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9. November 2009 7
Digitaler Workflow

Der professionelle Weißabgleich

Von Frank Werner
XVM: Kurse, Seminare, Schulungen und Workshops zu RAW Workflow, Lightroom, Photoshop, Aperture

Frank Werner ist Gründer und Lead digital Consultant von eXtreme visual media

Da es mich bei vielen Fotografen überrascht hat, dass der Weißabgleich zwar den meisten bekannt ist und oft auch angewandt wird, dass aber nur wenige verstehen bzw. erklären können was dabei passiert, habe ich als erstes Thema zum digitalen Workflow den professionellen Weißabgleich gewählt.

Auf der letzten Photokina habe ich für den dpunkt Verlag einen Vortrag zum Thema Speed RAW gehalten. Ich war etwas nervös, da ein Vortrag auf der Photokina immer wieder etwas Besonderes ist. Auch wusste ich nicht genau, wie es um die Vorkenntnisse meiner Workshop-Besucher bestellt war. Eine erste Fragerunde, die mir einen Eindruck von den Vorkenntnissen der Besucher geben sollte, ergab, dass ca. 90% aller Teilnehmer bereits in RAW fotografieren und sich ca. 80% selber als fortgeschritten bis sehr fortgeschritten einstuften.

Ich begann meinen Vortrag mit Aufnahmevoraussetzungen für den Speed RAW Workflow und habe hierfür zu Demonstrationszwecken eine kalibrierte Graukarte von WhiBal verwendet. Umso mehr war ich überrascht über die zahlreichen Fragen die aus der Verwendung dieser Karte entstanden. Den meisten war der Weißabgleich an sich zwar bekannt, allerdings hatten sich viele mit den verschiedenen praktischen Anwendungen im RAW Konverter, mit den Hintergründen, dem wieso und warum,  auch nach Jahren der RAW Fotografie noch nicht beschäftigt. Dieses Hintergrundwissen und Verständnis soll dieser kleine Workshop jetzt schaffen.

Was ist Weiß?

Für die Farbbalance eines Bildes, das heißt für die Vermeidung eines Farbstiches ist es wichtig, dass Weiß als Weiß wie wir es verstehen dargestellt wird. Die ersten Fragen die wir uns hier stellen müssen sind: Was ist eigentlich Weiß, hat Weiß eine Farbe und wie ist Weiß technisch definiert?

Wenn Sie sich mit dem Weißabgleich noch nicht so gut auskennen, machen Sie doch einfach mal eine kurze Übung. Nehmen Sie ein „weißes“ Blatt Schreibmaschinenpapier und halten es tagsüber einmal ans Fenster und einmal vor eine Glühlampe in einem Raum. Sie werden sehen, dass das „Weiß“ des Papiers einmal bläulichweiß und einmal gelblichweiß erscheint. In diesem Fall ist das Weiß des Papiers eine Reflexivfarbe und es erhält seine Tönung bzw. Farbe durch die Farbtemperatur des von Ihm reflektierten Lichtes.

Die Farbtemperatur

Die Farbtemperatur definiert die „Farbe“ des Lichts das sich von gelblich Weiß nach bläulich Weiß bei Farbtemperaturen von 2200 – 10000K bewegt. Die technische Definition der Farbtemperatur basiert auf einem idealen schwarzen Körper, dem sogenannten plankschen Strahler.

Für die praktische Anwendung, physikalisch nicht ganz korrekt,  stellen wir uns einen Metallwürfel vor, der nicht schmelzen kann. Erhitzt man diesen Metallwürfel auf eine bestimmte Temperatur, gemessen in Grad Kelvin, strahlt der Würfel, je höher er erhitzt wird, erst rötlich-gelbes Licht bis hin zu bläulichem Licht aus. Denken wir an Metall, das in einem Hochofen erhitzt wird, wissen wir, dass dieses Metall je nach Erhitzungsgrad rötlich (2000K), gelblich (3500K oder fast „weiß“ (5000K – z.B. elektrische Lichtbogenschweißung) wirkt.

Die Flamme eines Schweißgerätes ist zum Beispiel schon so heiß, dass sie bläuliches Licht emittiert. Dieser Vergleich beschreibt bildlich den Übergang von niedrigen zu hohen Farbtemperaturen und von gelblichem zu bläulichem Weiß.

Der Weißabgleich (oder Grauabgleich? ) in der Kamera

Unser Ziel in der Fotografie ist es – im Regelfall – Farbe korrekt darzustellen. Um nun Weiß als Weiß darstellen zu können muss die Kamera bei der Aufnahme erkennen, welche Farbtemperatur das Umgebungslicht hat und ihre Farbbalance daran anpassen. Tageslicht besitzt z.B. eine Farbtemperatur von 5200-5600K, Kunstlicht liegt je nach Lichtquelle zwischen 2400-3800K. In der Analogfotografie hatte man für die Anpassung nur wenige Möglichkeiten. Man konnte je nach verwendeter Lichtquelle, Kunstlicht oder Tageslichtfilm einsetzen, der für die jeweilige Farbtemperatur optimiert war.

In der Digitalfotografie arbeiten wir meistens mit dem automatischen Weißabgleich und überlassen es der Kamera die Farbbalance des Bildes an die Farbtemperatur des Lichtes anzupassen. Alternativ dazu können wir mit den Voreinstellungen der Kamera (meistens von ca. 2800K – Glühbirne, 3800K – Leuchtstoffröhre, 5600K Tageslicht bis hin zu 7500K Schatten) arbeiten. Bei beiden Methoden müssen wir uns aber auf Faktoren verlassen die wir nicht einschätzen können. Entweder auf das Funktionieren der Automatik oder alternativ auf unsere Einschätzung des Lichts.

Darüber hinaus lassen die Voreinstellungen der meisten Kameras nur sehr grobe Einstellungen zu. Viele modernere Kameras unterstützen inzwischen die Einstellung  von Kelvin in 50K oder 100K Schritten, doch auch hier bleibt das Problem bestehen, dass wir einschätzen müssen, welche Farbe das Umgebungslicht hat. Alternativ hierzu kann man einen sehr teuren Belichtungsmesser (ordentliche Geräte ab ca. 900 Euro, gute ab ca. 2.000 Euro), der die Farbtemperatur-Messung unterstützt, verwenden. Wir sind aber auch hier auf die Messgenauigkeit des Gerätes angewiesen und dürfen uns vor allem keine Fehlbedienung erlauben.

Manueller Weisabgleich

Die beste Möglichkeit ist der manuelle Weißabgleich, den ich in der Kamera mit Hilfe eines weißen Blattes Papier oder einer Graukarte durchführen kann. Dieser ist jedoch recht aufwendig, da ich hierzu ein Bild aufnehmen und in der Kamera als Referenzwert abspeichern muss. Weiterhin muss der manuelle Weißabgleich erneut durchgeführt werden, sobald sich die Lichtsituation ändert. Ein Beispiel: Wenn es bewölkt ist und sich Wolken vor die Sonne schieben, müsste ich direkt einen neuen manuellen Weißabgleich durchführen. Deswegen ist der manuelle Weißabgleich im Studio recht praktisch, in anderen Situationen jedoch nur mit Vorsicht zu verwenden.

Einer der bekannteren Vorteile des RAW Formats ist es, dass der Weißabgleich jederzeit nachträglich an meinem Computer durchgeführt werden kann. Damit erledigen sich die meisten der oben angesprochenen Problemstellungen wie: Verlasse ich mich auf meine Automatik? Schätze bzw. messe ich bei der Aufnahme? Führe ich einen manuellen Weißabgleich durch, der bei sich ändernden Lichtverhältnissen sofort obsolet wird? Nein. Die Aufnahme wird im RAW Format erstellt, und bei Aufnahmen, bei denen eine exakte Reproduktion der Lichtverhältnisse benötigt wird, wird eine geeichte Graukarte oder ein anderes äquivalentes Werkzeug wie z.B. ein Weißabgleichsfilter oder –würfel als Referenz verwendet.

Titel des nächsten Beitrages: Was passiert beim Weißabgleich im RAW Konverter – mit einem zusätzlichen Absatz über den technischen- bzw. den künstlerischen Weißabgleich.

Wer bis zu diesem Punkt Fragen hat, kann sie gern über die Kommentarfunktion stellen.

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Im Moment 7 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Marcel sagt:

    “Die Aufnahme wird im RAW Format erstellt, und bei Aufnahmen, bei denen eine exakte Reproduktion der Lichtverhältnisse benötigt wird, wird eine geeichte Graukarte oder ein anderes äquivalentes Werkzeug wie z.B. ein Weißabgleichsfilter oder –würfel als Referenz verwendet.”

    Dann hoffe ich mal, dass ich im nächsten Schritt genauer erklärt bekomme, wie und wann ich die Graukarte “verwende” und vor allem wie häufig bzw. was ich bei wechselnden Lichtverhältnissen beachten muss.

  2. Marko Radloff sagt:

    Zur Verwendung der Graukarte als Referenz, vor allem bei der Umsetzung im RAW-Labor gibt es im nächsten Beitrag tatsächlich nähere Infos …

  3. [...] oder Grauabgleich? Wir haben im Beitrag gestern vom Weißabgleich gesprochen aber auch von geeichten Graukarten. Macht man nun einen Weiß- oder [...]

  4. fotopunk sagt:

    cool, hat mir sehr geholfen :)

  5. [...] Zubehörteile, ist ein ordentliches Werkzeug für den Weißabgleich. In meinen letzten Artikeln (hier und hier) ging es um das Thema „Was passiert beim Weißabgleich im RAW Konverter“. Durch einen [...]

  6. Ralf M. Eberle sagt:

    Hallo!

    Kleine Korrektur für obigen Artikel:

    Schreibe nicht “Grad Kelvin”, sondern nur Kelvin und entferne auch das Grad-Zeichen bei den Zahlenangaben in Kelvin.

    Grüße,

    Ralf

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