es in Berlin für Fotografen jede Menge zu tun.

Kalaenes Spezialität sind Entertainment-Termine – gesellschaftliche Großereignisse wie der Bundespresseball, die Operngala für die Aids-Stiftung oder die Veranstaltung zum Deutschen Filmpreis. „Das ist eine Szene, in der ich mich auskenne“, sagt Kalaene und auskennen bedeutet, dass Kalaene in der Zwischenzeit eine Menge Leute gut kennt, Gesichter einordnen kann, weiß wer da zu wem gehört.

„Ein nicht ganz so gut gewordenes Bild, nun ja, da ist einem keiner gleich böse. Was wir aber unbedingt richtig machen müssen ist die Beschriftung der Bilder mit den Namen der abgebildeten Personen – natürlich fehlerfrei geschrieben.“ Kalaene legt viel Nachdruck in diese Aussage.

Fotos mit Atmosphäre

Für Fotografen bedeutet Berlinale noch weniger Schlaf und viel Arbeit. Berlinale bedeutet zehn Tage Dauereinsatz – für die festen Fotografen der dpa, Arbeit in einem Früh- und in einem Spätteam. Aber: „Wir sind als Team diesmal ganz gut aufgestellt, mit einer guten Planung.“

Bilder von der Berlinale sind nicht nur Bilder vom Laufsteg bei den Filmpremieren sondern auch Bilder von den nicht wenigen Veranstaltungen im Rahmenprogramm des Festivals und natürlich von den zahlreichen Partys. „Jeden Abend wird gefeiert und jeden Abend geht es dann los …“, im Wortlaut Jens Kalaene.

Nebenbei müssen natürlich auch Bilder von der Berlinale geliefert werden, auf denen nicht immer Gesichter sondern auch einmal die Fahnen vorm Zoopalast oder frierende Besucher in der Schlage vor der Kinokasse zu sehen sind – Feature-Material in der Sprache des Fotografen.

Das Verhältnis zu den Kollegen – die für andere Agenturen auf der Berlinale fotografieren – sei freundschaftlich kollegial. Man kenne sich von Veranstaltungen in Berlin und andernorts und borge sich schon mal gegenseitig Akkus und Speicherkarten.

Die anderen, das sind vor allem die Fotografen von reuters, ap und ddp und neuerdings auch von Getty – die alle bei der Berlinale mit bevorzugten Plätzen versorgt werden.

Kein Job ohne Notebook

Kalaene ist seit 1992 Fotojournalist – in dieser Zeit immer für die dpa. Der vierundvierzigjährige mag seine Arbeit, er kennt die Winkelzüge des Geschäfts und will nicht unbedingt ins Fernsehen mit dieser Geschichte. „Da kommen wir immer ziemlich schlecht weg. Alle sehen nur das Gedränge, aber das ist in Wirklichkeit weniger drastisch, als es aussieht …“

Als Fotojournalist hat man einiges zu schleppen. Kalaene geht mit zwei Kameras gleichen Typs los – jede mit einem anderen Objektiv versehen: einem Standardzoom und einem Telezoom bis zu 200 Millimetern Brennweite.

Auf einen Blitz verzichtet Kalaene eigentlich lieber, wegen der natürlicheren Aufnahmen, obgleich zusätzliches, nichtnatürliches Licht sich nicht immer vermeiden lässt und in manchen Situationen sogar unabdingbar ist. Für diese Gelegenheiten gehört also auch ein Blitz ins Standardgepäck.

Ohne Notebook geht aber gar nichts mehr. Das steht immer irgendwie einsatzbereit in der Nähe oder wird im Rucksack mitgeschleppt. „Die Bilder sollen so schnell wie möglich verfügbar sein und dafür ist es wichtig, dass ich sie bearbeiten, das heißt beschriften und dann gleich im Anschluss versenden kann.“

Freizeitkleidung oder Anzug

Wenn man heute als Celebrity Fotograf nicht aus der Rolle fallen will ist man besser passend gekleidet.

„Ich finde es persönlich nicht gut, wenn Kollegen bei einem Empfang im Adlon oder Ritz underdressed kommen. Also ziehe ich im Zweifel eher einen Anzug an“, sagt Kalaene, „bei großen Veranstaltungen, wie Bambi, Deutscher Filmpreis sowieso. Immer öfter ist der Smoking gefragt – Bundespresseball, Semperopernball. Ich fliege mit Smoking im Gepäck auch zur Concordia-Gala nach Marbella.

Um 1.30 Uhr ist in den meisten Fällen Schluss – für die Fotografen auf den Partys und den Empfängen. Dann wollen Veranstalter und Gäste unter sich bleiben. Von dem was dann passiert soll es keine Bilder geben.

Dieser Fotoschluss ist Teil des Agreements, an den sich alle dpa-Fotografen halten – einige Kollegen von der Regenbogenpresse sind da weniger zurückhaltend und versuchen es trotzdem.

Für Jens Kalaene beginnt ein wichtiger Teil der Arbeit erst jetzt: „Ich haben eintausend Mal abgedrückt, also eintausend Aufnahmen auf meinem Ship. Dann heißt es, sich hinzusetzen und fünfzig oder sechzig davon auszuwählen, zu beschriften und zu versenden. Und das am liebsten gleich an Ort und Stelle …“

© picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Sympatisch zu sehen: Mario Adorf und Sunnyi Melles © picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene

Die Bilder zu diesem Beitrag stammen mit freundlicher Unterstützung von der dpa-Tochter picture alliance. Für weitere Bilder zur Berlinale bitte dort einmal vorbeischauen und registrieren.

Im Moment 2 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Kaveh sagt:

    Zitat
    “Kalaenes Spezialität sind Entertainment-Termine – gesellschaftliche Großereignisse wie der Bundespresseball, die Operngala für die Aids-Stiftung oder die Veranstaltung zum Deutschen Filmpreis. „Das ist eine Szene, in der ich mich auskenne“,[...]”

    Kommentar:
    Es wäre schön, wenn auch der Alltag des Agentur-Fotografen, von Wetterbilder (Feature-Material) über Ausstellungseröffnungen bis hin zu posierten Foto-Calls rüberkämen (auch Anforderungen an Jens Kalaene).

    Diese Halbwahrheit, dass Fotojournalismus mit “Exotik” gleichsetzt ist dem Beruf sehr schädlich.

    • Marko sagt:

      Nun ja, kommt eigentlich im Text vor:

      “Nebenbei müssen natürlich auch Bilder von der Berlinale geliefert werden, auf denen nicht immer Gesichter sondern auch einmal die Fahnen vorm Zoopalast oder frierende Besucher in der Schlage vor der Kinokasse zu sehen sind – Feature-Material in der Sprache des Fotografen.”

      Im Rahmen der Berlinale erscheint die Berufswirklichkeit eines Fotojournalisten natürlich glamouröser als gewöhnlich und ist sie wahrscheinlich auch … An normalen Tagen wird da viel mehr Pflicht als Kür drinstecken, viel weniger Stars und mehr Auftrag.

      Ich denke aber, dass jeder Fotograf, der eine Weile dabei ist, zumal in einer Stadt wie Berlin schon seinen speziellen Bereich finden wird, der am Ende seine Profession ausmacht.

      Das wir hier mit unserem Beitrag Schaden anrichten, glaube ich eigentlich nicht … ;-)

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