Im selbst definierten Anspruch. Die Fotografin Anja Bohnhof
Die Bilder von Anja Bohnhof sind mir aufgefallen, wegen ihrer stillen Intensität und ihrer meisterlichen Präzision. Tatsächlich hat Anja Bohnhof (Jahrgang 1974) eine Ausbildung als Fotografin gemacht – im Bereich Industrieaufnahmen und Interieur. Später hat sie an der Bauhaus-Universität in Weimar ‘Visuelle Kommunikation’ bei Prof. Hermann Stamm studiert. Bohnhof hat mit ihren Fotografien zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen und eine stattliche Anzahl Ausstellungen realisiert – nachzulesen auf ihrer Homepage.
Heute ist Anja Bohnhof unter anderem ‘Lehrbeauftragte für Fotografie’ an der Fachhochschule Köln im Studiengang Online-Redakteur. Ich habe Anja Bohnhof zu ihrem Umgang mit Studenten, zu ihren fotografischen Intentionen, kurz nach Vergangenem und Zukünftigem befragt und ausführliche und interessante Antworten bekommen.

aus: 'DDR – museale Ansichten' © Anja Bohnhof
bildwerk3/Marko Radloff: Auf Ihrer Internetseite www.bohnhofphoto.de ist kein Foto zu sehen.
War bisher keine Gelegenheit für eine geeignete Auswahl oder steckt etwas anderes dahinter?
Das ist nicht gut gelöst und schreit nach Verbesserung, zugegeben. Ich denke, ich werde in naher Zukunft einen Blog favorisieren, diese Form des Internetauftrittes scheint mir für meine Intention, vor allem über aktuelle Ausstellungstermine und andere Neuigkeiten zu informieren, am geeigneten zu sein.
Anja Bohnhof: Meine fotografischen Projekte für jedermann öffentlich im Internet zugänglich zu machen, ist hingegen nicht meine Absicht. Mit einer Veröffentlichung im Internet geht auch der Verzicht auf jegliche Kontrolle einher. Das ist mir irgendwie unbehaglich. Ich glaube auch, dass der PR-Nutzen in aller Regel überschätzt wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass berufliche Anfragen von Interesse meist andere Wege genommen haben als über die eigene Seite im Internet.

aus: 'DDR – museale Ansichten' © Anja Bohnhof
Sie haben als Fotografin zahlreiche Preise gewonnen und Stipendien
erhalten. Welches war ihre bisher wichtigste Auszeichnung?
Das fällt mir schwer zu beantworten. Besonders gefreut aber hat mich einmal ein Stipendium der Kulturstiftung der Sparkasse Unna im Bereich der Bildenden Kunst mit dem Thema „Kunst und Gedächtnis“.
Der Grund für meine Freude war eine Jury, die sich u.a. aus Peter Friese, Kurator im Neuen Weserburg Museum Bremen und dem Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer zusammengesetzt hat und sie haben mit ihrer Entscheidung genau das an meinen Arbeiten gewürdigt, was mir selber am wichtigsten war.

aus: 'DDR – museale Ansichten' © Anja Bohnhof
Welchen Preis möchten Sie als Fotografin gern einmal gewinnen und wo
möchten Sie gern einmal ausstellen?
Mir haben die Räume im Museum of European Photography in Paris sehr gut gefallen. Ja, die könnten mich eigentlich mal anrufen…
Und welcher Preis?
Das ist mir eigentlich egal, aber es wäre schön, wenn hinter so einem Preis mal ausreichend Geld stehen würde, so dass es auch tatsächlich möglich wird, ein Projekt in seiner Gesamtheit durchzuziehen; von der Umsetzung bis zur fertigen Präsentation.
Preisgelder von 3.000 oder 5.000 Euro reichen da leider bei weitem nicht aus. Ich verstehe gar nicht, warum sich das in all den Jahren noch nicht bis zu den Auslobern herumgesprochen hat …
Ihre fotografischen Projekte beziehen sich thematisch oft auf die deutsche Geschichte. Die Arbeit „DDR-museale Ansichten“ zeigt Interieurs aus DDR-Zeiten. Haben Sie sich diese Räume selbst gebaut oder sind das Fundstücke im richtigen Leben?
Weder noch, es handelt sich hierbei vielmehr um bereits vorhandene Inszenierungen in eigens dafür geschaffenen „DDR-Museen“. Dort sind all die Gebrauchsgegenstände aus dem alltäglichen Leben der DDR zu finden, die unmittelbar nach der Wende in vielen ostdeutschen Haushalten auf den Sperrmüll wanderten, verbunden mit dem Wunsch nach einem anderen und besseren Leben.
Tatsächliches Leben hat in diesen Interieurs nicht stattgefunden – meine Fotografien zeigen konstruierte Räume, in denen ein Bild von Vergangenem geschaffen wird, das ohne überprüfbare Referenzen in der Gegenwart scheinbare Objektivität vermittelt.

aus: 'Innere Angelegenheit' © Anja Bohnhof
Kunst, Reportage oder Werbung? Wo würden Sie sich als Fotografin selbst
einordnen?
Ich würde meiner Einordnung gerne eine Definition der drei Bereiche voranstellen, die es ermöglicht, diese voneinander abzugrenzen, da sich in der praktischen Anwendung oft Überschneidungen ergeben.
Sehr präzise hat meines Erachtens der Kunstkritiker Hanno Rautenberg zwischen Werbung und Kunst differenziert, indem er feststellt, dass die Kunst frei von jeglichem Erfüllungsanspruch sei, die Werbung hingegen bezüglich ihrer implementierten Fragestellungen zwangsläufig lösungsverpflichtet. Der Fotojournalismus, dem ich die Reportage zuordne, unterliegt ebenfalls einem Anspruch. Die Inhalte müssen sich an prüfbaren Gegebenheiten und faktischen Tatsachen orientieren.
Meine Arbeiten unterliegen einem „lediglich“ selbst definierten Anspruch, ich gehe häufig sehr konzeptionell vor, und genau im Gegensatz zur Werbung beabsichtige ich in der Regel nicht, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Meine Arbeiten würde ich selber im Bereich der zeitgenössischen Fotografie, die in weiten Bereichen der Bildenden Kunst zugeordnet werden kann, einordnen.

aus: 'Innere Angelegenheit' © Anja Bohnhof
Woran arbeiten Sie gerade?
Zusammen mit Karen Weinert, mit der ich seit Studienzeiten regelmäßig zusammenarbeite, häufig, um aufwendige Projekte in gemeinsamer Kraft zu realisieren, arbeite ich seit 2004 an dem Langzeitprojekt „Abwesenheitsnotizen“, das laufend fortgesetzt wird.
Das Projekt zeigt Ansichten von Arbeitszimmern in Museen von heute allgemein anerkannten Persönlichkeiten wie beispielsweise Robert Schumann, Martin Luther oder Annette von Droste-Hülshoff, aus denen wir für die Aufnahme das Mobiliar und alle beweglichen Gegenstände entfernen – im Ergebnis eine Konfrontation mit unserer eigenen Erwartungshaltung und gesellschaftlichen Ansprüchen.
Darüber hinaus habe ich im letzten Jahr die Arbeit „Innere Angelegenheit“ umgesetzt, die sich thematisch mit Hafträumen in ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalten im Hinblick auf Disziplinargesellschaften befasst. Diese Arbeit würde ich gerne abschließen und „an die Wand“ bringen.
Erinnern Sie sich noch an Ihr ersten Fotos?
Fotos von meinem Kaninchen, meinen Großeltern, dem Reiterhof … Ich hatte eine Kodak Instamatic und habe das fotografiert, was mir in meiner Welt wichtig erschien. Eine schöne Frage übrigens.
Voller Freude habe ich mir die Arbeit „Kommt ein Vogel geflogen …“ von Christoph Burtscher angeschaut. Fotos, die Burtscher als Kind ohne Anspruch an Professionalität von seiner Familie aufgenommen hat. Das wäre meiner Meinung nach auch ein spannendes Ausstellungsthema – die in der Kindheit und Jugend entstandenen Fotografien von heute bekannten Fotografen zu zeigen.

aus: Abwesenheitsnotizen (Annette von Droste-Hülshoff) © Anja Bohnhof & Karen Weinert
Sie haben eine Ausbildung als Fotografin Anfang der neunziger Jahre
gemacht – im Bereich Produkt- und Interieurfotografie. Wie war das so,
als man solche Aufnahmen noch auf Dia gemacht hat?
Kein Spaß, wenn bei den Aufnahmen etwas schief gelaufen ist. Da war ja meist nicht mehr viel zu retten und alles musste neu gemacht werden. Wenn das überhaupt möglich war.
Auch ansonsten ist die damalige Arbeitsweise in der Bildschaffung und –umsetzung sicher wenig vergleichbar mit heutigen Arbeitsabläufen. Ich habe das analoge Zeitalter der Fotografie sehr gemocht und freue mich, dass mir die Fotografie mitsamt ihren chemischen Prozessen, Filmen und Polaroids begegnet ist.
Welches sind Ihrer Ansicht nach die Nachteile der Digitalisierung
aller fotografischen Bereiche?
Es zwingt die Berufsfotografen in vielen Bereichen in einen neuen Behauptungskampf. Nur ein Beispiel: Gigantische Mengen von oft preiswertem Bildmaterial, welches über die Angebote großer Nachrichten- und Microstockagenturen im Internet verfügbar sind, macht die Fotografen aus der ganzen Welt zu Konkurrenten untereinander.
Dazu kommen die Amateure, die heute über einfach bedienbare Technik in der Lage sind, ebenfalls ihr Angebot mit in den kommerziellen Bildermarkt einfließen zu lassen. Da bleibt vieles unbezahlt, was der Profi an rechtlichen, gestalterischen und technischen Kenntnissen mit in seine Arbeit einbringt.
Einen weiteren Nachteil, bzw. eher eine Gefahr, der bisher nicht ausreichend entgegengewirkt wird, sehe ich ebenfalls in dem unglaublich großen Bildaufkommen, dass über die dementsprechende digitale Technik und die Verbreitungsmöglichkeiten im WWW über uns alle, die gesamte Gesellschaft einströmt.
Selektionsprozesse, die über nachvollziehbare hierarchische Strukturen in anderen Medien immanent sind, fehlen im World Wide Web. Wie gehen wir mit der Bilderflut um, die da tagtäglich über uns hereinbricht, mit dem Potential, das uns zu Produzenten und Rezipienten gleichermaßen macht?
Wir haben die Technik und sind mit den Ergebnissen konfrontiert. Aber haben wir auch die Kompetenz, dem adäquat zu begegnen?

aus: Abwesenheitsnotizen (Martin Luther) © Anja Bohnhof & Karen Weinert
Mit welcher technischen Ausrüstung fühlen Sie sich beim Fotografieren
am wohlsten?
Ich fotografiere am liebsten mit der Sinar. Analog, Großformat. Die Kamera zwingt mich zur Konzentration und Aufmerksamkeit, sie verzeiht nicht gut, wenn man nicht bei der Sache ist.
Sie sind auch ‘Lehrbeauftragte für Fotografie’ an der Fachhochschule
Köln im Studiengang Online-Redakteur. Wie funktioniert der Unterricht
mit Ihnen? Über welche Schwerpunkte arbeiten Sie mit Ihren Schülern?
Es ist mir wichtig, den Studierenden einen Einblick zu geben in das, was Fotografie alles sein und bedeuten kann, jenseits von fotolia oder istockphoto.
Vieles von dem, was ich in meiner Lehre zu vermitteln versuche, ist fern ab von dem Alltagsgeschäft eines Online-Redakteurs, der unter Zeitdruck kostengünstig bebildern muss. Dies bezüglich besprechen wir im Wesentlichen unterschiedliche Bebilderungsformen und wann welche Vorgehensweise sinnvoll erscheint.
Aber ich wünsche jedem die Chance, sich eine Position erarbeiten zu können, die über lediglich ausführende Tätigkeiten hinausgeht. Um etwas definieren zu können, muss man jedoch zunächst die Möglichkeiten kennen und beurteilen können. Darum bemühe ich mich im Bereich der Fotografie. Das bezieht die Vermittlung von gestalterischen und einfachen technischen Grundkenntnissen ebenso mit ein wie bildrechtliche Fragestellungen.
Vor allem aber stelle ich den Studierenden fotografische Positionen aus der zeitgenössischen Kunst vor und versuche, gemeinsam mit ihnen die verschiedenen konzeptionellen Vorgehensweisen zu analysieren. In diesem Bereich entfaltet die Fotografie meiner Meinung nach ihr größtes Potential, denn hier lebt sie vor allem von guten Ideen, tragfähigen Konzepten und konsequenten Umsetzungen.
Und das sind Qualitäten, die sich ebenso auf angewandte Bereiche übertragen lassen. Diese Inhalte werden durch einen praktischen Teil ergänzt, innerhalb dessen die Studierenden eine eigene konzeptionelle fotografische Serie umsetzen.
Was bringt 2009 für Anja Bohnhof?
Einige spannende Ausstellungsprojekte stehen bereits fest, darüber hinaus hoffentlich viel Raum für Eigensinn – und was auch immer in meiner Arbeit entstehen wird, wünsche ich mir, dass es sich über eine innere Zufriedenheit begründen lässt.


Mit der Kamera sehen Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter
Ein Tag Deutschland:
Das Wesen der Fotografie: Ein Elementarbuch Stephen Shore erklärt, wie man Fotografien richtig beurteilt und versteht.
Erfolg als Fotograf: Wie man sein Können optimal präsentiert Autorin: Dr. Martina Mettner
Sehr interessantes Interview. Ich finde es inhaltlich sehr spannend. Gut gestellte Fragen.