11. März 2009 M.R. 0

BVPA – ein Bundesverband zwischen Vergangenheit und Aufbruch. Interview mit Bernd Weise

bildwerk3 - bildagenturen Der BVPA – der Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. ist der Interressenverband der mittelständischen Bildagenturen in Deutschland. Und von denen gibt es mehr als man vermuten sollte. Die Landschaft der Bildagenturen ist sehr vielfältig und zum Teil hoch spezialisiert. Das trägt dem Verlangen nach vielfältigem Bildmaterial, aber auch den unterschiedlichen Ambitionen der Fotografen Rechnung.

Seit einiger Zeit schon läuft ein harter Verdrängungswettbewerb auf dem Bildermarkt. Die kleinen und mittleren Agenturen laufen Gefahr von den großen geschluckt und marginalisiert zu werden. Von oben bestimmen Umsatzgiganten wie Getty oder Corbis das Feld und von unten drängen die Microstock-Agenturen mit Dumpingpreisen.

Ich habe mit Bernd Weise, dem Geschäftsführer des BVPA über diese Situation gesprochen und unter anderm erfahren, dass die Anfänge der gegenwärtigen Situation in den neunziger Jahren zu suchen sind, als durch die Möglichkeiten der digitalen Vervielfältigung von Fotografie, völlig neue Lizensmodelle möglich wurden.

Wohin segelt der BVPA? Derzeit weht der Wind von vorn.

Wohin segelt der BVPA? Derzeit weht Wind von vorn.

Marko Radloff/bildwerk3: Sie haben Fotografie an der Folkwangschule in Essen studiert. Etwa bei Professor Otto Steinert? Gibt es ein persönliches Erlebnis aus dieser Zeit, das Sie erzählen möchten?
Bernd Weise/BVPA: Ja, das ist richtig, vor meinem wissenschaftlichen Studium Publizistik, Geschichte und Politik hatte ich schon ein Fotografiestudium an der Folkwangschule absolviert, u.a. auch mehrere Semester Fotojournalismus bei Prof. Otto Steinert.

Seine strenge Eigenart war es, seine Bildbesprechungen bzw. Korrekturen wie Redaktionssitzungen ablaufen zu lassen; wer nicht pünktlich war oder keine Bilder dabei hatte, wurde von der Runde ausgeschlossen – eine gute Vorbereitung auf das Journalistenleben, wer zu spät kommt . . .

Wie viele Mitglieder zählt der Bundesverband heute? Wie viel Prozent des Gesamtumsatzes auf dem Bildermarkt in Deutschland wird durch mittelständische Agenturen bedient?
Der BVPA hat derzeit 88 Mitglieder. Nach der letzten Wirtschaftsumfrage, die wir gemeinsam mit unserem europäischen Dachverband, der CEPIC (Coordination of European Picture Agencies Press Stock Heritage), durchgeführt haben, lagen die Bruttoumsätze 2007 für Deutschland bei 46,6 Mio. Euro, in Europa 106,8 Mio. Euro. An der Umfrage hatten rund 180 Agenturen teilgenommen.

Für Deutschland bedeutet das, dass die 50 beteiligten Agenturen etwa 25% des Gesamtumsatzes im Bildermarkt, der auf ca. 200 Mio. Euro geschätzt wird, erwirtschafteten. Nach der KMU-Definition der Europäischen Union, die kleine u. mittelständische Unternehmen bis 9 bzw. bis 499 Mitarbeiter und einem Umsatz von bis 1 Mio. sowie bis 50 Mio. Euro Umsatz einteilt, sind alle Bildagenturen als klein bzw. mittelständisch im unteren Segment zu bezeichnen.

Sie sind seit 1989 Geschäftsführer des Bundesverbandes der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. und der aktuelle Wandel auf dem Bildermarkt ist nicht die erste große Veränderung, die Sie in Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer erleben. Was ist in den letzten 20 Jahren tatsächlich passiert?
Der größte Umbruch ist sicher, dass die Kommunikationsmittel und die Fotografie etwa um die Mitte der 90er Jahre digital wurden. Gescannte Fotos konnten per e-mail verschickt und in Datenbanken gesammelt werden, die dann mit der Kapazitätserweiterung des Internets online gingen.

Damit hatten sich die Ware Foto und die Distributionswege völlig verändert. Am meisten profitierte die journalistische Berichterstattung davon, es ging einfach schneller. Für die Bildagenturen bedeutete das hohe Investitionen in Technologie und Umstellung des Workflows.

Heute ist es selbstverständlich, dass der Bildbestand einer Agentur online durchsuchbar ist. Jeder Bildsuchende kann weltweit das Bildangebot vergleichen, sowohl was die Qualität als auch den Preis betrifft.

Ist es richtig, dass man bis in die neunziger Jahre hinein lediglich ein Lizenzmodell für Verwendung von Bildern kannte?
Seitdem Fotos zur Publikation zur Verfügung gestellt werden, war im Bildergeschäft Konsens, dass für jede einzelne Nutzung ein nach Medienverwendung und Umfang berechnetes Honorar verlangt und gezahlt wird; heute als „RM – Rights Managed“ bezeichnet, also die Vergabe von individuellen Nutzungsrechten.

Im Laufe der Jahre sind völlig neue Preis- und Nutzungsmodelle entstanden. Den Anfang machte vor ca. 15 Jahren „Royalty Free (RF)“, bei dem durch eine einmalige Honorarzahlung die Bilder nahezu unendlich genutzt werden dürfen. Inzwischen gibt es eine Palette von Angebotsmodellen wie „Rights Ready“, „Subscriptions“, „Midstock“, „Microstock“ sowie die Foto-Communities.

Damit ist eine Produktdiversifizierung eingetreten, die dem Bildnutzer eine Wahlmöglichkeit von jährlichen Pauschalbeträgen bis zum Einzelbildkauf für mehrere 1.000 Euro oder 1 Euro bietet.

Sie haben nach einiger Überlegung die Bildagenturmesse PICTA für 2009 abgesagt. Was war der Grund?
Es waren zu wenige Ausstelleranmeldungen, um eine solche Messe wirtschaftlich und für die Aussteller sowie Besucher zufrieden stellend durchzuführen.

Glauben Sie an einen Fortbestand dieser speziellen Form (PICTA) der Agenturschau? Und, gibt es Überlegungen für einen veränderten Rahmen?
Da es in Deutschland keinen anderen Platz gibt, bei dem sich Bildabnehmer und Bildanbieter persönlich begegnen, werden wir mit einem geänderten Konzept versuchen, dieser Bilderbranche weiterhin eine Kommunikationsplattform zu bieten.

Welche Strategien haben Sie als Bundesverband entwickelt, um einem drohenden Mitgliederschwund und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust entgegen zu wirken?
Eine Mitgliederbewegung gab es im BVPA schon immer, dennoch haben die Einkaufstouren von Corbis, Getty und anderen multinationalen Unternehmen, dem BVPA in den vergangenen Jahren große Bildagenturen „weggekauft“.

Aber es geht weiterhin darum, die Bedeutung der Bildagenturen in der Medienwirtschaft deutlich zu machen – für kleine, mittlere und große Bildagenturen. So wie jeder Wirtschaftsbereich seine Lobbyarbeit betreibt, um in den unterschiedlichen Interessenssphären Standpunkte einzunehmen, ist es auch für die Bildagenturen unumgänglich, auf dem politischen Parkett mitzuspielen.

Gibt es Überlegungen, anderen Medieninhalten oder Agenturformen – bewegte Bilder beispielsweise oder Microstock – den Zugang zum Bundesverband zu erleichtern und den Verband so auf eine breitere Basis zu stellen?
Satzungsgemäß wird heute schon keinem Mitglied oder potentiellen Interessenten vorgegeben, wie er sein Bildergeschäft betreibt oder seine Honorare gestaltet. Insoweit sind alle Angebotsformen denkbar.

Aus der Geschichte des Verbandes heraus lag der Fokus bisher auf dem Geschäft mit dem Foto, also dem stehenden Bild. Meines Erachtens spricht nichts dagegen auch Agenturen im BVPA zu haben, die mit „Footage“ handeln, also mit Videoclips. Ob nun ein Foto oder eine 10 Sekunden-Filmsequenz der Niagarafälle verkauft wird, macht keinen wirklichen Unterschied. Angesichts des multimedialen Internets, in dem heute Text, Bild, Ton, Musik und Film als Content benötigt wird, ist eine Einschränkung nicht vertretbar.

Bei Corbis geht man davon aus, dass der Microstock-Markt in einigen Jahren 25% des Gesamtmarktes ausmachen werde. Für wie realistisch halten Sie diese Einschätzung?
Es ist zu vermuten, dass in den Steigerungen des Microstock-Marktes auch neue Kundenkreise enthalten sind, die in dem klassischen „business to business“-Geschäft, d.h. zwischen Bildagenturen und Verlagen, Werbeagenturen usw. nicht vorhanden waren.

Andererseits haben sich aber auch klassische Bildabnehmer zur Kostenersparnis zur Verwendung von Microstock-Bildmaterial entschieden. Es ist somit nicht auszuschließen, dass Bilder für wenige Euro weitere Abnehmer finden – soweit jedenfalls die Bildqualität oder das Bildsujet für die Ansprüche der Kunden ausreicht oder überhaupt im Angebot ist.

Microstock-Agenturen sind eine Realität. Andererseits musste Corbis mit seinem Microstock-Ableger ‚SnapVillage’ erfahren, dass man auch mit Microstock nicht automatisch auf der Gewinnerstraße ist und auch iStockphoto hat die Preise in letzter Zeit moderat anheben müssen. Denken Sie, dass es zu einer weiteren Preisstabilisierung kommen wird?
Vielleicht steckt auch eine Strategie dahinter, dass die Microstock-Anbieter den Markt zunächst mit äußerst günstigen Preisen angefüttert haben. Warum sollen sie jetzt nicht versuchen, höhere Preise durchzusetzen.

Eine Preisdifferenz zwischen „Markenware“ und „Noname-Produkten“ ist in anderen Wirtschaftsbereichen nicht unüblich. Höhere Microstock-Preise würden dem klassischen Bildangebot vermutlich zugute kommen.

Gibt es unter den Mitgliedern des Verbandes eine einheitliche Vereinbarung – einen Kodex – der die Vergütung von Fotografen regelt?
Über Jahrzehnte galt das Honorarteilungsverhältnis 50:50 als durchgehend üblich. Dennoch gab es auch immer wieder Fotografen, die aufgrund ihres ausgezeichneten Bildmaterials hohe Verkaufszahlen hatten und damit auch ein für sie günstigeres Teilungsverhältnis verhandeln konnten. Eine Verschiebung von 60% für die Agentur und 40% für den Fotografen setzte in Deutschland aber schon Anfang der 90er Jahre ein.

Eine festgeschriebene Vereinbarung gibt es im BVPA nicht. Schließlich wird der Vertrag zwischen dem Fotografen und der Bildagentur geschlossen. Ähnlichkeiten ergeben sich lediglich aus tradierter Verkehrsübung.

In Deutschland gibt es die Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing, die einmal im Jahr unter dem Titel BILDHONORARE eine Übersicht der marktüblichen Vergütungen für Bildnutzungsrechte herausgibt. Halten Sie diese nationale Lösung angesichts einer fortschreitenden Internationalisierung des Bildmarktes für praktikabel? Wie haben sich die Bildhonorare in den letzten Jahren tatsächlich entwickelt?
Die BILDHONORARE zeigen auf, auf welchem Niveau sich nach den Erfahrungen der in der MFM beteiligten Bildhändler die Preise bewegen. Es ist also kein Forderungskatalog, sondern eine unverbindliche Übersicht zur Orientierung.

In den meisten Ländern ist es jedoch verboten, Preislisten herauszugeben, zumal dann wenn sie von Organisationen kommen, in denen mehrere Unternehmen sich absprechen könnten, oder die dortigen Verbände unterziehen sich nicht der Mühe, die eine solche Darstellung erfordert.

Kartellrechtlich sind Preisabsprachen weltweit geächtet. Nach dem deutschen Kartellrecht sind aber so genannte Marktinformationsverfahren zulässig, wie sie BILDHONORARE darstellen. Diese sind übrigens im Bereich der Vergütung von urheberrechtlichen Leistungen die einzigen Honorardarstellungen in Deutschland. Alle anderen bekannten Honorarsätze basieren auf verbindlichen Vereinbarungen bzw. Tarifverträgen.

Der Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. im Jahr 2020?
Der BVPA wird dann sein 50-Jähriges Jubiläum feiern und angesichts der Medienentwicklung werden die Themen, mit denen sich eine Interessenvertretung zu befassen hat, nicht ausgehen.

Und solange ein Kommunikationsbedarf besteht, werden die Personen, die den Verband ausmachen, auch eine solche Verbindung als Netzwerk beibehalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Links
Bildagenturen im BVPA
Verlosung BILDHONORARE 2009 (bis 31.03.)

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