Fotograf Marlon Kowalski
Im folgenden Gastinterview stellt Joscha Bruckert – Herausgeber des Fotomagazins ROMKA den Fotografen Marlon Kowalski vor. Vielen Dank an beide für diesen Beitrag.

Book © Marlon Kowalski
Joscha Bruckert: Marlon, wann hast Du das letzte Foto gemacht?
Marlon Kowalski: Vor 2 Sekunden: eine Vorhangfalte mit so einem indirekt beleuchteten Che Guevara-Bild drauf.
JB: Ich weiß, dass Du einen wahnsinnigen Arbeitsdrang hast. Woher kommt das?
MK: Naja, Arbeitsdrang. Man könnte es auch eine unbeherrschte Verschwendung von Ressourcen nennen. Bulimisches Fotografieren, unkritische Neugier, unruhegetriebenes Forschen.
Im Übrigen liegt aber auch genau darin der Grund, warum ich mich beim Fotografieren gut aufgehoben fühle: Male ich Bilder, zerstöre ich jedes Ergebnis innerhalb kürzester Zeit selbst, indem ich es zwanghaft immer weiter bearbeite. Nur wenn ich fotografiere, steht das Ergebnis unmittelbar fest. Ich kann’s nicht mehr ändern, ich kann nur das nächste knipsen.
JB: Ein Forschen wonach? Bringt Dich jedes Foto ein Stück weiter?
MK: Jedes Foto verkürzt den Abstand zwischen meiner Wahrnehmung und Planung beim Knipsen und dem tatsächlich entstandenen Resultat. Trotzdem ist merkwürdigerweise nahezu jedes Bild anders, als ich es während des Fotografierens gedacht hätte. Ich weiß nicht, ob das nur mir oder auch anderen Fotografen so geht?
Das Höchste der Gefühle ist ja schon, wenn ich zuvor wenigstens eine gewisse Ahnung davon habe, was später herauskommt. Ich versuche also, bildhaft gesprochen, das Ungeheuer irgendwie in den Griff zu bekommen. Zumindest ist das ein Grund für mich zu Fotografieren.
“I have never taken a picture I intended, they are always either better or worse.” – Diane Arbus
JB: Du machst also Fotos, um das Fotografieren zu verstehen. Was ist denn so schwer daran? “You press the button, we do the rest”!
MK: Wirklich? Zumindest finde ich die Mehrdeutigkeit von Wahrnehmung so eigentümlich, dass sie dadurch sehr unterhaltsam wird. Mir ist völlig klar, dass das wohl etwas esoterisch klingt, aber im spontanen Verständnis zweidimensionaler Bilder als “Raum” liegt für mich der Schlüssel für das Verständnis persönlichen Bewusstseins, also quasi: wo befindet sich die Seele? Gleichzeitig beruhigt mich der Umgang damit ungemein.
Die besten Bilder sind für mich daher diejenigen, bei denen der Raum hinter der Bildoberfläche intuitiv spürbar ist. Bei denen man nicht mehr an die sture Achse Fotograf/Sucher/Objektiv/Objekt denkt und stattdessen so eine schwer zu beschreibende, wahrhaftig räumliche Tiefe wahrnimmt. Womit wir wieder beim Esoterischen gelandet wären.

Greenish Plate 2 © Marlon Kowalski
JB: In deinem Bild “Greenish Plate 2″ kommt genau das zum Ausdruck: Die Platte lässt sich kaum lokalisieren – es wirkt, als hätte sie überhaupt keine Beziehung zum Raum. Du schaffst es, den Betrachter zweifeln zu lassen, ob er überhaupt in der Lage ist, durch die zwei Dimensionen des Fotos auf den abgebildeten Raum zu schliessen. Besonders deutlich wird das in “Rose”, wo man sich nicht mehr sicher ist, ob die Blüten 2, 20 oder 200cm von der Linse entfernt sind. Du sabotierst unsere Sehgewohnheiten, aber inwiefern hilft das beim Verständnis von Bewusstsein?
MK: Klar. Manchmal muss man eben das, was vordergründig korrekt und gefällig erscheint, in Frage stellen, damit dann wiederum klar wird, worin die eigentliche Realität besteht. Allzu vieles nimmt man unreflektiert nur deshalb als korrekt an, weil es vom Großhirn einfach so durchgewinkt wird, weil es keinen unmittelbaren Widerspruch erzeugt und vielleicht auch, weil es gleichzeitig langweilig ist und man deshalb nicht mehr genau hinschaut.
Mit “Verständnis” meine ich übrigens weniger ein logisches Verständnis als vielmehr ein intuitives. So ein logisches Verständnis wäre denn auch weitaus besser in Worte zu packen als ein intuitives. Für ein logisches Verständnis müsste man auch keine Bilder machen. Man müsste nur einfach logische Texte darüber schreiben oder Formeln rechnen.

Rose © Marlon Kowalski
JB: In letzter Zeit hast Du einige Interieuraufnahmen gemacht. Verlagert sich Dein Interesse? Wie geht es weiter?
MK: Oh, Innenräume oder ganz allgemein “Szenen” bieten häufig diesen Aspekt, den ich eben beschrieben habe – allenfalls ein wenig subtiler. Bei Interieurs sind die Außenwände, was ich ansonsten durch die aufgehängten Platten künstlich versuche.
So, wie ich nach Deiner Überlegung vielleicht fotografiere, um das Fotografieren zu verstehen, mache ich natürlich auch gern Bilder, auf denen ich die irritierende Wahrnehmung von zweidimensionalem Raum konkretisieren kann. Das ist ein schwer zu erreichendes Ziel: aber natürlich versuche ich, auf “normale” Bilder zu übertragen, was ich mir mit den Platten zuvor überlegt habe. Und umgekehrt. Also ist das kein Sinneswandel, vielmehr eher ein Ping-Pong-Spiel zwischen den Ebenen.

o.T. (aus: "Neu-Ulm") © Marlon Kowalski
JB: Zum Abschluss bitte noch drei Tips von Marlon Kowalski. Künstler, Website, Buch oder Reiseziel, ganz wie Du willst.
MK: O Terraco, Marques de Tancos 3, 1100-340 Lisboa, Portugal (Kneipe), Steffen Lenk (Maler), “Vier Äpfel” von David Wagner (Buch).
JB: Vielen Dank für Deine Zeit!








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