Fotografie ist ein vollständig digital handhabbares Produkt
Im ersten Teil des Interviews mit Dr. Stefan Hartmann ging es unter anderem um die Frage, was die aktuellen Entwicklungen auf dem Bildermarkt für den einzelnen Fotografen bedeuten. Im zweiten Teil schauen wir kurz zurück, wie sich mit der Digitalisierung des Mediums Fotografie auch das Geschäft mit den Bildern vollständig änderte.
Es gibt einen kurzen Exkurs zum Urheberrecht, der bei Gelegenheit bestimmt noch vertieft werden muss, zumal es tatsächlich große Unterschiede beispielsweise zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland gibt – angesichts eines internationalen Bildermarktes ein spannendes Thema, wie ich finde.
Und dann: der Ausblick von Stefan Hartmann auf den Bildermarkt in zehn Jahren. Nur soviel vorweg: es wird ihn auch dann noch geben!
Ob auch dann noch die Preise der MFM ein Richtwert sein werden, um den Wert von Bildern zu bestimmen? Für das aktuelle Jahr verlosen wir hier bei bildwerk3 drei Exemplare der Bildhonorare 2009! (teilnehmen bis 31.03.2009)

So arbeitet heute kaum noch ein Bildredakteur.
Marko Radloff/bildwerk3: Bis zum Ende der neunziger Jahre wurden Bildanfragen bei Agenturen in erster Linie so beantwortet, dass man in der Agentur nach dem Ordner mit den passenden Bildern gegriffen hat und diese Bilder als Dias oder gar in Papierform (!) zur Auswahl an Kunden verschickt hat.
Stefan Hartmann: Und dann brauchte man drei kräftige Lehrlinge, die die Mappen abends zur Post geschleppt haben.
Wann war es damit endgültig vorbei? Wann wurden Bilder digital und nicht mehr physisch verschickt?
Der Wandel trat wohl kurz nach der Jahrtausendwende ein. Es ist also noch gar nicht lange her. Und es gab ja quasi eine jahrelange Übergangsphase: Die Bilder selbst waren zwar schon digital, aber sie wurden noch physisch vom Briefträger gebracht: Auf CD-ROM mit Begleitheft.
Erst jetzt begegnet uns langsam eine erste Generation von Bildredakteuren, für die Bilder wirklich etwas digitales sind, die den klassischen Leuchttisch und die Lupe als Arbeitsgeräte praktisch nicht mehr kennen. Redakteure, die von Anfang an gelernt haben, Bilder am Monitor zu beurteilen. Sowohl inhaltlich-ästhetisch als auch von der Datenqualität her.
Allerdings wirklich digitalisiert sind weite Bereiche, in denen man mit Bildern umgeht noch lange nicht! Es gibt immer noch sehr viele Verlage und Magazine, in denen ein durchgehender digitaler Workflow nicht vorhanden ist. Auch, weil man es bewusst nicht will!
Sie werden lachen: Dazu werden die digitalen Bilddaten in der Redaktion dann re-analogisiert, einfach auf Papier ausgedruckt. Und zu Fuß in die Konferenz mitgenommen. Dort kann man die Fotos von Hand zu Hand geben, bewertend auf einen Stapel werfen – und den gewünschten Bildschnitt mit Bleistift einzeichnen. Hinterher baut das dann jemand in Photoshop nach. Weiter geht es dann natürlich wieder digital.
Was war der Auslöser, dass man in den Agenturen angefangen hat, Bilder digital zu denken?
Tolle Formulierung! „Bilder digital zu denken“. Verrückt assoziativ!
Meine Antwort ist leider nicht so brillant. Sondern recht simpel: Man konnte es und die Amerikaner wollten es! Und die Amis haben die deutschen Kunden dann so weit versaut, dass die das nun auch unbedingt wollen und einfordern …
Mal ernsthaft: Das Bild ist – im Gegensatz zu Damenstrumpfhosen, Fischfilets oder Kalaschnikoffs – eines der wenigen Produkte, die man vollständig digitalisiert handhaben kann. Fotografie passt eben durch Drähte, ein durchgehend digitaler Workflow vom Moment der Aufnahme, über den Handel, bis zur letztendlichen Verwendung im Web oder auch der Druckerei ist möglich. Also wurde es gemacht …
Die Digitalisierung ist ja kein Phänomen der Bilderbranche, weite Bereiche unserer technischen Umwelt sind digitalisiert. Das ist uns doch selbstverständlich geworden. Unsere gesamte Distanz-Kommunikation beispielsweise. Und es liegt nahe, dass eine Branche mit einem solchermaßen prädestinierten Produkt nicht auf einer non-digitalen Insel verharren kann.
Die angesprochene Sache mit dem Urheberrecht: Was ist in Amerika erlaubt, was hierzulande nicht geht und welchen Vorteil bringt das für die großen Agenturen aus Übersee?
Oh, nein! Mein Vorschlag ist: Dieses Thema lassen wir besser auf kleiner Flamme! Die Unterschiede zwischen deutschem Urheberrecht und amerikanischem Copyright? Die Differenz ist Ausdruck unterschiedlicher Mentalitäten. Wir betonen – schon vom Namen her – eher das Recht des Urhebers auf sein Werk, sein unveräußerliches Recht, sogar über seinen Tod hinaus frei über sein Werk zu verfügen. Die Amerikaner legen ihr Augenmerk klar dominierend auf die Möglichkeit der Nutzung eines Werkes, auf das Recht es zu kopieren. In den USA gibt es praktisch kein an die Persönlichkeit des Autoren gebundenes Urheberrecht, keine moral rights.
Das macht es für Unternehmen, die nach amerikanischem Recht operieren, zumindest tendenziell viel leichter, über Bilder frei zu verfügen, ohne dass jeweils der Urheber noch gefragt werden müsste oder er in irgendeiner Form noch mitreden darf.
Zurück nach Deutschland: Glauben Sie an den Fortbestand der PICTA – die ja in diesem Jahr mangels Interesse ausfallen musste?
Ich hoffe es! Denn der größte – oder zweitgrößte? – Bildmarkt Europas braucht einfach ein Branchen-Forum. Aber es wird sehr schwer werden, den abgerissenen Faden im nächsten oder übernächsten Jahr wieder aufzunehmen. Kommt wohl auch darauf an, welches Konzept und welche neuen Ideen die Picta-Organisatoren da austüfteln.
Denn in irgendeiner Form sollte es schon eine Institution geben, die in einem bestimmten Turnus den persönlichen Kontakt zwischen Bildanbieter und Bildkäufer organisiert. Wo man ein Gesicht zur Telefonstimme bekommt, Kollegen trifft, Küsschen gibt oder erträgt, klatscht und tratscht. Das braucht es, so ist einfach unsere Conditio humana, so ticken wir Menschen.
Aber ob das wirklich eine klassische Messe mit aneinander gereihten Ständen sein muss? Jens Höppner, Chef von action press, meinte neulich, er hege mittlerweile grundsätzliche Bedenken, ob das Bild – jetzt mal als Handelsware gedacht – ein wirklich messetaugliches Produkt sei. Und er hatte eine Handvoll guter Gründe für seine Bedenken. Gründe, die wohl von vielen geteilt werden.
Aber es trifft ja nicht nur die Picta. Da müssen wir fair sein. Schauen wir doch über den Kanal, auch die Engländer haben mit ihrer Picture Buyers Fair in London zu kämpfen! Und das, wo sie es doch deutlich leichter haben. London ist nun mal der absolut unbestrittene Medienschwerpunkt auf den Inseln, auf den sich nahezu alles Wesentliche konzentriert. Das ewige deutsche Problem „in welcher Stadt, München oder Hamburg, machen wir es?“ gibt es dort nicht. Fast jeder kann mit der Straßenbahn zur Messe fahren, verschießt seine Manpower nicht auf Anreisetagen und seine Marketing-Dollars nicht mit Hotelkosten. Und trotzdem…
Vielleicht zur Ergänzung: Auch die letzte Messe in München, Michael Browns Picturehouse, ist bekanntlich ausgefallen.
Ihre Einschätzung für den Bildermarkt in zehn Jahren?
Es wird ihn noch geben!!! Aber fragen Sie mich bloß nicht, wie er im Detail aussehen wird!
Obgleich ich spontan an eine Kontinuität glaube. Ach was, da will ich mal tapfer sein und mit fester Stimme behaupten: Global gesehen nicht wesentlich anders sein als heute.
Auf einzelnen nationalen Märkten können sich natürlich krasse Verwerfungen ergeben. Im schlimmsten Falle bis hin zum Aussterben von nationalen Agenturszenen. Also Länder, die dann eben keine eigenen Bildagenturen mehr haben, sondern die nur noch als reine Absatzmärkte dienen. Das wäre zwar ein Alptraum, aber durchaus möglich. Noch ist eine solche Entwicklung keinesfalls zwingend, aber man sollte jetzt schon anfangen etwas dagegen zu tun, damit dieser Alptraum in zehn Jahren nicht den Sprung in die Wirklichkeit schafft.


Mit der Kamera sehen Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter
Ein Tag Deutschland:
Das Wesen der Fotografie: Ein Elementarbuch Stephen Shore erklärt, wie man Fotografien richtig beurteilt und versteht.
Erfolg als Fotograf: Wie man sein Können optimal präsentiert Autorin: Dr. Martina Mettner
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