Fotografieren ist wie träumen mit sehr offenen Augen
Es gibt Menschen, zu deren Glück gehört es, sich in phantastischen Rollen wiederzufinden. Kathrin Holighaus hat einige von ihnen ausfindig gemacht und in privater Umgebung fotografiert. Die Bilder wirken auf den ersten und auch auf den zweiten Blick seltsam verstörend. Erst allmählich beginnt man die Dinge auseinander zu halten und bei längerem Hinschauen weiß man Wirklichkeit und Phantastik auseinander zu halten. Dieses Sujet ist ein sehr gut überlegtes und sehr dankbares fotografisches Thema.
Kathrin Holighaus hat an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin studiert. Ihre Arbeit Parallelwelten und die Arbeiten der anderen Absolventen 2009 sind bis zum 25. Oktober in Berlin zu sehen. (hier)
Ich habe mit Kathrin Holighaus über Berlin, übers Studium und über diese Projekt gesprochen.

aus 'Parallelwelten' © Kathrin Holighaus
Marko Radloff/Bildwerk3: Wie gefällt Ihnen Berlin?
Kathrin Holighaus: Ich liebe Berlin, die Stadt ist zu meiner neuen Heimat geworden, hier möchte ich bleiben. Berlin ist eine inspirierende Stadt, die große kreative Spielräume bietet und immer irgendwie in Bewegung ist.
Sie haben an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin studiert. Was haben Sie gelernt?
Eine ganze Menge. Das Studium war eine einzigartige Möglichkeit, mich selbst auszuprobieren und unter den vielen Möglichkeiten der Fotografie einen eigenen Weg auszuloten. Es gibt so viele unterschiedliche Seh- und Sichtweisen und die größte Herausforderung war der Lernprozess, den eigenen fotografischen Standpunkt zu entwickeln und zu vertreten, auch wenn dieser nicht immer auf positive Resonanz stößt.
Die Neue Schule für Fotografie setzt einen Schwerpunkt auf Autoren- und künstlerische Fotografie und ich habe auch erst während des Studiums begonnen, künstlerisch-konzeptionell zu arbeiten.
Glauben Sie, dass Fotografie das Richtig für Sie ist?
Auf jeden Fall. Ich bin seit 1995 als Kommunikationsfachfrau und Mediendesignerin tätig, ein Bereich in dem das Medium Fotografie ja auch eine sehr wichtige Funktion hat.
Selbst angefangen zu fotografieren habe ich aber erst im Jahr 2003. An der Fotografie gefällt mir, dass ich so unmittelbar in Interaktion mit meiner Umwelt trete. Die Kamera schärft meinen Blick und fokussiert meine Wahrnehmung, gleichzeitig ist der Akt des Fotografierens aber auch so etwas wie Träumen mit offenen Augen.
Spielen Ihre Modelle was sie wirklich sein wollen oder sind dies zufällige Arrangements?
Die abgebildeten Personen sind Live-Rollenspieler oder Re-Enactors, die regelmäßig in ihrer Freizeit in ihre zweite Identität schlüpfen. Im Gegensatz zu Online-Rollenspielern stellen sie die Fantasiefigur tatsächlich physisch dar.

aus 'Parallelwelten' © Kathrin Holighaus
Großen Wert wird auch auf das Ambiente im Spiel gelegt, welches zum Beispiel über mehrere Tage in einer Burgruine stattfinden kann – es ist vergleichbar mit improvisiertem Theater, nur ohne Zuschauer. Wen oder was sie darstellen, suchen sich die Spieler selbst aus, einige verfügen auch über mehrere Kostüme für dieselbe oder unterschiedliche Rollen.
Ganz praktisch: Wo sind die Fotografien entstanden?
Die Fotos sind alle in den jeweiligen Wohnungen der Spieler entstanden. Es war meine Absicht, dass sich beide Welten der abgebildeten Person in einem Foto überlagern um damit beide Identitäten gleichzeitig zu zeigen.
Der private Wohnraum verrät dem Betrachter ja auf indirekte Weise viel über die reale Persönlichkeit hinter dem Kostüm. Da ich selbst keine Live-Rollenspieler kannte, habe ich für das Projekt gezielt in Internetforen und durch Herumfragen im Bekanntenkreis nach Freiwilligen gesucht, die sich von mir in ihrer Wohnung fotografieren lassen würden.
Die Vorstellung jemand völlig anderes zu sein: Wieviel davon steckt in Ihnen selbst?
Ich glaube ein bisschen davon steckt in jedem. Wer bin ich und wenn ja wie viele – die Frage nach der eigenen Identität ist etwas Grundlegendes. Verschiedene Rollen im Leben haben wir auch alle – berufliche und private.
Verpflichtungen und Rollenzwänge, denen man ja meist weder bewusst noch freiwillig ausgesetzt ist, können schon die Fantasie von einem anderen Leben in einer anderen Welt beflügeln. Ich selbst habe noch nie Rollenspiele ausprobiert, ich bin eher jemand der versucht, seine Wünsche und Träume in die Realität umzusetzen.

aus 'Parallelwelten' © Kathrin Holighaus
Welche Ausrüstung hatten Sie zur Verfügung?
Ich habe mit meiner Canon EOS 20D fotografiert. Auf Lichttechnik habe ich bewusst verzichtet, da ich die Atmosphäre der privaten Wohnräume nicht durch eigene Inszenierungen verändern wollte.
Welche Art Fotografie möchten Sie gern machen?
Ich würde mich da nicht starr festlegen wollen. Für die nächste Zukunft habe ich weitere künstlerische Projekte geplant. Aber ich sehe auch Möglichkeiten in der kommerziellen Fotografie, zum Beispiel bin ich bereits als Bühnenfotografin (Oper) tätig. Fest steht, dass ich eher im Bereich People und Editorial zu Hause bin als in der Sach- oder Architekturfotografie.

aus 'Parallelwelten' © Kathrin Holighaus







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