Vom Tod erzählt. Der Fotograf Patrik Budenz

aus 'post mortem' © Patrik Budenz

Am Ende steht der Tod. So unausweichlich, so unerbittlich, dass wir uns angewöhnt haben davon zu schweigen.

Der Fotograf Patrik Budenz ist einen anderen Weg gegangen – er hat die Konfrontation mit diesem Thema gesucht und Bilder von dort mitgebracht, wo keiner gern hinschaut. Als Ergebnis sehen wir zwei eindrucksvolle fotografische Serien –  ‚Post Mortem‘ und ’search for evidence‘ (Spurensuche) – die mit bildnerischer Kraft das ungeheuerlich Normale erzählen.

Patrik Budenz hat an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin studiert und präsentiert mit ‚Post Mortem‘ seine Abschlussarbeit.

Ich habe mit Patrik  Budenz über die Motive zu dieser ungewöhnlichen Arbeit, über sein Studium und über seine Zukunftspläne gesprochen und auch erfahren, wie man in so verschlossene Bereiche als Fotograf vordringt …

aus 'post mortem' © Patrik Budenz

aus ‚Post Mortem‘ © Patrik Budenz

Marko Radloff/Bildwerk3: Ihre Serie ‚Post Mortem‘ berührt ein Thema, mit dem sich normale Menschen nur sehr ungern beschäftigen – dem Thema Tod. Haben Sie nicht Furcht, mit Ihrer Arbeit Grenzen zu überschreiten, hinter die sie nicht mehr zurück können?
Patrik Budenz: Ob meine Bilder Grenzen überschreiten, kann nur jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Letztendlich sind diese Grenzen individuell gesetzt, oft sogar willkürlich und unreflektiert. Die einzige Grenze, die ich für mich selbst überschritten habe, ist die eigene Angst vor der Auseinandersetzung mit diesem Thema. Natürlich beschäftigt sich niemand gerne mit dem Tod, denn es gibt dabei keine positiven Aspekte. Tod bedeutet immer Schmerz und Verlust.

Dennoch kommt jeder früher oder später mit dem Tod in Kontakt. Trotzdem wird das Thema Tod in unserer gegenwärtigen Gesellschaft weitgehend verdrängt. Das war aber nicht immer so: Historisch betrachtet hat diese Tabuisierung des Todes erst im 20. Jahrhundert stattgefunden hat. Noch im 19. Jahrhundert war der Umgang mit dem Tod deutlich unbefangener. Hier hat also unsere vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft einen Rückschritt gemacht.

aus 'post mortem' © Patrik Budenz

aus ‚Post Mortem‘ © Patrik Budenz

Aber scheinbar sind immer mehr Menschen bereit, sich auf dieses Thema wieder einzulassen. Sobald ich diese Arbeit erwähne, ist die Neugier sehr groß. Die überwiegend positive Resonanz auf die Arbeit empfinde ich als Bestätigung dafür, dass man sich diesem Thema nicht verschliessen sollte. Wichtig ist für mich dabei, dass ich durch die intensive Beschäftigung mit diesem Thema nicht die Sensibilität dafür verliere, da ich weder schockieren noch eine Sensationsgeilheit befriedigen möchte.

Schon in Ihrer Serie ’search for evidence‘ (Spurensuche) waren Leichen zu sehen. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Thema?
Faszination ist eigentlich der falsche Begriff. Mein Antrieb beim Fotografieren ist eher die Neugier, oder wenn mich ein Thema so beschäftigt, dass ich für mich Antworten finden möchte.

So entstand die Motivation für die Serie ’search for evidence‘ (Spurensuche) beim Zappen durch die Fernsehkanäle. Dort begegnet man ja fast jeden Abend Rechtsmedizinern oder forensischen Ermittlern. Dabei werden oft typische Klischees bedient: Rechtsmediziner sind kauzige Typen, die in halb abgedunkelten Räumen tagelang den toten Körper untersuchen. Oder die Untersuchungsräume sind nachtclub-artig in farbigen Neon beleuchtet und mit aberwitzigen Hightech-Geräten ausgestattet, die in kürzester Zeit die Todesursache quasi automatisch ermitteln.

aus 'search for evidence' © Patrik Budenz

aus ’search for evidence‘ © Patrik Budenz

Natürlich muss sich in diesen TV-Serien die Realität der Dramaturgie unterordnen. Daher wollte ich herausfinden, was Rechtsmedizin tatsächlich ist. Dementsprechend liegt der Fokus der Serie auch auf den Medizinern und ihrem Beruf, nicht auf den Toten. Da sich aber ein beträchtlicher Teil der Tätigkeit der Rechtsmediziner mit dem toten Körper befasst, sind diese auch in den Bildern zu sehen.

Durch der Arbeit an ’search for evidence‘ (Spurensuche) wurde ich auch ganz allgemein mit dem Thema Tod konfrontiert, was auch darüber hinaus weiter beschäftigt hat. Infolgedessen bin ich anschliessend in der Serie ‚Post Mortem‘ der Frage nachgegangen, was eigentlich mit dem toten Körper geschieht, nachdem ein Mensch verstorben ist. Gleichzeitig ist daraus aber auch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod geworden.

Ganz praktisch: Wie haben Sie es geschafft, in diese Bereiche vorzudringen? Was hat Ihnen die Türen geöffnet: beim Bestatter, im  Krematorium, bei der Gerichtsmedizin?
Den ersten Zugang – zur Rechtsmedizin – hatte ich ja bereits für die Arbeit ’search for evidence‘ (Spurensuche) erhalten. Man kommt natürlich nicht so ohne Weiteres in einen solchen Bereich hinein. D.h. ich musste Überzeugungsarbeit leisten. Hierbei hat mir sicher eine sehr intensive Vorbereitung geholfen, die alle möglichen Aspekte berücksichtigt hat – ethische, rechtliche, medizinische und natürlich auch fotografische und persönliche.

Darüber hinaus bin ich sehr offen mit meinen Bildern auf die Mitarbeiter der Institutionen zugegangen und habe schon ab den ersten Tagen vorläufige Ergebnisse präsentiert. Jeder konnte die Entstehung der Arbeit mitverfolgen, und so ist ein Vertrauensverhältnis entstanden, wodurch sich aus den ursprünglich vereinbarten fünf Terminen eine Zusammenarbeit von nunmehr zwei Jahren entwickelt hat. In dieser Zeit sind auch die Kontakte entstanden, die mir auch die Aufnahmen für ‚Post Mortem‘ ermöglicht haben.

aus 'search for evidence' © Patrik Budenz

aus ’search for evidence‘ © Patrik Budenz

Sie haben Anfang der Neunziger Jahre Wirtschaftsinformatik studiert. Wirkt sich dieses Studium auf Ihre jetzige Arbeitsweise aus? Haben Sie eine Affinität zur Technik im Allgemeinen?
Das Studium der Wirtschaftsinformatik war bei weitem nicht so technisch orientiert, wie es die Informatiker-Klischees vermitteln. Dennoch „spiele“ ich durchaus gerne mit Technik. Die Fotografie ist nun einmal ein sehr technischer Prozess. Ob die Kamera bei der Aufnahme oder der Rechner/Drucker bzw. Vergrößerer bei der Ausarbeitung der Prints – es geht nicht ohne entsprechende technische Kenntnisse.

Beim Erstellen der Bilder möchte ich mich aber einzig auf das Thema und den Moment konzentrieren. Je intuitiver ich meine Werkzeuge beherrsche, desto mehr tritt dann auch die Technik in den Hintergrund. Das ist aber nur möglich, wenn man sich auch intensiv damit auseinander gesetzt hat.

Wie gefällt Ihnen Berlin?
Ich bin vor drei Jahren nach Berlin gekommen und habe mich vom ersten Moment an wohl gefühlt. Die Stadt hat ein ganz eigenes Flair, das ich so bisher an keinem anderen Ort gefunden habe.

Sie haben an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin studiert. Haben Sie was gelernt?
Diese Frage müssten eigentlich meine Dozenten beantworten 🙂

Als Quereinsteiger habe ich mich schon vor dem Studium an der Neuen Schule mit der Fotografie beschäftigt. Meines Erachtens ist aber das größte Manko der Amateurfotografie, dass es meist nur um das Einzelbild und dabei vor allem um formale oder technische Aspekte geht. Inhalte sind dabei oft nicht zu finden. Doch gerade in dem, was die Fotografie erzählen kann, sehe ich ihre Kraft.

Meine Motivation für dieses Studium war daher, dass ich ein Gefühl dafür entwickle, wie man ein Thema mit fotografischen Mitteln angemessen darstellen kann. Ich denke schon, dass sich diesbezüglich mein Umgang mit der Fotografie sehr verändert hat – vor drei Jahren hätte ich die ‚Post Mortem‘ Serie sicher nicht erstellen können. Einen großen Anteil daran haben meine Dozenten Eva Betram und Marc Volk, die sich ebenfalls über einen langen Zeitraum meinen unbequemen Bildern auseinandersetzen mussten, ohne sich diesen entziehen zu können.

aus 'post mortem' © Patrik Budenz

aus ‚Post Mortem‘ © Patrik Budenz

Welche Sorte Fotograf möchten Sie sein? Wie stellen Sie sich Ihre ganz persönliche Berufswirklichkeit vor?
Ein Freund und Kollege meinte: „einer, der nicht zurückschreckt, der nachfragt“ – das gefällt mir. In eine bestimmte fotografische Kategorie möchte ich mich aber nicht einordnen. Das empfinde ich als Einengung auf die angesprochenen willkürlich gesetzten Grenzen. Es gibt viele Dinge, die ich für erzählenswert halte. Ich möchte mir daher die Freiheit erhalten, meine Themen so darzustellen, wie sie mir angemessen erscheinen.

Auch wenn ich, wie die meisten, Miete und Essen bezahlen muss, hoffe ich, dass ich auch in Zukunft weiter die Möglichkeit habe, mich mit den Themen zu beschäftigen, die mich persönlich bewegen. Dennoch sehe ich keinen Grund, mich unnötig unter Druck zu setzen und bleibe offen für alles, was noch auf mich zukommt.

aus 'post mortem' © Patrik Budenz

aus ‚Post Mortem‘ © Patrik Budenz

(alle Bilder zu den Serien – Fotograf Patrik Budenz)

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

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