13. Januar 2010 K.P. 2

Auch Microstock bleibt nicht, was es zu Anfang war

Noch einmal zur Orientierung: in der Bildbranche sind drei Angebotsformen bestimmend: das klassische Rights Management (RM – hier erwirbt der Verwerter einzelne Nutzungsrechte), Royalty Free (RF – ein Verwerter zahlt einmalig für sämtliche Nutzungen) und Microstock (MS = RF zu besonders günstigen Preisen).

Am Anfang der neuen Bilderquelle Microstock standen die Grafiker, denen die Bilder, die sie für ihre Kunden kaufen mussten, zu teuer waren. Sie schufen ihre eigenen Fotos und Illustrationen und tauschten diese Motive untereinander in Communities aus. Weitere Amateur-Fotografen kamen hinzu, was die Menge der Fotos stark vergrößerte.

Nach und nach folgten ein härteres Editing und eine bessere Qualitätskontrolle, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Mit anderen Worten – auch Microstock bleibt nicht, was es zu Anfang war, auch hier sind die Veränderungen längst sichtbar. Aber wo geht das hin? Und wo endet es?

Noch kann niemand diese Fragen exakt beantworten. Was allerdings schon sichtbar ist: Microstock setzte Royalty Free (RF) unter Druck. Eine Kannibalisierung ist zu beobachten, die Verkaufszahlen von MS übersteigen RF schon bei weitem. Denn: warum ein Massenprodukt wie RF kaufen, das durch eine große Anzahl von Anbietern auf den Markt gedrängt wird und verhältnismäßig teuer ist – wenn ein Foto in der gleichen Qualität  zu einem viel geringeren Preis zu haben ist?

Hier werden die Zweifler am MS-System sicher bald eines besseren belehrt, besonders angesichts der Wirtschaftskrise und den sinkenden Anzeigenvolumen der Print-Industrie. Dabei ist weniger Geiz-ist-geil bestimmend, als vielmehr der Druck auf die Bildredaktionen, Ausgaben zu sparen.

Weitere Veränderungen kommen hinzu, die den Markt verbiegen: Auch der Microstock-Anbieter Fotolia bietet jetzt den klassischen Bildagenturen an, das MS-Material aus den Fotolia-Beständen an ihren eigenen Kundenstamm zu verkaufen – zu Preisen, die diese Anbieter selbst bestimmen können.

Und das Rad dreht sich weiter: Dreamstime kooperiert mit Phototimes.ru, einer russischen Bildagentur, die nicht nur Russland, sondern auch die Ukraine, Belarus, Estland, Lettland und weitere umliegende Länder bedient. Phototimes.ru ist jetzt Dreamstimes exklusiver Vertreter und der erste russische Microstock-Anbieter.

Zur gleichen Zeit verraten uns die wichtigen Bilderindustrie-Blogs, dass Dreamstime sich auch auf den südamerikanischen Kontinent ausgedehnt hat.

Alan Meckler, bis dahin Präsident der Mecklermedia Corporation, hatte Ende der 90er Jahre die Absicht, Corbis und Getty herauszufordern,  schuf – auf Basis zuvor gekaufter Agenturen – mit Jupiter Images eine große Bildagentur und griff die Wettbewerber mit Flatrates frontal an.

Für 125 Dollar im Monat so viele Motive herunterladen, wie man benötigt – ein Traum für Grafikdesigner und kleine Werbeagenturen. Doch viele in der Branche hatten bald das Gefühl, dass Meckler sein Geschäft mächtig aufblähte, um gekauft zu werden. Es dauerte einige Jahre, aber Getty schlug im Oktober 2008 zu und verleibte sich Jupiter Images ein – für 96 Mio. Dollar. Bei einem Treffen auf dem UGCX-Event in Manhattan, im Oktober 2009, meinte Meckler, daß er in der heutigen Situation kaum die Hälfte des Betrages bekommen würde.

Der Branchenkenner Jim Pickerell prognostiziert, dass 2009 bei Getty die Umsätze im Microstock-Bereich höher sein werden als bei RF oder RM. 2007 lagen die iStock-Umsätze noch bei 72 Millionen Dollar, 2008 schon bei 148 Millionen Dollar und für 2009 werden 250 Millionen erwartet, während bei RF nicht mehr als 165 Millionen umgesetzt werden, im RM-Bereich sind es 227 Millionen Dollar.

Diese Zahlen sagen uns eindeutig, dass man die Umsatzgrößen von Microstock genau betrachten sollte, um die Entwicklung der Bildagenturen in den nächsten Jahren zu bewerten. RF und RM werden zukünftig eine kleinere Rolle für den Bildermarkt spielen, was die Anzahl der Bildverwendungen betrifft.  Die meisten Fotos würden bisher allerdings im nicht-kommerziellen Bereich verwendet und sind keine Konkurrenz zum Bildagentur-Geschäft, heißt es bisher.

Bei Corbis hörte man Anfang Februar 2009 eine andere Einschätzung, nämlich dass Microstock in den kommenden Jahren 25% des gesamten Stock-Foto-Marktes einnehmen wird. Dabei wurde auch publik, dass die von Corbis erworbene Microstock-Agentur SnapVillage bis Ende 2009 in dem gerade bei Veer (2007 von Corbis gekauft) geschaffenen „Marketplace“ untergebracht werden wird.

Veer, bekannt durch ein breit gefächertes Angebot, darunter das hochklassige RF-Angebot Fancy, hat eine Microstock-Abteilung aufgemacht und dort die SnapVillage-Bilder untergebracht, um sich mit diesem Microstock-Angebot besser auf dem Markt zu positionieren.

Aus deutschen Landen

Viel ist in Deutschland vom traditionellen Geschäft nicht geblieben, sprechen wir hier nur über die größeren Agenturen. Mauritius, die älteste Bildagentur Deutschlands, ist immer noch im Besitz von Hans-Jörg Zwez, der Firmensitz in Mittenwald.

Zwez ließ sich bisher vom großen Marktgetümmel nicht zur Seite schieben. Man sieht ihn auf Branchentreffen wie Cepic und Paca sein umfangreiches Netzwerk pflegen und sein Bildangebot durch ständig neue Bilder, RM und RF, vergrößern. Und gerade 2009 überraschte er die Branche mit einem großen Scoop: Mauritius vertreibt ab sofort die Bilder des großen britischen Bildportals Alamy in Deutschland.

Die Agentur hat einen Vertrag mit Alamy abgeschlossen, der alle Kollektionen beinhaltet, die für Deutschland, Österreich und die Schweiz frei sind.

So erweiterte Mauritius den Bildbestand um 9 Millionen auf 14 Millionen Motive und ist damit der größte Bildanbieter auf dem deutschen Markt.  Nach Hans-Jörg Zwez Einschätzung wird in der Branche weiter „ein großer Verdrängungswettbewerb stattfinden“ und daher gelte es, eine größere Archivtiefe anzubieten und sich als Spezialanbieter zu positionieren. „Überleben wird, wer am flexibelsten und mit ständiger Content-Erweiterung reagiert und die neueste Technik bieten kann“. Seit Dezember 09 wird bei Mauritius auch “Midstock” angeboten. “Bestprice Stock” nennt sich das neue Angebotssegment.

Die großen historischen Archive wie AKG, Ullsteinbild, BPK, sind nicht so stark unter Druck wie viele Universalagenturen. Auch hier machte wieder eine Person einen größeren Schritt. Beim Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, BPK, findet zurzeit eine große Veränderung statt, die der Öffentlichkeit  kaum bekannt ist. Geschäftsführer Hanspeter Frentz erfasst die Bildersammlungen der wichtigsten Museen Europas in einer Datenbank. Damit haben Bildkäufer zukünftig über das BPK-Portal Zugriff auf die Mona Lisa aus dem Louvre, die Sammlungen der Petersburger Eremitage und die Bestände der Uffizien in Florenz, um nur drei wichtige Museen zu nennen.

Auch die Agentur Plainpicture suchte sich einen anderen Weg. Valentin Alscher schuf eine Bildagentur mit einer innovativen Strategie. Hier gab es plötzlich eine ganz andere Bildsprache, Fotos, die auf dem Markt vorher nicht zu finden waren: Menschen wie Du und Ich, ganz normale Bürger, ungestylt aus dem Alltag, aber hip, viel coole Jugend im angesagten Outfit aber auch alte Menschen und Kleinbürger mit Blümchentapete.

Auf Dauer reichte das aber nicht aus: Plainpicture machte in den letzten zwei Jahren die Entwicklung vom Oma-und-Opa-sitzen-auf-dem-Sofa-Bild zum aussagekräftigen und hochwertigen Symbolfoto und ungewöhnlichen Bildmotiven die man woanders nicht findet. Jetzt deckt die Agentur mit der Angebotserweiterung einen größeren Markt ab und eröffnete 2008 sogar eine Filiale in London. Und gerade hat plainpicture die Bildagentur Deepol gekauft, eine Bildagentur mit einem ganz besonderen Stil, die von plainpicture schon seit einigen Jahren mit angeboten wurde.

Die heutige Situation

Das Bildergeschäft ist nicht am Ende. Es lebt und ist dynamischer als vor 20 Jahren. Viele Markteilnehmer haben sich Nischen gesucht und dort ihren Platz gefunden. Neue Medien sind hinzugefügt worden, die sich allmählich ihren Platz auf dem Bildermarkt erkämpfen. Aber nicht in Deutschland entstehen die Innovationen, sondern, wie fast immer, in den USA und in Großbritannien.

Video & Audio: Der nächste Schritt ist längst vollzogen, wird aber in der Branche nicht laut diskutiert. Viele überlegen noch, ob Footage (Filmmaterial) etwas bringt, wie groß der Aufwand ist und ob es sich lohnt, mit Video-Clips zu handeln. Großunternehmen sind schon lange dabei und haben ihren Kundenstamm langsam, aber sicher aufgebaut.

Wenn die Großen das können – warum nicht auch die kleineren und mittleren Unternehmen? Footage wurde in den vergangenen Jahren immer wichtiger, weil sich die Technologie wieder einmal rasant veränderte. Heute kann man über jedes Notebook und iPhone Filme ansehen, Speicherkapazitäten steigen von Jahr zu Jahr und es braucht ständig neue Kicks, um den Kunden ein neues Spielzeug anzubieten.

Für viele, vorwiegend  junge Menschen sind bewegte Bilder interessanter als Fotos. Jeden Tag sieht man in der S-Bahn, in Cafés und auf öffentlichen Plätzen  Menschen, die auf ihre kleinen Schirme starren, auf denen sich Clips und Filme abspielen.

YouTube war der Auslöser für eine unendliche Menge von Clips, von allen möglichen Auftritten und Begebenheiten in unserer Welt. Clips werden in Kinofilmen eingebaut und in TV-Produktionen. Die Entwicklung von Internet-TV sollte dabei nicht unterschätzt werden. Dort sind die Gelder nicht so üppig und wer sparsam produzieren muss, braucht vorgefertigte Clips. Auf jeder Website bewegen sich heute die Bilder – für die Online-Werbung sind sie nicht mehr wegzudenken.

Das Bewegtbild ist also ganz sicher ein Teil der Zukunft des Bildermarktes. Die junge Generation kuckt mehr auf den Rechner-Monitor als auf die Glotze. TV-Programme werden über das Netz angeboten, die Sender investieren in diese Richtung.

Auch Audio spielt inzwischen eine immer größere Rolle. Vor einigen Jahren produzierte die RF-Company Digital Vision, heute zu Corbis gehörend, eine große Anzahl von CDs mit einer umfangreichen Bandbreite von Musik-Dateien. Von Bossa Nova, Hip Hop, diversen Jazz-Stilrichtungen bis Hardrock und Klassik war jede Musikrichtung als Royalty Free verfügbar. Lange Zeit wurde über Audio-Clips in der Branche nicht gesprochen. Aber jetzt, durch die o.g. Veränderungen, braucht man Töne aus der Dose, um eben jene TV-Produzenten zu versorgen, die sparen müssen und jene Werbeleute, die ihre Filme und die Websites ihrer Kunden attraktiver machen möchten.

Bilder für Jedermann

Wie sieht die heutige Realität des Bildergeschäftes aus? Die Bildredaktion eines Magazins versorgt sich mit RM, aber längst auch mit RF und MS. Durchforstet man die Hefte auf Urheberhinweise, dann ist das eindeutig. Wer sparen muss, schaut sich das benötigte Produkt genau an und wählt das günstige, wenn es für ihn kein Risiko bedeutet.

Für die kleine Agentur um die Ecke ist Microstock gut genug. Die Qualität ist gut, die Konkurrenz klein, denn wer vergleicht einen Bäckerprospekt oder eine Website mit der des Konkurrenten? Niemand. Und der Normalverbraucher kann sich jetzt seine Website mit unendlich vielen Bildern aufhübschen und sein Handydisplay mit wechselnden Motiven schmücken. Ob Student, Schüler, Rentner oder der Kleingartenverein: Microstock bezahlen kann jeder.

Jeder Bildnutzer kann heute über das Internet genau das suchen und finden, was er benötigt. Die Werbeagentur muss Bilder sperren und braucht RM, aber für eine Broschüre mit vielen Bildern ist RF auch OK. Und für das Layout: die Flatrate bei Fotolia reicht dafür aus.

All diesen Veränderungen müssen Bildagenturen in ihrer Planung Rechnung tragen, denn die Verwendungshonorare für ein Bild im Internet müssten endlich den Marktbedingungen angepasst werden – die Preise für Online-Veröffentlichungen sollten demgemäß erhöht werden, um Verluste auszugleichen. Vor allem sind diese Veränderungen eine große Herausforderung für Fotografen, die sich entscheiden müssen, in welche Richtung sich ihre Arbeit weiterentwickeln muß, um bei der Übersättigung des Bildermarktes weiterhin Geld zu verdienen.

Es wächst also langsam zusammen, was zusammengehört. Das zeigt die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre. Erst gab es Print und Dia, dann digitale Daten auf Diskette,  später auf CD und Festplatte, danach auf USB-Stick und DVD sowie greifbar zum Up- und Download über das Internet. Bilder tummeln sich jetzt auf MP3-Playern, Handys, digitalen Bilderrahmen, Blackberries  -und ab Anfang 2010 auf den Tablet PCs, die sicher auch die Printmedien bedrohen werden. Warten wir  ab, wie es weitergeht.


Autor

Klaus Plaumann

Klaus Plaumann, Vize-Präsident des Centre of the Picture Industry, CEPIC (www.cepic.org)

Im Moment 2 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Bernd sagt:

    Lieber Herr Plaumann, ich habe als noch junger Fotografie-Student Ihre Beiträge mit großem Interesse gelesen. Vielen Dank dafür. Was kann ich und können vielleicht einige andere heute machen, um in der Bildbranche etwas zu werden?

  2. Klaus Plaumann sagt:

    Lieber Bernd, das ist eine verständliche Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Ich würde mich als junger Fotograf erstmal bei den social networks informieren. Auf LinkedIn gibt es z.B. die Gruppe Photography Industry Professionals. Marcel Brodsky schreibt heute genau über das Thema: The future of photography as a profession.

    Das ist sehr interessant und spannend, weil sich hier Profis austauschen und auch gegenseitig viele Fragen stellen. Auch bei facebook gibt es solche Gruppen. Versuch es dort einfach mal, das macht schlau! Herzliche Grüße

Diesen Beitrag kommentieren



XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

No related posts.

Zuletzt kommentiert

  • Professional research paper: Frequently even simple stuff can be complicated and we must accept it. Papers composing is not easy, nonetheless, we can Buy essay...
  • Help with research papers: I don't earn lots cash to Buy Research Papers frequently. However, I learn a lot of great information from custom essays....
  • research papers: If you have got no idea how to finish your middle east essays paper, you would have to use the essays writing service to see a rig...
  • essay writing services: We're more than a decade in custom business. Therefore, you should buy essay and get a paramount....
  • I want to buy an essay: It is perfect text. It’s achievable to go to the custom writing services ,which would do the essay writing or custom essay. Any wa...
  • plagiarism checker: Don't want to be accused in plagiarism? Are willing to submit cearly unique contents? Select online plagiarism checker and be assu...