Trotz Bilderkrise auf den Weg machen – die Fotografin Anna Lena Mutter
Bis heute ein faszinierender Weg: Anna Mutter hat Ende der neunziger Jahre Wirtschaft studiert, sie ist nach ihrem Studium zu Gruner + Jahr nach Hamburg gegangen und hat im Verlag ihre Leidenschaft für Fotografie entdeckt. Dann ein zweites Studium: Fotojournalismus bei Prof. Rolf Nobel in Hannover. Heute arbeitet Anna Mutter als freiberufliche Fotografin von Hamburg aus und ist unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ganz Deutschland unterwegs.
Für ihre Diplomarbeit an der FH Hannover hat Anna Mutter eine Clownstruppe, bestehend aus Senioren einige Zeit begleitet und mit Distanz und Einfühlungsvermögen portraitiert und als journalistische Fotografin die Atmosphäre aus Spaß und Altern, aus Gemeinschaftsgefühl und Geborgenheit sympathisch bebildert.
Ich habe mit ihr über die merkwürdige Wendung vom Wirtschaftsfach zur Fotografie, von der ‘Dipl.-Wirtschaftsingenieurin für Verlagswesen’ zur freien Fotografien, über ihre Herangehensweise bei der Diplomarbeit, über ihre Arbeitsweise und über ihre Zukunftspläne gesprochen.

© Anna Mutter
Marko Radloff: Sie arbeiten heute als Fotografin freiberuflich. Ein harter Einstieg?
Anna Mutter: Naja, leicht ist es sicher nicht. Aber bisher hat sich alles ganz gut entwickelt. Durch eine Kooperation zwischen der FH Hannover und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte ich die Möglichkeit, dort während des Studiums ein Praktikum als Redaktionsfotografin zu machen und danach weiterhin freiberuflich für die FAZ zu arbeiten. Dabei konnte ich viel Sicherheit und fotografisches Selbstvertrauen entwickeln. Mein Diplom wurde schließlich in GEO Wissen veröffentlicht. Nun arbeite ich daran, dass es so weiter geht …
Sie haben Ende der neunziger Jahre in Stuttgart Wirtschaft studiert. Jugendsünde oder bewusstes Kalkül?
Die Jugendsünde daran war weniger das Studium an sich als viel mehr der Mangel an Vertrauen in mich und meine kreativen Fähigkeiten. Das war auch der Grund, warum ich damals nach etwas vermeintlich Sicherem gesucht habe.
Nach meinem ersten Studium mit dem Abschluss „Dipl.-Wirtschaftsingenieur für Verlagswesen“ bekam ich eine Anstellung bei Gruner + Jahr, worauf ich sehr stolz war. Die Arbeit als Verlagsherstellerin faszinierte mich anfangs, denn schließlich war ich ganz nah dran an der Produktion von hochwertigen, renommierten und auflagenstarken Zeitschriften. Allerdings wuchs meine Unzufriedenheit immer stärker, als ich feststellen musste, dass „ganz nah dran“ eben trotzdem „knapp vorbei“ ist.
Mit der Entscheidung, noch einmal zu studieren und meine beruflichen Errungenschaften aufgeben zu müssen habe ich mich etwa ein Jahr gequält. Mein Glück war damals, dass ich eine wunderbare Chefin hatte, von der ich große Unterstützung bekam und die mir mit dem Beginn meines Fotografie-Studiums eine Teilzeit-Stelle ermöglichte. Damit war der Weg zurück nicht abgeschnitten und ich konnte mir das teure Studium locker finanzieren. Im Nachhinein bereue ich nichts daran. Manche Dinge im Leben müssen eben reifen.
Haben Sie damals schon fotografiert und wie haben Sie fotografiert? Erinnern Sie sich an Ihr erstes Foto?
Als Teeny habe ich leidenschaftlich gerne meine Geschwister (sechs an der Zahl), meinen Hund und mein Pflegepony fotografiert. An mein erstes Foto erinnere ich mich nicht, aber eines meiner Lieblingsbilder ist von zwei meiner Geschwister, die in der Badewanne sitzen und sich mit Vollbärten aus Badeschaum schmücken.
Später, mit Anfang 20 bekam ich meine erste Spiegelreflexkamera, habe aber tatsächlich wenig fotografiert. Zu gewöhnlichen Gelegenheiten wie im Urlaub oder auf Festen hatte ich keine Lust. Und sonst – klingt komisch – wusste ich nicht, was ich fotografieren wollte. Als ich in meine berufliche Sinnkrise kam, habe ich mich mit dieser Frage beschäftigt und herausgefunden, dass mein Interesse an der Fotografie nicht rein technisch oder ästhetisch ist, sondern dass das Medium Fotografie für mich persönlich viel mehr eine Brücke zu anderen Menschen und deren Lebenswegen ist.

© Anna Mutter
Als Sie im Jahr 2000 zu Gruner + Jahr nach Hamburg gekommen sind, war die Medienkrise im Zusammenhang mit der Dotcom-Blase in vollem Gange. Haben Sie besondere Erinnerung an diese Zeit?
Einen Monat nachdem ich meine Anstellung bei G+J antreten durfte, wurde vom Vorstand absoluter Einstellungsstopp verkündet. Der bittere Rückschlag, der die Web-Wunder-Welt ereilte war gleichzeitig eine Bestätigung für die Printmedien, denen wiederum noch wenige Jahre zuvor der Untergang vorhergesagt wurde. Um die Verluste durch die Medienkrise so gering wie möglich zu halten wurde natürlich trotzdem intensiv an der Minimierung aller Kosten gearbeitet.
Ich war zu dieser Zeit in einer Stabstelle – (das heisst die Abteilung war direkt der Verlagsleitung unterstellt) – beschäftigt, die sich vornehmlich mit Prozessoptimierung im redaktionellen und produktionstechnischen Bereich beschäftigte. Ich war 23, Berufsstarter und hatte wesentlich weniger Angst vor Veränderung als viele langjährige Mitarbeiter. In so fern war das für mich persönlich eine sehr spannende und lehrreiche Zeit.
Damals – vor zehn Jahren – haben Fotografen noch nicht ausschließlich digital gearbeitet. Wir haben seitdem einen technologischen Wandel erlebt. Berührt Sie das irgendwie?
Nein, eigentlich nicht. Allerdings denke ich erahnen zu können, was viele ältere Kollegen, die ihre Karriere mit analoger Fotografie begonnen haben, vermissen. Das Haptische an der Arbeit ist verloren gegangen. Mich „berührt“ viel mehr, dass der technologische Wandel eine extreme Inflation für den Wert von Fotografie nach sich zieht.
Ab 2004 dann das Studium mit dem Schwerpunkt ‚Fotojournalismus’ an der FH in Hannover bei Prof. Rolf Nobel. Möchten Sie mit Fotos Geschichten erzählen?
Ja, ich denke das wird mit meiner Antwort auf Ihre zweite Frage bereits deutlich. Durch die Fotografie nähere ich mich anderen Menschen, beschäftige mich mit Emotionen, sowohl mit ihren als auch mit meinen und erzähle mittels Bildern davon.
Sie haben in Hannover studiert und gleichzeitig für Gruner + Jahr gearbeitet. Eine kreative Doppelbelastung?
Es war durchaus eine hohe Belastung. Allein die Wege, die ich jede Woche zurück zu legen hatte. Andererseits haben sich die beiden Bereiche meines „Doppellebens“ wunderbar ergänzt. Die Arbeit bei G+J war analytisch, gab meiner wöchentlichen Zeitplanung eine Struktur und durch den regelmäßigen Verdienst war ich abgesichert. Das Studium in Hannover war die Perspektive zu meinem Traumberuf: dort konnte ich wieder in Ruhe nach dem „wahren Leben“ forschen.
Für Ihre Abschlussarbeit haben Sie Senioren fotografiert, dies sich als Clowns verkleiden und auf diese Art ihre Leichtigkeit zurückgewinnen. Wie haben Sie die Protagonisten Ihrer Serie für das Projekt gewinnen können?
Die Clowns für dieses Projekt zu gewinnen, war eigentlich gar nicht schwer. Ich habe zunächst telefonischen Kontakt aufgenommen und sie darum gebeten, mich persönlich bei ihrem Clownensemble als Fotografin vorstellen zu dürfen. Während dieses Gesprächs habe ich deutlich signalisiert, dass ich mich für sie als Menschen mit ihrer persönlichen Geschichte interessiere, sie für eine Zeit lang begleiten möchte und nicht an einem halben Nachmittag als skurrile Alte knipsen möchte.

© Anna Mutter
Von beiden Seiten entstand recht schnell Vertrauen und es konnte losgehen. Eine meiner ersten Fragen an die Clowns war übrigens, wie sie auf die Idee gekommen sind im Rentenalter eine Clownschule zu besuchen. Unabhängig von einander gaben Sie mir fast alle die gleiche Antwort: der Clown sei ein Teil ihrer Persönlichkeit, der sich im Alltag nicht „vor die Türe“ traut und sich in der Clownschule endlich einmal frei entfalten konnte.
Sie betrachten den Clown als einen Teil ihres Charakters und nicht als belustigende Verkleidung. Daher kam ich auch auf die Idee, jeden von ihnen zu Hause zu portraitieren. Das persönliche Umfeld erzählt vom offiziellen, bürgerlichen Leben der Clowns. Der Clown selbst wiederum erzählt vom inoffiziellen Leben der Bürger. Dieser optische Kontrast, der sich daraus ergibt ist fotografisch interessant aber eben auch tiefgründig und nicht Effekt haschend.
Denken Sie, dass für diese Art fotografischer Reportagen zukünftig noch Platz sein wird – online oder gedruckt?
Platz in der Medienwelt oder in meiner Arbeitszeit? Ich persönlich finde es wichtig, mir Zeit für diese Art von Reportagen zu nehmen. Zum einen geben mir solche Arbeiten und die damit einhergehenden Erfahrungen und Begegnungen große Motivation mich trotz aller negativen Entwicklungen im Bildmarkt als Fotografin auf den Weg zu machen.
Und zum anderen denke ich, sind gerade solche Arbeiten heute noch eine der wenigen Möglichkeiten überhaupt einen Einstieg zu bekommen. An Interesse seitens der Kunden mangelt es jedenfalls nicht, so ist mein Eindruck. Viel mehr an den finanziellen Mitteln, die z.B. Redaktionen für Auftragsproduktionen zu Verfügung haben. Denn einfühlsame Reportagen brauchen ihre Zeit. Und Zeit ist Geld.
Ein besonders gutes Bild von Anna Mutter entsteht eher zufällig oder wird sorgfältig geplant?
Für mich ist die wichtigste Voraussetzung für ein besonderes Bild eine besondere Atmosphäre. Und die entsteht auf unterschiedliche Art und Weise. Bei einem Portrait ist Vertrauen wichtig. So wie die Clowns mir dahingehend vertraut haben, dass ich mich nicht über sie lustig machen möchte.
Wo möchten Sie als Fotografin gern einmal ausstellen und wen möchten Sie gern einmal portraitieren?
Das ist für mich die einzige Ihrer Fragen, die ich nicht spontan beantworten kann. Denn ich muss feststellen, dass ich mir darüber bisher keine Gedanken gemacht habe. Sicher wäre es eine schöne Vorstellung, meine Bilder einmal ganz prominent in den Hamburger Deichtorhallen oder gar in einer New Yorker Galerie sehen zu können – wenn Sie mich nun danach fragen.

© Anna Mutter
Aber das gehörte bisher nicht zu meinen Zielen als Fotografin. Genauso wenig habe ich eine bestimmte berühmte Persönlichkeit vor Augen, die ich einmal fotografieren möchte.
Bei meinen Portraits, ob von einer bekannten oder unbekannten Person, ist mir viel wichtiger, dass sie etwas Persönliches zeigen. Sie sollen Emotionen wecken und keine technisch perfekten Abbildungen leerer Hüllen sein. Das war mir von Anfang an ein großes Anliegen in der Fotografie. Sei es beim alten Herrenfriseur Walter Löwenberg aus dem Hamburger Portugiesen-Viertel, den ich für meine Bewerbung an der FH Hannover fotografiert habe, bei Timmy, dem querschnittsgelähmten Rollstuhl-Sportler – ihn habe ich während des Studiums für GEOlino fotografiert oder Hue Bao, dem kleinen Mönch aus Frankfurt, den ich während eines FAZ-Auftrages entdeckte und dann für 2 Monate in meiner freien Zeit begleitet habe.
Auch bei Architektur- und Landschaftsfotografie ist es mir wichtig Atmosphäre einzufangen und dadurch Emotion zu erzeugen. So habe ich mir in meiner Arbeit „Venedig – ein Reiseessay“ zur Aufgabe gemacht, dieses „abgegriffene“ Thema so darzustellen, dass der Betrachter eben doch daran hängen bleibt: Keine überkorrekten Architekturaufnahmen, sondern athmosphärische, warme Bilder, die dem Betrachter das Gefühl geben, in einer Theaterkulisse zu stehen und die 1000-mal gesehene Stadt doch noch einmal neu entdecken zu können.
Letztlich wünsche ich mir einfach als Fotografin wahrgenommen zu werden und von meiner Arbeit leben zu können.


Mit der Kamera sehen Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter
Ein Tag Deutschland:
Das Wesen der Fotografie: Ein Elementarbuch Stephen Shore erklärt, wie man Fotografien richtig beurteilt und versteht.
Erfolg als Fotograf: Wie man sein Können optimal präsentiert Autorin: Dr. Martina Mettner
Vielen Dank für diesen ausführlichen und sehr interessanten Nachschlag.
VG Andreas
Dies ist ein sehr interessantes und ausführliches Interview über eine angehende Fotografien, die bestimmt noch viel Erfolg haben wird. Ein Blick auf ihre Website http://www.anna-mutter.de/ ist sehr lohnenswert. Schöne Arbeiten.
Beste Grüße
Uwe Nölke
Ich bin eine der Clowns, die von Anna fotografiert und während unserer Tournee begleitet wurde. Anna ist eine sympatische junge Frau, mit dem rechten Gefühl von Nähe und Distanz. Sie hat nicht nur wunderbare Fotos von uns und unserem Tun gemacht, sie hat sich durch ihre feine Art in Stresssituationen als beruhigender Pol erwiesen und manche Situation hilfreich mitlösen können. Mein Dank gilt ihr und der Wunsch auf eine erfüllende Fototätigkeit begleitet sie.
MfG
Ulrike alias Rosa Rasanta
Macht wirklich ausgezeichnete Fotos. Wem die Hafenarbeiter Fotos (auf ihrer Seite) gefallen, dem werden sicher auch die Fotos von August Sander gefallen.
ich bin durch GEO-Wissen und die Clownsbilder auf Anna Mutter aufmerksam geworden. Selten haben mich Photos so angesprochen und berührt.
Ein Blick auf ihre Seite zeigt ihre Vielfältigkeit und die Liebe zu den dargestellten Personen.
Ich wünsche mir, mehr von Anna Mutter zu sehen.
Das sollte möglich sein …
Die Bilder von Anna Mutter und das ausführliche Interview gefielen mir über die Maßen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich als Freund von Kunst, guten Texten und sinnvollem Tun einen Artikel in meinem Blog über modernes Leben und Wohnen schrieb
(http://www.styleagent-blog.de).
Sebastian
[...] stieß auf die schönen und anregenden Fotos im Bildwerk3, erfuhr durch ein Interview von Marko Radloff mit der Künstlerin Anna Mutter auch viel über deren [...]