Wenn Darstellung beliebig wird – über den Einsatz von Stockfotografie im werblichen Bereich der Online-Auftritte

bildwerk3 - Bildagenturen

bildwerk3 - bildagenturen Stock heißt: auf Vorrat produziert. Bilder, die via Bildagenturen Kunden finden, sind nicht im Auftrag entstanden, sondern mit der Annahme fotografiert, dass es einen Käufer für dieses oder jenes Motiv in Zukunft geben wird. Wie es Fotografen gibt, die in erster Linie ‚Stock‘ fotografieren, haben sich Bildagenturen auf die Verwaltung der Bilder und die Kanalisierung dieser Nachfrage spezialisiert.

Diplom-Designerin (Fotografie) Anja Bohnhof geht in ihrem Gastbeitrag der Frage nach, warum illustrative, nichtspezifische Fotografien immer stärkere Verwendung finden und welche Probleme für das Firmenimage daraus entstehen.

Dazu habe ich ein Beispiel herausgesucht, wie es aussieht, wenn immer dasselbe – nicht exklusiv verwendete – Motiv zur Bebilderung herangezogen wird und wie Kostendruck oder Gedankenlosigkeit zu Austausbarkeit führen:

Gastbeitrag von Anja Bohnhof

Im digitalen Zeitalter ist der Webauftritt eines Unternehmens nahezu obligatorisch geworden. Bezüglich des Aufmerksamkeitsfaktors hoch geschätzt, im Vergleich zum gedruckten Werbematerial kostengünstig und in kürzester Zeit aktualisierbar; ist die Website als Werbemittel und Sinne der Corporate Identity eines Unternehmens längst zur wichtigsten Darstellungsform avanciert.

Hübsch, jung, erfolgversprechend: eines der am häufigsten bei Microstockanbieter istock heruntergeladenen Motive zu den Suchbegriffen 'Business' und 'Office' - Quelle: istock.com

Hübsch, jung, erfolgversprechend: eines der am häufigsten bei Microstockanbieter istock heruntergeladenen Motive zu den Suchbegriffen 'Business' und 'Office' - Quelle: istock.com

Der Einsatz von Grafiken, vor allem aber von fotografischen Bildern, ist fast immer gegeben. Kaum eine Seite im Web, die ohne Bilder auszukommen glaubt. Und diverse Eye-Tracking-Studien belegen es – die Aufmerksamkeitsvergabe des Users erhöht sich merklich, wenn die Seiten im Netz bebildert sind. Und dies sogar erst einmal unabhängig von jeglichen inhaltlichen Bezügen zum Content. Diese Feststellung jedoch scheint vielen Machern und Websitebetreibern offenbar zu reichen. Wie sonst ist die extrem überproportionale Verwendung von illustrativ eingesetztem Stockfotomaterial zu erklären?

Das es so einfach ist, der Verwendung von Bildmaterial im Netz hinterherzuspüren, hätte ich selbst nicht vermutet. Erstes Beispiel: Deutsche Bahn

Indentitätsstiftung durch nichtspezifisches Bildmaterial. Erstes Beispiel: Deutsche Bahn

Warum werden Unternehmensseiten mit beispielhaftem Bildmaterial illustriert? Sind in Wahrheit alle Firmengebäude so marode, sind die eigenen Mitarbeiter so unansehnlich, dass auf Vorrat und vielfache Verwendung hin produzierte Bilder dem wahren Erscheinungsbild vorgezogen werden? Es entsteht der Eindruck, dass mit beliebigen Interieurdarstellungen ein besseres Selbstverständnis eines Unternehmens präsentiert werden kann, als mit einem dokumentarischer Blick ins eigene Haus. Der authentischen Präsentation wird eine beispielhafte Bebilderung vorgezogen. Der Preis dafür: Beliebigkeit und die Erkenntnis, dass das Bild der perfekt geschminkten Telefonistin noch etliche andere Websites schmückt, von der des Autoteileherstellers bis zum Zoobedarfsanbieter.

Zugegebener Maßen hat sich das Berufsbild eines Fotografen in den letzten zwei Jahrzehnten sehr gewandelt, aber es gibt sie noch, diese Menschen, die man beauftragen kann, damit sie professionelle fotografische Bilder schaffen, die unverwechselbar sind und individuell.

Natürlich hat dieser Anspruch seinen Preis. Und der wird in der Regel den Preis einer  Verwendung von oft ebenfalls sehr professionell produziertem, dennoch weit beliebigerem Stockfotomaterial mit geringen Nutzungseinschränkungen deutlich übertreffen.

Zweites Beispiel: Uni Credit Group

Zweites Beispiel: Uni Credit Group

Aber eine werblich begründete Website eines Unternehmens ist ja auch in der Regel kein Magazin, in dem täglich neue Informationen und Geschichten bebildert werden müssen und Anspruch und Kosten sicher eine andere Abhängigkeit zueinander erfahren. Für die Bebilderung in diesen Kontexten bietet sich das Stockfotomaterial der Bildagenturen auf ganz andere Weise an.

Im werblichen Bereich der Identitätsschaffung und -wahrung ist es jedoch schlicht nicht leistbar, Alleinstellungsmerkmale mit Mitteln der Beliebigkeit zu erreichen. Und dazu gehören, neben der unbegründeten Verwendung von industriell vorproduziertem Bildmaterial, auch die, einer Website zugrunde liegende Bildkonzeption – falls diese überhaupt vorhanden ist, und aufgrund von Zeit- und Budgetmangel nicht einfach munter drauf los bebildert wird, wie es gerade zu passen scheint.

Sicher, es gibt sie auch, die spannenden, intelligenten und gut umgesetzten Bildkonzepte, aber in der Überzahl sind diese leider nicht – da waren dann wohl entweder echte Enthusiasten am Werk, oder aber Macher, die sich auskennen, sich für ihre Arbeit adäquat bezahlen lassen und den Bildern den Raum und die Aufmerksamkeit geben, die sie brauchen, damit sie ihre Kraft und Aussagepotentiale entfalten können und mehr sind, als bestenfalls dekorative Layoutelemente.

Das es so einfach ist, der Verwendung von Bildmaterial im Netz hinterherzuspüren, hätte ich selbst nicht vermutet. drittes Beispiel: Socanin

Das es so einfach ist, der Verwendung von Bildmaterial im Netz hinterherzuspüren, hätte ich selbst nicht vermutet. drittes Beispiel: Socanin

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