15. Dezember 2008 9

Man erkennt sehr schnell, ob ein Fotograf eine Handschrift hat

Von Marko Radloff

Dieter Degler ist CEO bei seen.by und seen.by ist eine der ganz wichtigen Online-Präsentations-Plattformen für alle Kreativen. Nicht nur, aber in erster Linie Fotografen. Ich habe mit Dieter Degler über die Auswahl von Fotografen, über die Partnerschaft mit SPIEGEL ONLINE und auch über die neuen Möglichkeiten bei seen.by seine eigenen Bilder zu  präsentieren, zu drucken und zu verkaufen gesprochen und unter anderem erfahren, wie international seen.by tatsächlich ist.

© Lena Beleke. #0 – Edition. 100 Exemplare

© Lena Beleke. #0 – Edition. 100 Exemplare

bildwerk3/Marko Radloff: Wie viele Fotografen, Designer oder Illustratoren melden sich täglich neu an? Wie viele davon werden von der seen.by-Redaktion für eine Präsentation zugelassen?
seen.by/Dieter Degler: Zur Zeit melden sich im Schnitt rund 40 Leute pro Tag an, im Monat sind es etwas mehr als 1000. Die Plattform ist und bleibt unverändert offen für alle, aber nur einer von zehn Neuzugängen wird von der Redaktion für den öffentlich sichtbaren Bereich zugelassen.

Gibt es Kriterien die für und Kriterien die gegen eine Aufnahme bei seen.by sprechen?
Entscheidend ist zunächst der Gesamteindruck eines Portfolios bzw. der Bilder. Man erkennt sehr schnell, ob der Fotograf oder Grafiker eine eigene Handschrift hat und eine konzeptionelle Fähigkeit. Handwerk spielt eine Rolle, aber ebenso die künstlerische Intention, die Fähigkeit, eine Idee umzusetzen, mit dem Motiv Interesse oder Emotionen zu wecken. Da wir Werke aus vielen Bereichen haben – Reportage, Mode, Architektur, um nur einige zu nennen –, sind die Kriterien entsprechend differenziert. Also: Ein schöner Sonnenuntergang allein oder Gisela im Gegenlicht reicht nicht.

© Peter Franck. Suite 106 – Edition. 100 Exemplare

© Peter Franck. Suite 106 – Edition. 100 Exemplare

Hat seen.by schon einmal von sich aus Fotografen und Kreative eingeladen, ihre Werke auf der Plattform zu präsentieren?
Das kommt vor, wenn sich die Redaktion in einen Fotografen verguckt, ist aber die Ausnahme.

seen.by wird von SPIEGEL ONLINE ‚supported’. Was heißt das in der Praxis?
Wir produzieren redaktionelle Beiträge zu den Themen Fotografie, Grafik und Ästhetik für Spiegel online, dafür haben wir einen festen Platz auf der besten und reichweitenstärksten europäischen News-Website, für den wir sehr dankbar sind.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten an dem Projekt? Gibt es aktuelle Stellenausschreibungen?
Wir sind derzeit zu sechst und wollen nur langsam wachsen. Aber Platz für clevere Hospitanten, am liebsten angehende Journalisten, haben wir immer.

Gibt es Überlegungen externe Werbepartner für das Projekt zu gewinnen?
Das handhaben wir sehr zurückhaltend. Wir haben eine gewachsene Partnerschaft mit Hasselblad. Ansonsten werden unsere Werbeflächen vom Quality-Channel der Spiegel-Gruppe vermarktet, mit den Ergebnissen sind wir sehr zufrieden.

Aus DESIGNKLICKS wurde seen.by und bei seen.by kann man heute Abzüge, Prints ausgewählter Fotografen beziehungsweise Autoren kaufen oder seine eigenen Bilder finishen. Leidet unter dieser Entwicklung nicht das Profil des Projekts, das als kreative Präsentationsplattform gestartet ist?
Im Gegenteil, das Profil ist durch Professionalisierung geschärft worden, und das findet auch Anerkennung. Obwohl die Auswahl strenger geworden ist, sind wir zwischen Mai und heute von 5.000 auf mehr als 17.000 aktive Mitglieder gewachsen, die Reichweite stieg von einer Million auf 7,5 Millionen Seitenabrufe pro Monat.

Wenn Sie heute die auf seen.by publizierten Gespräche lesen, finden Sie spannende Einschätzungen von unbekannten jungen Wilden ebenso wie von Bigshots – von Arno Fischer über Bettina Rheims bis zu Wim Wenders. Wir haben uns von einer nicht sehr klar konturierten Web-2.0-Plattform zu einem Ort für professionelle und semiprofessionelle Fotografen und Grafiker entwickelt, in der das Kreative weiterhin seine Bedeutung hat.

Das sehen Sie übrigens auch daran, dass immer mehr Kuratoren, Zeitschriften und Werbeagenturen über seen.by Kontakt zu unseren Mitgliedern suchen.

Mit wie viel Prozent sind Fotografen an den Einnahmen aus Druckaufträgen beteiligt? Was sagen die Regelungen zur Vergütung darüber hinaus?
Ich will ihnen jetzt nicht unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen vorlesen, dann würden wir beide einschlafen. Aber unsere Basisregelung ist ebenso transparent wie simpel: Wir ziehen die Produktions- und Marketingkosten pro Bild vom Kaufpreis ab und teilen den Rest mit dem Fotografen 50:50.

Unter anderem an dem Zulauf, den wir haben, können wir sehen, dass dieses Modell offenbar als fair empfunden wird, zumal ein Fotograf außer Bilder hochzuladen nichts dafür tun und kein Geld ausgeben muss.

Die Abzüge für Bestellungen aus den seen.by-Editionen oder Eigenbestellungen der Fotografen werden bei Sander geprintet. Wie ist diese Partnerschaft zustande gekommen und wie zufriedenstellend funktionieren der Workflow und das Ergebnis?
Wir haben ein knappes halbes Jahr den europäischen Markt für fine art printing ausrecherchiert. Auf unserer shortlist waren am Ende drei Top-Anbieter, von denen Sander die beiden anderen nach Qualität, Knowhow und am Ende auch nach den Konditionen für unsere Fotografen klar hinter sich gelassen hat.

Sander kann beispielsweise geplexte Digigraphien in einer Güte herstellen, vor der das Auge niederkniet, gucken Sie sich das mal in einem unserer Showrooms an. Wir sind mit der Kooperation außerordentlich zufrieden, Chemie und Flexibilität sind hervorragend. Für die Topshots der Branche, etwa Peter Schafrick oder Joachim Baldauf, ist die Qualität von Prints, Bonds und Plexen entscheidend.

© Gabriele Bärtels. Schrebergärten in Eile – Edition. 100 Exemplare

© Gabriele Bärtels. Schrebergärten in Eile – Edition. 100 Exemplare

Gibt es einen Unterschied in der Produktion für Leute wie Schafrick und Baldauf zu der für den ganz normalen seen.by-Nutzer?
Nein. Wer über unser Fotolabor seine Bilder bei uns drucken und veredeln lassen will, bekommt exakt die gleiche Qualität wie unsere Besten. Und, was immer mehr Fotografen entdecken: seen.by bietet Preise, die im Schnitt 50 Prozent unter denen regionaler Anbieter liegen.

Wann können Fotografen etc. endlich mehr als nur zwanzig Bilder einstellen?
Wir denken ständig über eine ganze Palette von Verbesserungen nach, dazu gehört auch eine solche Galerie-Erweiterung. Aber erstens hat die aktuelle Begrenzung auch den Vorteil, dass viele Mitglieder ihr Portfolio wegen des begrenzten Rahmens ständig aktualisieren, seen.by also immer frisch bleibt. Und zweitens muss auch irgendjemand so eine Erweiterung der persönlichen Galerien bezahlen. Bitte vergessen Sie nicht: Alles was seen.by für Fotografen und Grafiker tut, ist kostenlos.

Bei seen.by heißt es im Zusatz ‚international fine art’. Wie international ist seen.by wirklich? Wie hoch ist der Anteil nichtdeutscher Fotografen und Autoren?
Etwa zehn Prozent unserer Mitglieder kommen aus dem Ausland, Tendenz steigend. Etwa 30 Prozent der ausländischen Besucher kommen aus der englischsprachigen Welt, was natürlich auch an unserer englischen Version liegt, etwa 20 Prozent aus Spanien und Südamerika, Frankreich, Italien und, immer stärker, aus Russland.

Wo soll es mit seen.by hingehen?
Wir haben ja gerade erst die ersten Schritte gemacht. Am Ende steht vielleicht so etwas wie die zentrale Dienstleistungs- und Informationsplattform für einerseits junge talentierte und andererseits professionelle Fotografen in Europa.

Apropos Partnergalerien: Wenn ich mich als Galerist entschließe Partner von seen.by zu werden, welche Pflichten und welche Vorteile resultieren für mich daraus?
Ganz einfach: Sie räumen ein, zwei Wände in Ihrer Galerie frei und kleben unser Logo an die Tür. Dann suchen Sie sich Ihre Favoriten unter den besten seen.by-Motiven aus, die wir Ihnen kostenlos anliefern, und bekommen bei jedem Verkauf eine Provision.

© Martin Preissner. Way of lights – Edition. 100 Exemplare

© Martin Preissner. Way of lights – Edition. 100 Exemplare

Ihre ganz persönliche Empfehlung für die Leser von bildwerk3?
Glauben Sie nicht den Schmeichlern, die Sie zum großen Künstler empor loben. Seien Sie selbst der strengste Kritiker Ihrer Werke. Und arbeiten Sie hart an sich. Dann werden Sie es vielleicht schaffen.

Vielen Dank für dieses Interview! (mein Portfolio bei seen.by)

Im Moment 9 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Michael sagt:

    schönes, interessantes interview.

    aber mich würde noch intressieren, ob die dort im shop angebotenen künstler sich auch wirklich verkaufen (wie in vergleichbaren online-fotografie-kunstmärkten, die sich ihre fotografen selbst suchen)?

    michael

  2. Josh sagt:

    soweit ich weiss wurde seen.by von ganz anderen leuten “erfunden” und grossgezogen. Und die wurden dann brav von herrn degler und partnern herausgehauen. Das hätte er vielleicht auch mal erwähnen sollen.

  3. Bernd Saller sagt:

    zumindest verhalten sie sich seriöser als z.b. whitewall und die fc, die, wenn du ihnen irgendwann einmal deine daten wie name, anschrift und mailadresse gegeben hast, dich mit werbung und spammails zuschütten obwohl sie dir beim verlassen ihrer heiligen hallen schriftlich geben, dass deine daten bei ihnen gelöscht seien …

    wenn ich das hier schon verlinke, dann schenke ich euch auch noch was zum lesen ;-)

    http://www.myheimat.de/pohlheim/beitrag/68751/masse-statt-klasse/

  4. [...] und künstlerische Bildsprache”. Wie seen.by-CEO und Axel-Springer-Preis-Juror Dieter Degler im Interview mit bildwerk3 sagt: “Ein schöner Sonnenuntergang allein oder Gisela im Gegenlicht reicht [...]

  5. Estella Adounils sagt:

    Grosssartig, wie man eine Sichtweise formulieren kann.

  6. Christina Coligge sagt:

    Hey, das ist ein interessantes Projekt. Die Idee an sich ist auch sehr gut… weitermachen

  7. foto-micha sagt:

    interessantes projekt, ich bin mal gespannt wie es sich entwickelt. die fotografien sind auf jedenfall umwerfend !

  8. fotopunk sagt:

    also wenn die werke die dort vermarktet werden nur halb so gut sind, wie die beispielbilder, die ihr hier präsentiert, dann muss das ja ein super unterfangen sein. werds mir gleich mal angucken :)

  9. Markus sagt:

    Ich würde mir dort etwas mehr Transparenz wünschen.
    Wenn ich dort eine Serie einstelle und nur ein Bild daraus der leider nicht näher definierten “Redaktion” gefällt, ist das für mich als Künstler weder optimal noch nachvollziehbar.
    Ich habe jedenfalls meinen Account dort mitsamt der freigeschalteten Bilder wieder gelöscht.

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  • B()ris: Diesen Gleisschleifer finde ich nicht so gelungen, zumal das Bild auch noch etwas schief ist. Wobei es zugegebenermaßen schwierig ...
  • Markus: Ich würde mir dort etwas mehr Transparenz wünschen. Wenn ich dort eine Serie einstelle und nur ein Bild daraus der leider nicht n...
  • Marko: Äh, Deutschland hat den dritten Platz gemacht und diese Aktion hier war ein – wie sag ich's freundlich – Rohrkrepierer? Ich habe l...
  • Christian Ernst: Hallo Marko, vielen Dank, der Katalog ist bei mir angekommen. Werde ihn mir die nächsten Abende mal anschauen. Viele Grüße,...
  • tina: halleluja, da treiben die Fotografen ja fast genauso Hochleistungssport wie die Jungs auf dem Spielfeld. Respekt! Und vielen Dank ...
  • Walter: Sehr beeindruckender und interessanter Einblick....

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