Im Rohbildlabor. Interview mit Christoph Künne.
Christop Künne ist Fachautor für digitale Bildbearbeitung, Autor zahlreicher Bücher und Herausgeber von DOCMA, einem Magazin, das sich an Bildbearbeiter, Grafiker und Fotografen richtet. Zur regelmäßig erscheinenden Printausgabe gibt es ein täglich aktualisiertes, sehr informatives Onlinemagazin.
Im Interview habe ich Christoph Künne nach seiner Einschätzung zum Entwicklungsstand bei Photoshop und Lightroom, nach den Einsatzmöglichkeiten von Raw-Formaten und zum schwierigen Thema Farbprofile fragen können.
Hintergrund für das Interview ist das Workshop-Angebot von Künne auf dem Fotofestival Horizonte 2009 in Zingst: Lightroom für Kreative und Das Rohbildlabor. Am 30.05. und am 01.06. wird Künne Einsteiger und Fortgeschrittene im Umgang mit Lightroom unterrichten und gemeinsam mit den Kursteilnehmern das kreative Potential von Raw-Formaten ausloten.

Christoph Künne
Marko Radloff/Bildwerk3: Wann hat Christoph Künne Bildbearbeitung via Photoshop für sich als Thema entdeckt?
Christoph Künne, er schätzt die wilhelminische Anrede in der dritten Person
Also, ich habe Photoshop im Jahr 1991/92 entdeckt, damals in der Version 2. Mir war sofort klar, dass ich nie wieder ein Fotolabor betreten wollte.
Leider dauerte es noch fast 10 Jahre, bis Bilder, die digital bearbeitet waren, sich zu vernünftigen Kosten ausdrucken ließen. Solange wandte ich mich von der Fotografie ab und der digitalen Lithografie zu, also der Bearbeitung von Bildern für den Offsetdruck.
In der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan. Sind Photoshop und auch Lightroom heute ausgewachsene Anwendungen?
Künne: Photoshop ist längst ausgewachsen, aber Lightroom hat meiner Ansicht nach noch eine Menge Ausbaupotenzial.
Welche Weiterentwicklungen bei Photoshop und bei Lightroom halten Sie im Moment für die spannendsten?
Künne: Nun ich muss zugeben, was die Weiterentwicklung bei Photoshop angeht, mangelt es mir inzwischen etwas an der Fantasie. Natürlich kann man noch mehr zur Zeit nur als Plug-in verfügbare Funktionen nachrüsten. Und es fehlt auch immer noch ein wirksames Freistellerwerkzeug, das ohne große Mühe für den Anwender hervorragende Ergebnisse auch bei schwierigen Vorlagen bringt.
Allerdings habe ich das Gefühl, auch die Entwickler sehen nicht mehr viele sinnvolle Erweiterungen für den reinen Standbildbereich und bewegen sich seit längerem in Richtung 3D, Animation, Web und Video. Alles Anwendungen also die mit den Fotos, denen das Programm seinen Namen verdankt, nur noch am Rande zu tun haben.
Lightroom finde ich selbst inzwischen viel spannender, weil man hier ohne den ganzen Photoshop-Ballast innerhalb kürzester Zeit zu digital überarbeiteten Bildern kommt. Nicht nur in technischer, sondern auch in kreativer Hinsicht. Da wünsche ich mir im Grunde nur noch mehr Funktionalität – wie etwa den Ausgleich objektivspezifischer Verzerrungen – ohne merklich ansteigende Bedienungskomplexität.
Ihrer Erfahrung nach werden kameraeigene Raw’s von Fotografen eher unter- oder eher überschätzt?
Künne: Weder noch. Der Amateur macht seine Bilder ohnehin meist nur zu Zwecken der Erinnerung. Da reicht Jpeg mit den heutigen Auflösungen und der kamerainternen Nachbearbeitung voll aus.
Die Profis und die Semiprofis nutzen die Möglichkeit in Raw aufzunehmen schon weitestgehend. Sie wissen inzwischen, dass man damit zwar mehr Freiheiten bei der Belichtung hat und im Zweifel noch ein paar zusätzliche Details herauskitzeln kann.
Würden Sie Fotografen also empfehlen, ausschließlich im Raw-Format zu fotografieren?
Künne: Nein. Nicht für jedes Bild braucht man ein Raw. Ich selbst fotografiere immer parallel Raws und Jpegs. Die Jpegs sind für mich eine Art “Kontaktabzug”.
Die nehme ich mit geringer Qualität auf und behalte alle richtig belichteten Aufnahmen, falls ich sie eines Tages noch einmal wegen ihrer Inhalte brauche.
Die Raws archiviere ich nur zum geringen Teil. Sie setze ich für Nachbearbeitungen ein, um qualitativ hochwertige Bilder zu erhalten. Dazu “entwickle” ich sie zunächst im Konverter mit einem oder mehreren “Looks” und drucke sie dann später in diesen “Interpretation”.
Wird es irgendwann ein Raw-Format geben können – das digitale Negativ?
Künne: Die bisherigen Versuche, solch ein Format von Seiten Adobes wie von der Open-Source-Bewegung zu etablieren, haben kaum Früchte getragen.
Zwar sind einige Kamerahersteller wie Leica auf Adobes DNG-Zug aufgesprungen, doch leider nicht die Wichtigen der Branche. Canon und besonders Nikon haben eigene Formate, die sie auch nur in Teilen offenlegen, weil sie sich daraus einen Wettbewerbsvorteil versprechen. Aus Sicht der Gewinnmaximierung verständlich, aber für den Kunden am Ende ein nicht zu unterschätzendes Problem, wenn zukünftige Manager aus Kostengründen beschließen, dass bestimmte alte Raw-Formate nicht mehr unterstützt werden.
Das kann im ungünstigsten Fall ganze Bildarchive wertlos machen, weil sich die Daten nicht mal mehr ohne die Dienstleistung eines Spezialisten sichten lassen.
Was ich immer nicht weiß und wenn ich’s weiß wieder vergesse, weil’s so schwer zu verstehen ist: Sind Raw-Dateien mit der Aufnahme an Farbräume gebunden?
Künne: Ja, in der Regel an den RGB-Farbraum (es gibt Ausnahmen, die mit RGBE arbeiten, einer-Farbraumerweiterung auf vier Grundfarben), auch wenn die meisten Digitalkameras nur ein mit Farbfolien gefiltertes Schwarzweißbild aufnehmen, in das die Kamera selbst zwei Drittel der Information “interpoliert”, also aus den umgebenden Pixeln dazurechnet.
Aus diesem Grund sind fast alle Raw-Dateien gegenüber 16-Bit-RGB-Tiffs – obwohl im Prinzip dieselbe Information drinsteckt – vom Speicherbedarf her vergleichsweise klein. Bei denen erledigt das Bildbearbeitungsprogramm am Rechner die Interpolation der fehlenden Bildinformationen.
Können Sie für Bildwerk3-Leser einen kurzen ‘Farbprofil-Workflow’ skizzieren – von der Aufnahme im RAW-Format bis zur Ausgabe auf einem Epson Tintenstrahldrucker?
Künne: Ein “Farbprofil-Workflow”, der sich in einem einzigen Farbraum bewegt, ist etwas überdimensioniert ausgedrückt. Zum einen ist die “Farbe” mit jedem Profil dieselbe, nur wird sie dem Profil entsprechend für eine mögliche Ausgabe anders “interpretiert”.
In der Regel nutzt man für alle Workflows – außer, wenn es um den ausschließlichen Einsatz der Bilder im Web geht, das “Adobe RGB (1998)”-Profil. Wenn man nur selbst druckt und einen Foto-Tintendrucker mit sechs oder mehr Farben besitzt und sehr bewusst mit Papieren umgeht, kann es sinnvoll sein, das “Pro Photo”- Profil zu nutzen, kann es sinnvoll sein, “Pro Photo”- Profil zu nutzen, weil sich damit bei einigen Farben und bestimmten Motiven ein paar Details mehr herauskitzeln lassen.
Für 95% der Anwender ist das aber nicht relevant. Wichtiger ist die Abgrenzung von den “s-RGB”-Profilen, die in erster Linie für den Einsatz der Bilder im Netz bestimmt sind.
Vergleicht man ein Bild mit s-RGB und Adobe RGB-Profilierung sieht es farblich unter Umständen ganz anders aus. Doch das ist in den meisten Fällen Geschmackssache, und man entscheidet sich nach seinen Vorlieben.
Wichtiger als die Wahl des Farbraums im EBV-Teil des Workflows ist es, die Bildwirkung auch genauso aufs Papier zu bringen. Dafür sollte man möglichst präzise Profile für die Kombination Drucker-Tinte-Papier verwenden, die bei jedem Paramaterwechsel (andere Papiersorte, neuer Drucker, ggf. neuer Druckertreiber, Tinte von Fremdanbieter) neu ausgemessen werden müssen. Dafür ist zusätzliche Hardware in Form eines Farbmessgeräts für Drucker notwendig.
Stichwort ‘Workflow’: Sollte jeder Fotograf für sich seinen eigenen Workflow entwickeln und was sind ‘Kreativ-Presets’?
Künne: Es ist keine Frage der Kreativität seinen eigenen Workflow zu entwickeln, sondern eine der technischen Kompetenz. Wie ich mit meinen Daten zwischen Aufnahme und Ausgabe umgehe, hat mit den praktischen Anforderungen und dem Bildaufkommen zu tun.
Ein Katalogfotograf hat hier völlig andere Bedürfnisse als ein Gesellschaftsfotograf oder ein FineArt-Künstler. Es geht immer um die Mischung von Qualität, Originalität, Abstimmungsnotwendigkeiten und Ausgabeprozesse. Nehmen wir an ich mache am Tag hundert Bilder für einen Kunden. Die lade ich nach der Freigabe ins Web. Von denselben Daten fertige ich aber auch Proofs an, die ich, nachdem sie freigegeben wurden, endgültig separiere und in die Druckerei schicke. Alle Bilder sollen die gleichen Farben haben, in Print und Web. Da brauche ich viel mehr Workflow-Feinabstimmung und Automatiserung als wenn ich am Tag ein Bild mache, das nach allen Regeln der Kunst in Photoshop finetune und es dann in kleiner Auflage aus meinem Fotodrucker ausgebe, bevor ich es signiere.
“Kreativ-Presets” haben damit nur am Rande zu tun. Das sind Raw-Entwicklungseinstellungen, die das Ziel verfolgen wilde Farbinterpretationen zu liefern, Filmeffekte zu simulieren, Objektivdefizite nachzuempfinden oder fotografische Stile per Knopdruck verfügbar zu machen.
Leider wirken sie sich nicht auf jedes Bild in gleicher oder wenigstens berechenbarer Weise aus. Man braucht schon viel Erfahrung mit den einzelnen Presets, um damit produktiv arbeiten zu können. Ich selbst liebe diese Dinger und würde am liebsten den ganzen Tag damit herumspielen.
Finden Sie noch Zeit, um selber zu fotografieren?
Künne: Ja, eigentlich immer mehr, weil ich mir die Zeit aus Freude an der Sache freiräume.
Wird der Aufenthalt an der Ostsee nicht nur Arbeit, sondern auch ein bisschen Urlaub sein?
Künne: Ich kann den Arbeitsaspekt dabei leicht übersehen. Am Strand rumliegen liegt mir nicht. Ich freue mich vielmehr auf die Leute, die Gespräche, die Workshops und die Bilder, die ich hoffentlich am Ende von alldem mit nach Hause nehme.
Links
DOCMA
Fotofestival Horizonte Zingst 2009

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Ein wirklich toller Link zu einem Fotografierten Film bzw. Stop Motion. Nikon D80