Ich will berühren und neugierig machen – die Fotografin Josephin Müller
Josephin Müller lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Ihre Fotografien sind mir durch das strenge Bemühen eine besondere Sichtweise zu suchen und auch zu finden und durch das Bemühen eine eigene Formsprache zu entwickeln sofort aufgefallen. Die Bilder wirken auf besondere Weise nach und, dass sollen sie auch …
Ich habe mit Müller über das Leben als Fotografin in Berlin, über das Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie, über ihre künstlerischen Prämissen und auch über das Erwachsenwerden als Fotografin gesprochen. Viel mehr – äußerst sehenswerte und berührende – Bilder von Josephin Müller auf ihrer Homepage finden …

© Josephin Müller. OUTLAND
bildwerk3/Marko Radloff: Sie haben an der Ostkreuzschule für Fotografie bei Prof. Ute Mahler studiert. Was haben Sie aus dem Studium mitgenommen? Was hätten Sie sich anders gewünscht? Was hätten Sie selber gern anders gemacht?
Josephin Müller: Für mich war der Austausch unter den Studenten mit ihren unterschiedlichen Bildsprachen am spannendsten. Jeder konnte dabei die konkrete Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Arbeiten lernen und schnell verstehen, wie ernst Fotografie tatsächlich sein kann, wie hilfreich aber auch Kritik ist.
Der große Vorteil an der Schule war, daß alle Dozenten auch im Berufsleben standen. Wenn wir zum Beispiel mit Prof. Ute Mahler Auftragsarbeiten besprachen, konnten wir uns ganz gut vorstellen, wie’s hier „draussen“ läuft.
Während des Studiums wäre ich gerne manchmal gelassener und nicht so streng mit mir und meiner Arbeitsweise umgegangen. Aber jeder Künstler ist wohl sein eigener, größter Kritiker! Jetzt will ich mehr in Richtung eines freieren, spielerischen Umgangs mit der Fotografie gehen, viel mehr experimentieren.
Was nutzen den Leuten Bilder, die sie schon zig-mal gesehen haben? Ich will die Menschen berühren, neugierig machen, auch wachrütteln.
Kunst muss ein lebendiger, ständig neuer Diskurs sein, sonst wirkt sie nur schablonenhaft
Wie wichtig war Ihre Assistenzzeit? Was haben Sie gelernt und vor allem, was haben Sie als Assistentin nicht gelernt?
Meine Assistenzen waren für mich eine große Bereicherung. Sie zeigten mir, wie ein Job von Anfang bis Ende zu laufen hat, wie wenig Glamour eigentlich dahinter steckt.
Selbst wenn der Fotograf für die Marie Claire fotografierte, wurde es nie zu einem abgehobenen Shooting sondern hatte immer etwas sehr Bodenständiges. Das beruhigte mich und ich dachte, wenn das so ist, dann willst und kannst du das auch.

© Josephin Müller. OUTLAND
Wie ist Josephin Müller zur Fotografie gekommen? Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Foto?
Als ich 14 war, hat mich eine Freundin zu einem Fotokurs mitgenommen. Seitdem hat mich die Fotografie nicht mehr losgelassen.
Ich organisierte mein erstes Fotoshooting: eine Freundin nackt auf den Prenzelberger Dächern. Das hat Spass gemacht und seit dem wollte ich immer mehr.
Sie leben und arbeiten in Berlin. Wie ist Berlin so für Fotografen?
Schwierig! Es gibt einfach sehr viel von allem in Berlin und die Möglichkeiten für Fotografen so richtig auf sich aufmerksam zu machen, sind eher selten. Man muss sich ja regelrecht fragen, was all die anderen Fotografen in dieser Situation tun, um dann viel höher und weiter zu springen als der Rest. Das ist schon manchmal verdammt anstrengend.
Kunst ist heutig beliebiger und austauschbarer geworden, wodurch es viel schwerer ist, als Künstler wahrgenommen zu werden. Andererseits laufe ich oft durch Berlin und wünsche mir, mal wieder in eine Ausstellung zu gehen, wo ich was wirklich Neues entdecken kann. Ich meine jetzt nicht die gängigen Klassiker sondern die Neuen von heute! Aber dazu braucht es wohl mehr mutige Künstler und noch mehr mutige Galeristen!
Sie werden im nächsten Jahr Dreißig. Würden Sie sich als Nachwuchsfotografin bezeichnen?
Stellen Sie mir die Frage im nächsten Jahr doch noch einmal. Mach ich gern!
Wann beginnt der Ernst des Lebens – für eine Fotografin?
Wenn du merkst, daß du mit deinen Bildern nicht deine Miete bezahlen kannst, geschweige denn das Material für die nächsten Arbeiten. Es ist eben ein ewiger Balanceakt zwischen Vision und Realität, that’s life.
Für Ihre Serie ‚Mikado’ haben Sie über vier Monate einen Jugendclub in Frankfurt/Oder besucht. Herausgekommen ist keine Sozialreportage im klassischen Sinne, sondern zu sehen sind sehr persönliche, sehr dichte Porträts, die Individuen herausstellen. Was erfahren wir aus dieser Serie über den Jugendclub in Frankfurt/Oder?
Daß es, ich sag’s mal provokativ: selbst in Frankfurt/Oder eine Jugend gibt, die noch Ziele und Träume hat. Das Spannende daran ist, diese Jugendlichen aus der Schublade rauszuholen, sie als einzelne Individuen zu entdecken bzw. wahrzunehmen.

© Josephin Müller. MIKADO
Was ist Ihr aktuelles Projekt?
Das ist eine Arbeit über blinde Menschen. Sie steht erst am Anfang. Bei dieser Arbeit geht es mir ähnlich wie bei den Jugendlichen: ich möchte Blinde nicht als eine Randgruppe unserer Gesellschaft vorstellen, sondern als Menschen mit ihrer eigenen Persönlichkeit.
Gibt es Ihrer Ansicht nach allgemeine Regeln zur Bewertung von Bildern?
Selbstverständlich gehören einige Faktoren dazu, die ein gutes Bild ausmachen. Der Bildaufbau, der Spannung rein bringt, Licht, Schatten, Farben und Emotionen sind schon alles Faktoren, die ich zusammen bringen muß. Aber wenn ich nur das beachte, wird’s am Ende ein konstruiertes Bild. Kunst wird es erst, wenn ich meine Sicht auf die Dinge, meine Vorstellungen mit einbringe.
Schon oft haben mir Leute gesagt, daß sie ein Bild nicht beurteilen können, weil sie keine Ahnung von Fotografie hätten. Ich sage dann immer, daß das egal ist, weil sie ja auch nicht extra einen Kurs belegen, um sich ein besonderes Parfum zu kaufen. Wenn sie entscheiden, was zu ihnen passt und was nicht, geht es dabei auch nicht nur um Äußerlichkeiten.
Kunst haftet immer noch so was Elitäres an, liegt das nun an den Kunstmachern oder an denen, für die sie eigentlich „gemacht“ werden sollte?
Kunst ist doch was Spezielles, aber doch auch was Alltägliches, und sich erst erschließt, wenn man sich damit auseinander setzt.
Ein besonders gutes Bild entsteht eher zufällig oder muss sorgfältig geplant sein?
Zufall, Planung – das Glück, wenn alles klappt, es lässt sich einfach nicht in irgendwas hineinpressen. Aber trotzdem bemühe ich mich vorher um einen Rahmen, eine Richtung. Dann fotografiere ich los und versuche im Hier und Jetzt zu bleiben. Wenn ich spüre, daß alles fließt, weiß ich, daß es gute Bilder werden.
Wichtig ist, daß ich auf mein Bauchgefühl achte, zuviel Kopfarbeit ist hier kontraproduktiv. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, daß die Bilder um so besser werden, je mehr ich mich auf die Menschen und die jeweilige Situation einlassen kann.
Kunst, Reportage oder Werbung? Wo würden Sie sich als Fotografin selbst einordnen?
Wenn, dann bei der Kunst – obwohl ich finde, ein gutes Modefoto kann ebenso Kunst sein, wie Kunst auch Werbung. Die Grenzen sind dabei fließend.
Für wen möchten Sie gern einmal fotografieren? Wo möchten Sie gern einmal ausstellen?
Für Harpers Bazaar zum Beispiel. Viele Leute, die ich als Fotografen sehr schätze, haben für dieses Magazin schon gearbeitet.
Wohin ich will mit meinen Bildern? Da habe ich mir keine Grenzen gesetzt. So weit wie möglich.
Hat Josephin Müller als Fotografin Vorbilder?
Ja, z.B. Francesca Woodman, Jeanloup Sieff, Nan Goldin, Diane Arbus, Helmut Newton u.a. Jeder von ihnen hat Grenzen durchbrochen und mich dadurch ermutigt, es auch zu tun.
Mit welcher Ausrüstung fühlen Sie sich am wohlsten?
Mit meiner Nikon FE2. Aber wissen Sie, eigentlich hat jede Kamera mit der ich bis jetzt gearbeitet habe ihren eigenen, besonderen Charme.
Bleiben Sie Fotografin?
Klar, das ist doch meine Passion!

© Josephin Müller. 2008

© Josephin Müller. 2008







…ein ehrliches sehr zugängliches Gespräch, das einen ermutigenden krafvollen Eindruck hinterlässt. Das sind die Worte, die man von einem Künstler, der Mensch mit Leib und Seele ist, hören möchte. Danke an die Autorin. Ihre Bilder sind ein Fluss des Gefühls und der Fantasie, eindringlich.
Wirklich gut in Szene gesetzt die Fotos! Wirkt auf mich sehr professionell.
@Antoinette: hätte ich nicht besser sagen können! Das Gespräch mit Josephin Müller gehört schon jetzt zu meinen Lieblings-Fotografinnen-Interviews …
Aus ihren Bildern spricht etwas in Deutschland so Seltenes, daß es kein Wort dafür gibt. Jacques Prévert nannte es la tendresse pour les déshérités. Eine ganz eigene Bildsprache.
Ich verfolge den Weg von Josephin Müller schon mehrere Jahre und ich finde, dass sie Bilder mit viel Tiefgang und einer eigenen, sehr persönlichen Note “kreiert”. Und dass sie sich dabei in den Jahren deutlich weiterentwickelt hat.
Sie sollte sich nicht entmutigen lassen von den vielen Schwierigkeiten und Hindernissen des Alltages.
Ich wünsch Dir viel Glück, Inspiration für viele neue und interessante Bilder und Kraft für einen nicht leichten aber lohnenden Weg.
Ein lieber Gruß!
Bob
Ich bin beeindruckt von dem Gesagten und natürlich den Fotos, auch wenn ich selbst als Malerin eher mit Pinsel und Ölfarben meine Gedanken ausdrücke.