Wenn das Heft aus der Druckerei kommt, bin ich arm

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Interview mit Calin Kruse, dem Herausgeber von ‚dienacht‘, einem, wie es im Zusatz heißt, Magazin für Fotografie, Gestaltung und Subkultur. Heft #4 im Format 15×18 Zentimeter und einer Auflage von eintausend Stück ist publizistische Avantgarde – und diesmal mit dem Schwerpunkt Fotografie. Das Heft ist geräumig und spannend layoutet, man mag es gern in die Hand nehmen und die gezeigten Fotografien und vorgestellten Fotografen – siehe auch am Ende dieses Beitrags – sind jeder für sich mindestens einen zweiten Blick wert.

Ich habe mich sofort verliebt in die Fotografien von Peter Franck und finde die Arbeiten von Pinar Yolacan ganz scheusslich – soweit der Spannungsbogen. Darüber, über die Bezugsquellen von Heft #4 und allen anderen Ausgaben und über die Vorzüge eines Printmagazins habe ich mit Calin Kruse gesprochen.

aus dem aktuellen Heft - Peter Franck

bildwerk3/Marko Radloff: Ein paar Worte über Dich selbst?
dienacht/Hrsg.: Calin Kruse: Ich bin 26, arbeite gerade an meiner Diplomarbeit in Grafik-Design an der FH Trier, bin seit ein paar Monaten verheiratet und habe eine kleine Tochter. Neben „dienacht“ mache ich hin und wieder ein kleines Fanzine/Artzine namens „rough“.

‚dienacht‘ – ist ein Ein-Mann-Magazin das Du selbst finanzierst, dessen Layout Du entwickelst und die druckfertigen Dateien bereitest Du auch jedesmal selbst vor. Was erzählst Du eigentlich Deinem Professor, wenn wieder eine Semesterarbeit nicht fertig wurde?
Es kam öfter vor, dass ich mich verspätet habe, die Professoren drücken aber zum Glück öfters ein Auge zu, da eigene Projekte neben der FH gerne gesehen und unterstütz werden…

Heißt ‚dienacht‘ ‚dienacht‘, weil die besten Einfälle im Dunkeln kommen?
Ja, nachts ist man öfter kreativ, man bekommt dann die meisten Einfälle. Die Nacht ist, wie ich immer wieder in der Einleitung schreibe, „eine Ideengeburtsmaschine“. Ausserdem wollte ich das Magazin nicht Fotoprofi, Profifoto, Fotografie, Photographie oder ähliches nennen, da „dienacht“ ein persönliches Projekt ist, das sich nicht unbedingt mit all diesen Begriffen 100%ig indentifiziert.

‚dienacht‘ – heißt im Untertitel, ‚Magazin für Fotografie, Gestaltung und Subkultur‘. Was ist Subkultur?
Mit Subkultur meine ich zum Beispiel unbekannte Bands, Regisseure, Filme, die man unbedingt kennen muss, aber auch neue Ideen und Ansätze, neue Bewegungen. Ich versuche auch gar nicht, diese als Kunst zu „verkaufen“, sie werden so beschrieben, wie sie sind, als etwas eigenes.

Kaum jemand weiss, dass es auch andere Magazine ausser denjenigen in der Bahnhofsbuchhandlung gibt – eine riesige Szene von unabhängigen Magazinmachern, deren Magazine / Fanzines / Artzines in Kleinstauflage erscheinen, und teilweise fotokopiert werden, finden eigene Vertriebswege und stellen Magazinfestivals auf die Beine; und das alles ohne Profitabsicht (da die Magazine meistens nur die Produktionskosten decken). Das ist einfach nur die Freude daran, etwas eigenes zu schaffen, ohne ans Geld zu denken, und das ist relativ neu, und diese Denkweise bedeutet für mich Subkultur. Ein kleiner, aber fester Bestandteil von „dienacht“ ist die Kurzvorstellung solche Magazine.

aus dem aktuellen Heft - Pinar Yolacan

aus dem aktuellen Heft - Pinar Yolacan

Nach welchen Kriterien wählst Du Künstlerinnen und Künstler für Dein Magazin aus?
Wie ich schon sagte, das ist ein sehr persönliches Magazin. Ich zeige, was mir gefällt, und wähle die Künstler nach Gefühl.

Ich versuche aber trotzdem, ein einheitliches Magazin zu machen; manchmal veröffentliche ich Bilder nicht sofort, weil ich denke, dass es in der aktuellen Ausgabe nicht „passt“, auch wenn ich sie gut finde. Dann veröffentliche ich sie eben in der nächsten oder übernächsten Ausgabe. Ich schreibe meistens die Künstler an, deren Bilder ich gut und passend zu „dienacht“ finde, so kann ich am besten die jeweilige Ausgabe „zusammenhalten“, es gibt aber auch (vor allem) Fotografen, die sich bewerben. Drei der Bewerber wurden in Ausgabe #4 veröffentlicht.

Ich versuche auch, Arbeiten auszuwählen, die unkommerziell, also zeitlos sind, die aus einem persönlichen Interesse der Fotografen entstanden sind. Dadurch ist „dienacht“ auch nicht zeitgebunden, alle Ausgaben sind aktuell.

aus dem aktuellen Heft - Marco Wiegers

aus dem aktuellen Heft – Marco Wiegers

Aufmerksamkeit um jeden Preis? Nach meiner Auffassung überschreiten die Arbeiten von Pinar Yolacan im aktuellen Heft eine ethische Grenze. Gab es Bedenken bei der Veröffentlichung?
Darum geht es nicht. Ich fand die Arbeiten von Pinar faszinierend „dunkel“ und perfekt inszeniert, und sie passen zu „dienacht“, finde ich. Ausserdem hat sie einen unglaublich unaufgeregten Stil für eine Frau, die gerade Mitte zwanzig ist.

Um Provokation geht es mir nicht, ich mag aber Arbeiten mit einer starken Bildsprache, Aussage oder Geschichte dahinter.

Wo kann man das Magazin in Berlin und in Hamburg – da kommen die meisten bildwerk3-Leser her – kaufen? (online natürlich von überall)
In Berlin gibt‘s das Magazin in der Gawronski Buchhandlung (Friedrichstr. 119), in der Giedre Bartelt Galerie (Linienstr. 161/ Ecke Kleine Hamburger Str.), you read me?! ( Auguststraße 28) und in Bücherbogen am Savignyplatz (Büchermeile Knesebeckstr., Stadtbahnbogen 593); vielleicht kommen bald auch zwei weitere Buchhandlungen dazu, das wird dann auf der Webseite im Bereich „Läden“ aufgelistet.

In Hamburg kann man „dienacht“ in der Buchhandlung im Haus der Photographie (Deichtorstr. 1-2) finden.

Sind die Ausgaben eins bis drei gegenwärtig noch zu haben?
Die erste Ausgabe ist fast ausverkauft, es gibt nur noch 4-5 Exemplare. Von #2 und #3 gibt es noch welche, die dritte Ausgabe findet man vielleicht noch in den Läden in Berlin oder in Hamburg.

Der Schwerpunkt ‚Fotografie‘ im aktuellen Heft #4 ist unübersehbar – es werden acht Fotografen und zwei Illustratoren vorgestellt. Ist diese Gewichtung eher zufälliges oder doch beabsichtigtes Produkt der Arbeit?
In den vorherigen Ausgaben wurden immer etwa 4-6 Fotografen vorgestellt. Dieses Mal waren besonders viele Fotografen dabei, obwohl es nicht immer um das rein Fotografische geht. Einmal geht es um das Objekt Daumenkino, und einmal um das, was die Leute über ihr Gesicht denken (bei Simon Hoegsberg).

Insgesamt hat jede Ausgabe einen kunstbezogenen Schwerpunkt ohne, dass das Magazin gleich thematisch wäre. Das ergibt sich, wenn man den Inhalt zusammenstellt und schaut, was zusammen „passt“ und was nicht.

Alle Hefte jeder Ausgabe sind Heft für Heft nummeriert. Ich habe z.B. Heft Nr. 0468 – von Eintausend. Wer bekommt Heft Nr. 1 – 5?
Die Nummer 0001 habe ich, die Nummer 0002 meine Frau, sonst werden sie zufällig verschickt. Die Hefte 3-5 bekommt also entweder eine Buchhandlung, oder ein Abonnent, da fast 200 Exemplare sofort nach dem Ankommen aus der Druckerei bestempelt und verschickt werden. Es gibt aber jemand, der immer die Ausgabe 0007 haben möchte. Und hin und wieder fragen die Leute, ob sie eine bestimmte Nummer haben können, das sind meistens Glückszahlen. Die bekommen sie auch, falls ich sie noch zuhause habe.

Was kann ein gedrucktes Magazin, was ein Onlinemagazin nicht kann?
Man kann es sich ins Regal stellen und sich immer daran erfreuen. Man kann es auch verschenken und jemand anderen damit erfreuen.

Beide Medien sind aber gleichberechtigt, finde ich, und ergänzen sich gegenseitig. Online-Inhalte sind eher vergänglich, und besser für das schnelle Schauen und die schnelle Inspiration geeignet. Ein Print-Magazin kann man abends im Bett lesen, oder im Zug, das hat mehr mit Gefühl zu tun – wie sich das Papier anfühlt, wie das Magazin in der Hand liegt, wie es riecht. Ich glaube, wenn man etwas greifbares hat, ist man zufriedener, weil man das Gefühl hat, sich mit dem Kauf etwas Gutes zu tun.

Eine Print-Ausgabe ist etwas, was bleibt, was man sammelt, was man immer wieder liest, was man genießt, worüber man nachdenkt. Damit kann man sich besser auseinandersetzen. Hinzu kommt der soziale Aspekt – um sie zu bekommen, muss man mit anderen Menschen in Kontakt kommen, was vielleicht in der Zeit des Automatismus gar nicht so verkehrt ist.

Wo soll‘s hingehen mit ‚dienacht‘?
Mein Ziel wäre es, das Magazin bekannter zu machen; im Moment läuft alles im Selbstvertrieb und Selbstverlag. Ich hoffe, dass ich das Magazin auf Dauer finanzieren kann („dienacht“ wird hauptsächlich selbstfinanziert, und wenn es aus der Druckerei kommt, bin ich erstmal arm). Ich möchte auch den Shop auf der Webseite aufbauen – dort werden, neben „dienacht“, auch Bücher, Artzines oder andere „Specials“ von Fotografen/Künstlern verkauft, die in „dienacht“ vorgestellt wurden, und das möchte ich so gut wie möglich vervollständigen.

In Mai und Juni gab es eine große „dienacht“-Ausstellung in Mönchengladbach, bei der 6 Fotografen, die in „dienacht“ veröffentlicht haben, Arbeiten ausgestellt haben. Sie kam sehr gut an, und ich kann mir gut vorstellen, so etwas öfters zu machen. Es wäre auch schön, irgendwann einen Laden mit Galerie zu haben …

aus dem aktuellen Heft

aus dem aktuellen Heft


Calin Kruse ist eher Gestalter oder auch Fotograf?

Das ist eine schwierige Frage … Im Moment bin ich eher Gestalter, da ich die meiste Zeit am Diplom arbeite, und zum Fotografieren kaum komme. Im Grunde bin ich aber Fotograf.

Fakten zum Heft
Auflage: 1000 Exemplare
Format: 150×180 mm Hochformat
Umfang: 124 Seiten
Druck: Offset, 4farbig
Papier: Cover 300g matt folienkaschiert,
Inhalt 115g matt gestrichen
Erscheinungsweise: 2mal im Jahr
Sprache: Deutsch und Englisch
Verbreitung: deutschland- und europaweit
jede Ausgabe wird einzeln nummeriert!

Im aktuellen Heft u.a. vertreten:

Marco Wiegers (Fotografie/Niederlande)
Peter Franck (Fotografie/Deutschland)
Werner Schöffel (Fotografie/Deutschland)
Pinar Yolacan (Fotografie/Türkei)
Simon Hoegsberg (Fotografie/Dänemark)
Gerco de Ruijter (Fotografie/Niederlande)

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

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