15. Dezember 2009 1

Ein Foto kann nicht objektiv sein. Über Fotojournalismus, Bildsprache und Medienkrise

Von Marko Radloff

Das Interview mit Lars Bauernschmitt bringen wir in zwei Teilen. Der Grund: Lars Bauernschmitt hat nicht nur eine Verwaltungsprofessur für Fotografie an der FH Hannover inne, sondern er war viele Jahre Geschäftsführer bei VISUM, ist heute Vorstandsvorsitzender beim BVPA und seit 2009 Director of Photography bei imagetrust und damit ein ausgewiesener Kenner der Bildagenturszene. Das sind Ansatzpunkte für mehr als nur einen Beitrag.

Heute also die Themen Fotojournalismus und Bildsprache.

Bildwerk3/Marko Radloff: Vom Geschäftsführer bei VISUM zum Professor für Fotografie an die FH in Hannover. Haben Sie Möglichkeiten zur Gestaltung hinzugewonnen oder ist der Weg in die Lehre ein Weg mit Einschränkungen?
Lars Bauernschmitt: Das ist für mich keine Frage der Funktion in der ich tätig bin sondern der Einstellung mit der ich meinen Job mache. Weder habe ich bei VISUM Einschränkungen gespürt, noch empfinde ich jetzt an der Fachhochschule-Hannover Einschränkungen in der Möglichkeit das zu tun, was ich zur Erfüllung meiner Aufgabe, als das Richtige erachte.

Wie sind Sie selbst zur Fotografie gekommen?
Das war ganz einfach. Als Schüler habe ich begonnen zu fotografieren und aktiv in der Foto-Arbeitsgemeinschaft am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg mitgearbeitet. Nach dem Abitur habe ich ein Praktikum gemacht und dann von 1985 bis 1992 in Essen Kommunikationsdesign mit den Schwerpunkten Editorial Design und Fotografie studiert.

Ihr Kursangebot an der FH umfasst sowohl theoretische Fragestellungen, als auch ganz praktische Aufgaben. Sind Sie Ihrem Wesen nach eher Theoretiker oder doch ein Mann der Praxis?
Nach meinem Studium war ich fast zwanzig Jahre als Geschäftsführer einer internationalen Fotoagentur in der praktischen Bildvermarktung tätig. Daneben bin ich seit acht Jahren als BVPA Vorstand mit Fragestellungen der Entwicklung des Bildermarktes beschäftigt. Seit 1996 vermittle ich meine Erfahrungen in  Seminaren an Hochschulen und im Rahmen von Vorträgen und Symposien.

Ich habe Spaß an der praktischen Arbeit und suche die theoretische Auseinandersetzung über das Medium Fotografie und seine Erscheinungsbedingungen. Für mich gehört beides zusammen. Eines kann ich mir für mich nicht ohne das andere vorstellen.  Eine Fachhochschule hat die Aufgabe, Studierende auf die praktische Berufsausübung vorzubereiten. Da wäre es meiner Ansicht nach unglaubwürdig, etwas zu unterrichten, dass ich nur vom Hörensagen oder vom Lesen kenne.

Können Sie uns den Unterschied zwischen Fotojournalismus und Dokumentarfotografie erläutern? (Das habe ich aus der aktuellen Seminarauflistung und nicht gleich verstanden.)
Fotojournalismus beschreibt den Einsatz der Fotos im Journalismus, Dokumentarfotografie ist eine bestimmte Motivwahl bzw. eine spezifische fotografische Ästhetik. Dokumentarfotografie kann also eine Form der Darstellung von Inhalten im Fotojournalismus sein.

In welcher Form kann Bildsprache im Fotojournalismus zum Tragen kommen? Was sind die Elemente einer solchen Bildsprache?
Ein Foto kann nicht objektiv sein – also muss der Fotograf seine Einstellung zum Thema für sich klären, bevor er fotografiert und dann in seinen Fotos für andere erkennbar machen.

Sobald Fotografie nicht nur als beliebige Illustration genutzt wird, sondern eigenständig Informationen transportieren soll, muss die Haltung des Bild-Autoren zum dargestellten Thema erkennbar sein. Glaubt ein Fotograf, den fotografierten Sachverhalt erklären zu können, dann macht er eindeutigere Fotos als jemand, der sich bewusst wird, dass er eigentlich überhaupt nicht versteht, was um ihn herum geschieht.

Gilles Peress hat dieses Gefühl der völligen Unsicherheit über das Geschehen um ihn herum ganz hervorragend in seinem Buch Telex. Iran geschildert.

Fotojournalisten reagieren auf die Zeit, in der sie tätig sind und widmen sich Themen, die sie aus der Zeit heraus für wichtig erachten. Das persönliche Lebensgefühl des Bildautoren findet sich in seinen Fotos deshalb ebenso wieder, wie eine Reflexion der Lebenswirklichkeit die er darstellt.

Nehmen sie einmal zwei extreme Beispiele: Richard Billinghams Portrait seiner eigenen Familie mit dem alkoholkranken Vater, Ray’s A Laugh und Lauren Greenfields Aufnahmen aus Hollywood, Fast Forward.

Aus diesen Faktoren ergibt sich die vom Bildautor für angemessen erachtete Bildsprache. Ich erwarte von fotojournalistischen Arbeiten, dass ich ihnen entnehmen kann, wann sie entstanden sind und wer sie gemacht hat. Dasselbe gilt im übrigen auch für die Kunst, wobei der Versuch Fotojournalismus, Kunst und Werbung heute noch von einander abzugrenzen sowieso nicht über das Foto selbst funktioniert, sondern nur noch über den Kontext seiner Verwendung.

Je nach dem, welches Thema bzw. Haltung dazu vermittelt werden soll, müssen Fotojournalisten nach adäquaten Umsetzungen suchen und die entsprechenden technischen und gestalterischen Mittel einsetzen. Dabei gibt es aus meiner Sicht keine Grenzen. Erlaubt ist was die Aussage verdeutlicht.

Elemente der Bildsprache sind dabei alle technischen und gestalterischen Mittel die das Medium bietet. Da gibt es keine No Go’s. Im Gegenteil je nach dem was dargestellt werden soll, muss ein Fotograf sehr genau überlegen, wie er sein Thema darstellt.

Was lernt man an einer Hochschule heute nicht?
Diese Frage ist so allgemein nicht zu beantworten.  An der FH-Hannover bieten wir unseren Studierenden eine Ausbildung, die extrem stark auch auf aktuellste Entwicklungen der Praxis reagiert. Bei uns erlernen die Studierenden von der klassischen Reportagefotografie bis zur Dokumentarfotografie und zum journalistischen Portrait alles, auch den Einsatz der gesamten relevanten Technik von der Bildbearbeitung bis hin zum Einsatz der Blitzanlage.

Abgerundet wird die Ausbildung durch Fächer wie Medienrecht und Medienethik sowie ein Seminar, das sich ausschließlich um die praktische Arbeit im Auftrag dreht, wo die Studierenden vom Lieferscheinschreiben bis zum Keywording für Bild-Datenbanken alles erlernen, was nach der Ausbildung das tägliche Brot ist.

Im Rahmen von zahlreichen Kooperationen mit Partnern aus der Wirtschaft erproben sich unsere Studenten bereits im Studium sehr intensiv unter realen Auftragsbedingungen. Darüber hinaus haben wir Praktikums-Partnerschaften mit Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Hannoversche Allgemeine Zeitung, Neue Presse ebenfalls aus Hannover und dem Weser-Kurier in Bremen. Diese Praktika sind überdurchschnittlich vergütet und bieten 12 Studierenden eines jeden Jahrgangs die Möglichkeit, sechs Monate in der Praxis zu arbeiten und sowohl Sicherheit als auch Routine zu gewinnen.

In vielen weiteren renommierten Redaktionen sind unsere Studenten ebenfalls regelmäßig als Praktikanten in den Bildredaktionen. So aktuell unter anderem bei ZEITSTERN, Berliner Zeitung, BRIGITTE.

Unsere Absolventen starten nach dem Ende ihrer Ausbildung durchweg sehr erfolgreich in den beruflichen Alltag. Das geschieht weil sie bereits im Studium den Job kennen lernen, so dass sie nach Ende der Ausbildung sofort für Auftraggeber sowohl in Zeitungen und Zeitschriften als auch in PR- und Werbeagenturen sowie für Unternehmen tätig werden können. Die Auftraggeber haben die Sicherheit, das unsere Absolventen ihre Aufgabe beherrschen und gehen bei der Auftragsvergabe kein Risiko ein, das sie sich heute auch gar nicht mehr erlauben können.

Ich kann sagen, dass Studenten in Hannover umfassend auf die Tätigkeit als Foto-Journalisten vorbereitet werden und darüber hinaus auch in der Lage sind für Werbe-Agenturen und Unternehmen im Bereich der Unternehmenskommunikation tätig werden können, in dem sie dort journalistisch fotografieren. Gerade in dem Bereich der Unternehmenskommunikation entwickelt sich ein immer größer werdendes Betätigungsfeld da die Firmen und Verbände immer mehr auf eine journalistische Fotografie setzen, da diese auf Grund ihrer Authentizität eine erheblich größere Glaubwürdigkeit besitzt.

Was an anderen Schulen gelehrt oder nicht gelehrt wird möchte ich weder beurteilen noch kommentieren.

Der Fotojournalismus scheint in der Krise zu stecken. Die Bedeutung des stehenden Bildes wird zunehmend in Frage gestellt, hat die publizistische Fotografie noch eine Zukunft?
Ganz klar JA. Bilder bestimmen die Information. Wie eine Botschaft aufgenommen wird bestimmt das Foto zum Text. Der Umgang mit Fotos ist also der zentrale Bestandteil der Kommunikation. Ein Foto ist gegebenenfalls sogar in der Lage, die im Text gemachte Aussage genau in ihr Gegenteil zu verkehren. Die so genannte Krise des Fotojournalismus ist meiner Meinung nach vor allem ein Problem der verlorengegangenen Kreativität und einem Mangel an Bereitschaft Überzeugungen zu vertreten und so unter Umständen auch zu polarisieren.

Wirklich gute Fotografie findet immer ihren Platz und hat damit auch in den Zeiten der Krise ihren Markt. Wenn Sie sich ansehen, wie zehntausende Besucher in die Ausstellungen mit Foto-Reportagen auf Festivals wie dem Visa pour l’ Image in Perpignan oder dem LUMIX Festival in Hannover strömen wird klar, der Fotojournalismus ist lebendiger als je zuvor.

Der Platz für grosse Bildstrecken in Zeitungen und Zeitschriften wird aber doch immer geringer, gleichzeitig haben diese Publikationen mit Leserschwund zu kämpfen – wie sehen Sie die Situation?
Natürlich führt die aktuelle wirtschaftliche Lage zu einem Rückgang an Anzeigen und damit zu einer wirtschaftlichen Sensibilisierung. In der Folge wird der redaktionelle Platz kleiner. Es ist immer die Frage, wie man diesen Platz nutzt. Wenn einem nichts Besseres einfällt, als lapidare Meldungshappen und Ratgeber-Splitter zu drucken, die man im Internet umsonst und schneller bekommt, darf man sich auch nicht wundern, wenn einem die Leser weglaufen.

Gleichzeitig werden einige Zeitungen und Zeitschriften nicht müde, ständig zu betonen, wie überholt ihr eigenes Medium sei. So wird dort der scheinbar unausweichliche Untergang gesucht und so zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Kein Wunder, wenn viele Mensch beginnen, das zu glauben und sich als Reaktion auf solche negativen Statements vor den Rechner setzen und surfen anstatt zu lesen – wenn sie anklicken anstatt sich profund zu informieren.

Gewinnt das Internet aber nicht ständig an Bedeutung?
Das muß man differenzierter sehen. Die werbetreibende Industrie investiert laut ZAW gerade mal 4 % ihrer Gelder in Online-Medien, 20 % bekommt das Fernsehen und Tages- bzw. Wochenzeitungen sowie Publikums- und Fachzeitschriften erhalten zusammen 35 % der Werbegelder. Laut VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) erschienen 2008 in Deutschland ca. 2300 Publikumszeitschriften und über 3900 Fachzeitschriften. Das ist eine publizistische Basis die weltweit ihres gleichen sucht.

Aber nur qualitätsvolle Bild- und Textinformation binden dauerhaft Leser. Zeitungen und Zeitschriften sind immer noch ungeschlagen, wenn es um die Präsentation eindrucksvoller Bilder und anspruchsvoller Texte geht.

Wohnen Sie heute in Hannover? Ich weiß, das war eine der Bedingungen bei der Stellenausschreibung.
Ja. Seit ich die Verwaltung der Professur übernommen habe, habe ich auch eine Wohnung in Hannover.

Was empfehlen Sie jungen Menschen mit dem Berufswunsch Fotografie?
Wenn Ihr Zweifel habt, ob es das Richtige ist – lasst es. Wenn ihr Euch aber nichts anderes vorstellen könnt, dann  macht es. Es gibt nichts Spannenderes. Nehmt aber bitte die rosa Brille ab, wenn ihr fotografiert.

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