Überlegung – Planung – Umsetzung. Wie ein Thema Fotografie wird
Ein selbstgewähltes Thema fotografisch umsetzen: Wahrscheinlich die erste, komplexere Herausforderung für jeden Fotografen! Im folgenden Beitrag – der in zwei Teilen heute und am Donnerstag erscheint – schildert Markus Mielek seine Herangehensweise – von der Wahl des Themas bis zur Postproduction.
Anhand ausgewählter Bildbeispiele wird Mielek den Prozess zum fertigen Motiv erläutern.

aus 'Kokon' © Markus Mielek
Teil1: Überlegungen und Planungen
Meine Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Einsamkeit und Isolation in der Großstadt. Die Charaktere befinden sich in einem Kokon, suchen sich ihren Freiraum, kapseln sich ab – oder werden von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Einen Großteil der Diplomarbeit machten in meinem Fall die Konzeption und die Planung aus. Die erste Hürde besteht bereits in der Findung eines geeigneten Themas. Im Prinzip kann man alles umsetzen, was man sich vorstellen kann. Nun muss man aus der Unzahl an Möglichkeiten ein Thema herauspicken. Bewährt hat es sich, zu schauen, wo die eigenen Schwerpunkte und Interessen liegen. In meinem Fall stand sehr früh fest, daß sich mein Projekt mit Menschen auseinandersetzen und einen sozialen Hintergrund haben soll.
Ziel war es, ein gesellschaftliches Thema oder Problem in einer ansprechenden Bildsprache umzusetzen. Der tatsächlichen Umsetzung geht eine Recherche des Marktes voraus. Sehr verfänglich wäre es, wenn man ein bereits in letzter Zeit von einem anderen Künstler bearbeitetes Thema wieder aufgreift. Es sei denn, man bringt etwas Neues ein – oder setzt das Thema komplett anders um.
Ursprünglich sah mein Konzept ganz anders aus, als ich es letztendlich umgesetzt habe. Es fanden im Laufe der Bearbeitungszeit von etwa einem halben Jahr immer wieder Wandlungen und Wechsel statt. Am Anfang stand die Idee, filmähnliche Szenen umzusetzen, doch fehlte denen der rote inhaltliche Faden.
Der zweite Ansatz sah vor, eine Auseinandersetzung mit den Lebenswelten alter Menschen zu fotografieren. Doch auch dieser Ansatz musste leider wieder verändert werden, da es unheimlich schwierig war, genug ältere Modelle für das Projekt zu finden. Professionelle Best-Ager aus Agenturen sind leider für eine Diplomarbeit nahezu unbezahlbar und im privaten Umfeld waren nicht genug zu finden.
Der dritte Ansatz sollte sich nun endgültig wieder mit Nachtinszenierungen beschäftigen, in dem auch alte Menschen vorkommen. Einsamkeit in der Großstadt ist das Thema der Arbeit, mit dem Titel „Kokon“
Digital oder analog
So gerne ich Kokon auch auf Filmmaterial umgesetzt hätte, die digitale Fotografie hat in Hinsicht auf mein Projekt einen unleugbaren Vorteil: Ich kann Langzeitbelichtungen, Blitzaufnahmen, unterschiedliche Farbtemperaturen und Teilelemente in der Arbeit ohne lästiges scannen von Negativen oder Dias realisieren.
Ein weiterer Aspekt ist der Kostenfaktor: Ich hätte Unmengen an Filmmaterial belichten müssen, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Für andere, technisch einfachere Projekte hätte sich die Arbeit auf Film sicherlich gelohnt, für mein Projekt musste ich mich leider anders entscheiden.

Das Modell wurde von zwei Lampen beleuchtet ... ein technisches Problem gab es bei dieser Location: Es gab keine Stromanschlüsse, daher musste ich auf akkubetriebene Blitze ausweichen – die leider auch nicht ewig halten. © Markus Mielek
Alte Dame in öder urbaner Landschaft Das Modell wurde von zwei Lampen beleuchtet. Eine war in dem Eingang versteckt und sorgt für den Lichtschein, der aus dem Gebäude nach draußen dringt. Die zweite Lampe war links neben dem Modell positioniert, so daß auf der einen Seite die Schatten aufgehellt wurden, zum anderen aber immer noch ein dunkler Saum an der Seite bleibt. Diese Lampe war mit einer Softbox versehen.
Nachdem das Modell fotografiert wurde, ging eine Lampe auf Wanderschaft und beleuchtet verschiedene Teile der Location. So stammt das Licht auf der Hauswand ebenso von einem Blitz. Das Licht im Hintergrund war vor Ort installiert und wurde durch eine Langzeitbelichtung am Rechner einmontiert.

Auch wenn die Aufnahme recht simpel erscheint, war die Umsetzung eine wahre Materialschlacht ... © Markus Mielek
Kino Auch wenn die Aufnahme recht simpel erscheint, war die Umsetzung eine wahre Materialschlacht. Vier Blitze waren im Einsatz. Bis auf die kleinen Lampen an der Decke, die durch eine nachträgliche Langzeitbelichtung hineinkopiert wurden, sind alle anderen Lichtquellen im Bild Blitzlicht. Eine Lampe mit einem sogenannten Globe sorgte für ein weiches Raumlicht, während eine Softbox für die Beleuchtung des Models verwendet wurde. Die Lichtflecke auf dem Vorhang und auf der rechten Wandseite sind durch einzelne Spots entstanden.
Ein technisches Problem gab es bei dieser Location: Es gab keine Stromanschlüsse, daher musste ich auf akkubetriebene Blitze ausweichen (die leider auch nicht ewig halten). Alternative wäre ein guter Stromgenerator gewesen.
Teil2: Planung und Umsetzung erscheint am Donnerstag







[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dr. Martina Mettner und Doug Delatine, gutenbergblog.de erwähnt. gutenbergblog.de sagte: Unbedingt lesenswerter Beitrag über die Planung und Durchführung eines Fotoprojektes http://bit.ly/1TblFl RT @Fotofeinkost #genial #Foto [...]
mich hätte noch interessiert warum Markus Mielek nun auf inszenierte Bilder setzt und nicht auf “reale” Bilder. Villeicht in Teil 3?:-)
Ich denke es geht dabei um eine einheitliche Bildsprache, um einen wiedererkennbaren Bildcharakter, um die Möglichkeit, sich sein Bild selber zu ‘bauen’. Das ist mit ‘realen’ Bildern – ich denke Du meinst im Sinne von ‘Reportagen’ – nur viel schwerer umsetzbar und auch dort wird das Element der Inszenierung eine Rolle spielen müssen.
ich muss zugeben, nachdem ich mir die Bilder angesehen habe, bin ich unschlüssig was ich davon halten soll.
Der Rote Faden ist in der Tat erkennbar und die Bilder sind (fast) schon dekorativ (durchaus positiv gesehen ), nur sehe ich eine kleine Widersprüchlikeit, dass eben eine Inszenierung als Ausdruck gewöhlt wurde, das wiederum der Beschreibung der Serie widersprich. So oder so, bin mal auf den zweiten Teil gespannt, die Ausführungen werden seltsamerweis auch viel zu wenig bedacht.
Aber was ist denn Realität? Ich finde die Frage spannend. Gerne können wir das anhand meiner Arbeit diskutieren: Sobald die Kamera merkbar vor Ort ist, gibt es doch keine Realität mehr. Alleine die Wahl eines Bildausschnitts, der die Person vielleicht einsamer erscheinen läßt, als sie ist, verklärt die Realität. Wenn man Einsamkeit fotografiert, müssen sich die Modelle (oder in dem Fall: Fotografierten) doch verstellen und versuchen, den Fotografen, der sie bei ihrer Einsamkeit stört, zu ignorieren – oder besser: ausblenden. Aber ist es dann doch das gleiche, als wenn sie ohne Fotograf vor Ort wären? Fotografie ist doch immer subjektiv. Einzig ein Blinder könnte vielleicht objektiv fotografieren, aber alleine dadurch, daß er vielleicht die Kamera in die Richtung schwenkt, in der er was zu hören meint, ist doch auch wieder subjektiv.
Und nichts anderes versuchen doch auch Filme: Filme greifen vielleicht soziale Themen auf und versuchen, den Plot um dieses Thema inszenatorisch zu erzählen.
Intention meiner Arbeit war es, Bilder aus meinem Kopf zu einem sozialen Thema umzusetzen. Die Diskussion können wir gerne fortführen > : )
Noch bis in die 1970er Jahre hatte es Fotografie schwer, als eigenständige Ausdrucksform wahrgenommen zu werden – im Fokus lag der rein abbildende Charakter. Man glaubte, Fotografie sei lediglich eine chemisch erzeugte Kopie der Wirklichkeit. Was wir heute unter Fotografie verstehen und praktizieren ist also ein verhältnismäßig junges (Kopf-) Phänomen.
Einen zusammenfassen Beitrag zur fotografischen Ideengeschichte hat Johann Moser auf seinem Blog vorgestern geliefert – zum Beitrag
Dass die Kamera natürlich immer subjektiv ist, völlig unzweifelhaft. Jedoch besteht m.E. immer noch ein Unterschied, den ich gar nicht werten möchte zwischen einem dokumentarischen Stil und einer Inszenierung, dass die GRenzen fliessend sind ist auch unbestritten.
Nur gebe ich mit durch den dokmenatarischen Stil meine Meinung/Ansicht bezüglich einer Gegebenheit wieder. Eine Inszenierung lässt mich völlig losgelöst von der Realität agieren, da kann, muss aber nicht, jeglicher Bezug zum Thema, zu einer angeblichen Realität fehlen.