Zur Geschichte der Bildagenturen: Die Entwicklung des Bildermarktes (Teil 4)
Matthias Bruhn: Die Entwicklung des Bildermarktes (Teil 4.)
Es bleibt daher von der Perspektive und Fragestellung abhängig, wie man die Entwicklungen des Bildmarktes deuten will. Der gegenwärtige Medienumbruch wird in der Literatur gerne mit Schlagwörtern wie „postfotografisch“ belegt; während die einen eine technische Revolution im Gange sehen, hat sich für die anderen wenig geändert, da Bildmotive und Bildfunktionen in weiten Teilen unverändert bleiben und auch der Streit vor Gerichten um Autorschaft und Tantiemen derselbe bleibt.
Neue Kampagnen und Absatzversuche wie Magnum in Motion, oder die Gründung von View (durch Gruner+Jahr) oder Best Picture (durch Keystone Schweiz) stellen sich aus der Sicht des Historikers wohl als Renaissance der Bildreportage dar, während sie anbieterseitig eine konkrete technologische und ökonomische Krise überwinden helfen sollen. Wenn neuerdings, nun aber auch schon seit gut 10 Jahren, in kunsthistorischen Kreisen die Rede vom Iconic Turn, von der „neuen Macht der Bilder“ zirkuliert, so wird hier als Wende oder Modernisierungsschub begriffen, was zufällig genau den Zeitpunkt einer multimedialen Branchenkrise trifft.
Der Bildagenturvertrieb steuert seit gut einhundert Jahren ein gewaltiges Angebot und verdichtet daraus die kleineren Tagesangebote, die die Bildwelt bestimmen. Zugleich wird der Beruf des professionellen Bildredakteurs heute weiter zurückgedrängt, wenn ich dies richtig beobachte. Die verbleibenden Redakteure in Print oder Fernsehen sind in vielen Fällen auf Konsumerfahrungen angewiesen und müssen aus ihrer eigenen Erfahrung als Konsument ableiten, was ein gedachtes Publikum sehen möchte oder die Textredaktion für bildwürdig hält.
Die Veränderungen der Redaktions- und Verlagsstrukturen wirken sich dabei insgesamt beschleunigend auf die Motiv- und Anbieterkonvergenzen aus. Der Betrieb aus Fotografen, Agenturen und Redakteuren kann dadurch blind gegen das Detail werden und sich auf eingeübte Strukturen und Wege verlassen. Sie können Indikator von professionellen Kurzschlüssen und Eilentscheidungen sein.
So bleibt die Prüfung von Bildnachweisen immer noch und immer wieder eine Aufgabe der Kritik. Die schnöden redaktionellen Vorgänge, die schließlich zur Betextung einer Abbildung führen, müssen anhand der konkreten Einzelfälle immer wieder neu erforscht werden. Ein „Qualitätsjournalismus“, der dieses Wort verdienen will, müsste Qualität nicht nur bei der Wiedergabe und Beschriftung, sondern verstärkt auch wieder bei der Recherche, Auswahl und Breite von ergänzenden Bildinformationen walten lassen.
Probleme der Forschung
Größtes Problem für die historische Forschung bleibt der rasante, technisch und wirtschaftlich bedingte Wandel und die Vielzahl von Akteuren, Märkten, Spezialgebieten. Dies zeigt sich zum Beispiel schon daran, dass bestimmte Kennzeichnungen wie etwa das Anbieter-Kürzel in der Creditline einer Pressefotografie keine Autorensignatur darstellt, sondern lediglich Auskunft über den Lieferanten der Bildvorlage gibt – aus Sicht eines Kunsthistorikers erfolgt damit gleichwohl eine Kennzeichnung, die sich vor den Fotografennamen schiebt und an die Tradition der Bildsignatur anschließt.
Obwohl elektronische Bildmedien alle Arten von Kenntlichmachung und Signierung gestatten (vom Wasserzeichen über die Datei-Informationen beim Transfer bis zur versteckten Einschreibung von Herkunftsangaben in den Quellcode der Bilddatei), sind viele dieser Kennzeichnungen im Ausdruck oder im Zeitungskontext wieder verschwunden. Die historische Forschung wird sich daher notgedrungen bei der Recherchierung einer Fotografie auf die gedruckten Kürzel verlassen, wenn sie keine Lieferscheine und immer weniger Negative besitzt. Je weniger Informationen hier gegeben werden, desto mehr Fehler werden sich in Zukunft auch in der historischen Literatur einschleichen.
Jedoch bleibt eine Geschichte der Bildagenturen erstaunlicherweise noch zu schreiben, und zwar wohl auf internationaler Ebene. Hier wäre eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe zu erwägen, die die Geschichte der Bildagenturen nicht nur erforscht, sondern auch deren gesellschaftliche Breitenwirkung dokumentiert. Auch Einrichtungen wie der BVPA unter Leitung von Bernd Weise wären geeignet, eine solche Chronik fortzuschreiben, unterstützt durch die Kollegen der Bildarchive wie Ullstein, durch Agenturen wie DPA oder Keystone, durch Staatsarchive und historische Museen.
Es wird noch einmal deutlich, wie im Agenturwesen Nachrichtenwert und gewerblicher Wert auf eigentümliche Weise zusammenfallen, so wie es sich auch in der unscharfen Unterscheidung von Bildpresse-Agenturen (im Sinne eines Newstickers oder Redaktionsdienstes) von anderen Anbietern (etwa von Stock-Fotografie) zeigt, die ebenfalls Agenturen im Sinne eines Vermittlers, Managers oder Maklers sind.
Insofern „Öffentlichkeit“ jedoch ein historisch entstandener Anspruch ist, der die Agenturen legitimiert hat und ihnen heute eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung zukommen lässt, ist sie zugleich ein Grund mehr für die wissenschaftliche Beleuchtung der Agenturen und ihrer Geschichte.


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