stern-Fotograf Harald Schmitt: Wer will, der schafft es auch heute noch
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und ich habe mit einem Fotografen gesprochen, der die Zeit davor und unmittelbar danach aktiv begleitet hat – stern-Fotograf Harald Schmitt. Seine Bilder geben Zeugnis von den ungeheuren Umwälzungen und lassen einen in der Zeit zurückschauen. Manche Bilder erkennt man sofort wieder, andere wirken überraschend durch ihren Zeitbezug … Jetzt werden im Martin-Gropius-Bau in Berlin die Arbeiten von Harald Schmitt aus dieser Zeit in einer Einzelausstellung gewürdigt. (3. Oktober bis 13. Dezember 2009)
Ihr liebe Bildwerk3-Leser habt nun Gelegenheit, einen von drei Ausstellungs-Katalogen zu gewinnen, den ich zum Interview verlosen darf! Wer einen Kommentar schreibt – Thema Foto-Journalismus, Wende etc. – oder wer einen Link zu diesem Beitrag setzt, nimmt automatisch an der Verlosung teil.
Auch Fragen an Harald Schmitt sind erlaubt und werden, sofern sich das zeitlich einrichten läßt beantwortet. – Verlost wird in einer Woche am Dienstag den 06.10.2009 – der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen. Viel Spaß!

Moskau nach dem Putsch. Die Entmachtung Gorbatschows, 23.8.1991 © Harald Schmitt / stern
Marko Radloff: Sie haben als Fotograf eine beachtliche Karriere gemacht: vom Hochzeits- und Passbildfotografen in Trier zum angestellten Fotoreporter beim „stern“. Denken Sie, dass vergleichbare Karrieren heute noch möglich sind?
Harald Schmitt: Leider gibt es keine festangestellten Fotoreporter mehr beim „stern“. Es ist natürlich möglich, zum festen /freien Fotografenteam des Magazins zu gehören. Die Bildredakteure arbeitet gerne mit Fotografen, deren Arbeiten sie bereits kennen, zusammen. So ist das Risiko, eine Pleite zu erleben, geringer. Es ist also möglich, wenn auch sehr schwierig. In anderen Berufen ist es auch nicht anders. Wer will, wer wirklich will, der schafft es auch heute noch. Man erlebt viel, muss dafür auf vieles, z. B. im privaten Bereich, verzichten.
Wie war das, als Sie 1977 beim „stern“ anfingen: Hat man Sie da am gleichen Tag in den Osten geschickt?
H.S.: Ich wurde gleich als Nachfolger von Thomas Höpker, einem der Starfotografen beim „stern“, der zwei Jahre lang mit seiner Frau Eva Windmöller aus der DDR berichtet hat, für die DDR eingestellt. Keiner der damals 20 festangestellter Fotoreporter wollte nach Höpker dorthin. Dabei konnte er nur verlieren. Ich war jung und hatte nichts zu verlieren. Also nichts wie hin! Habe keine zwei Sekunden gezögert. Jeder Fotograf wollte zum „stern“ Team gehören. Wir waren damals so eine Art „Nationalmannschaft“. Man wurde sozusagen berufen.

Robert Havemann am Arbeitsplatz seines Hauses, Grünheide 7.8.1980
War der „stern“ in dieser Zeit – als alle mit Schablonen im Kopf herumliefen – eher ein linkes Magazin, oder hat das ausnahmsweise keine Rolle gespielt?
H.S.: Richtig links war das Magazin auch damals nicht. Es entsprach meiner politischen Einstellung. Ich musste mich also in keiner Weise verbiegen. Im Gegenteil.
Sie waren sechs Jahre in der DDR als Journalist akkreditiert. Und haben in dieser Zeit in Ost-Berlin gewohnt?
H.S.: Ausschließlich in Ost-Berlin. Ich habe sogar im Osten eingekauft. Nicht um Geld zu sparen. Nur so konnte ich das Lebensgefühl der DDR verstehen. Jedenfalls habe ich es versucht. 1200.– DM war die Miete für eine 76 qm grosse Plattenbauwohnung. Die Mitarbeiter der Stasi,die mich überwachten, wurden also von mir bezahlt. Eine DDR Familie musste für die gleiche Wohnung 100,– Ost Mark zahlen.
Ganz praktisch: Mit welcher Ausrüstung haben Sie in dieser Zeit fotografiert? Etwa mit einer Nikon F3? Und vor allem, mit welchem Filmmaterial haben Sie gearbeitet und wie haben Sie es entwickelt bekommen?
H.S.: Seit vierzig Jahren fotografiere ich mit Nikon Kameras. 1977 noch mit der F2 ,danach mit meiner Lieblingskamera der legendären F3. Fotografiert habe ich meist s/w mit Kodak Tri X pan. Farbe, wenn möglich Kodachrome II, wegen der tollen Qualität, später Fuji 100. Farbgeschichten wurden vorher von der Art-Direction extra angesagt. Normalerweise wurden s/w Bilder gedruckt. Die Filme habe ich nach Hamburg geschickt, wo sie auch entwickelt wurden.
Einmal haben mir zwei Typen der Staatssicherheit einen Film mit Fotos von Rudolf Bahro abgenommen. Sie behaupteten einfach, ich hätte Bilder von ihnen gemacht.
Wurden Ihre Bilder im Osten zensiert – man hört ja schlimme Geschichten aus dieser Zeit – und haben Sie mal etwas über die Grenze geschmuggelt – müssen keine Bilder gewesen sein?
H.S.: Sehr viel habe ich über die Grenze geschmuggelt. Hinein in die DDR, nicht heraus. Habe Kodak Filme, Planfilme hineingebracht für befreundete Fotografen. Dann die Druckvorlagen für den „Interflug“ Kalender wieder mit in den Westen mitgenommen. So hatte letztendlich „Interflug“ einen Kalender in bester West –Qualität und sie wussten es gar nicht. Da ich auch sehr viele Musiker kannte, brachte ich Schlagstöcke für die Drummer, Piezo Hochtöner, Gitarrenseiten, Mikrofone oder Nakamichi Aufnahmegeräte mit. Ich habe vermutlich manche „Mugge“ gerettet.

Gabelstaplerfahrerin und Sprecherin der Arbeiter Anna Walentynowicz, deren Entlassung den Streik auf der Danziger Werft ausgelöst hat, mit Streikführer Lech Walesa, Danzig, Polen, 29.8.1980 © Harald Schmitt / stern
Warum wurde Ihr Visum für die DDR 1983 nicht verlängert? Haben Sie was angestellt?
H.S.: Selbst habe ich nichts angestellt. Jedenfalls aus meiner Sichtweise. Die DDR Behörden sahen das anders. Ein durchgedrehter Ofensetzer hat auf den Konvoi von Erich Honecker geschossen. Er wurde von dessen Sicherheitsleuten in den Strassengraben gedrängt. Dann verletzte er zwei dieser Männer. Die haben ihn danach exekutiert. weiterlesen …









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