Zur Geschichte der Bildagenturen: Was sind Bildagenturen (Teil 3)
Matthias Bruhn: Was sind Bildagenturen (Teil 3.)
Was Bildagenturen sind, lässt sich eigentlich nicht verbindlich bestimmen, denn sie sind aus Fotoarchiven, Kunstverlagen und Telegrafenbüros hervorgegangen, verbinden Prinzipien des Versandhandels mit Verlagsaufgaben, den Bildaustausch mit der Textnachricht. Das Foto steht in Konkurrenz zum transitorischen Fernsehbild und der multimedialen Information.
Je nach Definition beginnt die Geschichte der Nachrichtenagenturen also mit dem Illustrationswesen um 1830 und ihrem Bedarf nach Nachrichten, mit den Anfängen der reproduzierbaren Fotografie, mit dem Aufbau von Nachrichtennetzen (Havas, Reuter, Wolff, AP) Mitte des 19. Jahrhunderts oder mit dem Weltmarktvertrieb für Bilder, wie er durch Keystone oder Underwood großgemacht wurde.
Im Sinne individueller Bildleistungen fahndet die Forschung bevorzugt nach prominenten Vertretern einer Zunft oder legt Chroniken einzelner Unternehmen, vor allem AP, Keystone und Magnum vor. Damit folgt sie weiterhin der Idee eines geistigen Urhebers, der auch in einem agenturmäßig organisierten Betrieb noch seine Autorität und Eigenart hat. Der Markt ist das Feld, auf dem sich eine unternehmerische, journalistische oder künstlerische Idee bewähren muss.
In der behördenartigen Logistik der Agentur und ihrer möglichst anonymisierten Zulieferer werden jedoch optische Ereignisse gleich welcher Form und Medialität mehr und mehr zu einem intellektuellen Content; die Folge ist umgekehrt, das auch ein belangloses Motiv, etwa das Bild eines Mannes am Flughafen, durch Vertrieb in einem „professionellen“ Verbund, durch Push-Angebote im Internet und durch entsprechende Lizenzierung zu einem Wertstoff gemacht werden kann, was sich wiederum die Stock Branche für die Wiederverwertung alltäglicher Motive zunutze macht. Ein Großteil der heute gehandelten Bildartefakte sind solche Servicebausteine in einer Welt der Produktgestaltung, die ausdrücklich keine autonomen Werke mehr darstellen. Durch rein logistische Vorzüge wie schnelle Lieferung, Bedienerfreundlichkeit und nutzungsorientierte Verschlagwortung von Datenbanken, verlässliche Abrechnungen oder einheitliche Qualität kann ein simples Motiv zum Markenartikel gemacht werden.
Schon die Lieferzeit kann eine Bildqualität sein – hier zeichnet sich also ein neuer Qualitätsbegriff ab; Begriffe der Autorschaft, Echtheit, Originalität wandeln sich mit der Technik. Auch die Bedeutung von Professionalität hängt damit von sich ständig verändernden Parametern ab. Die Theorie und Sprachgebung muss sich hier ebenso weiterentwickeln wie etwa die Kodizes und Empfehlungen, Kennzeichnungstechniken, Speicherformate und Metadatenstandards der Berufspraktiker.
Gegen diese unbildliche Logik einer Content Industry interessiert sich gerade die historische Forschung stark für jene klassische Form der Bildreportage aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die einen hohen Anspruch an authentische Berichterstattung und fotografische Qualität erheben konnte. Aber auch hier vertreten Agenturen den individuellen Autor nach außen, gibt es Abnehmer, Standorte, Protokollvorschriften, Akkreditierungen, Neubeschriftungen, Übertragungsfehler und Manipulationen. Was genau in einem solchen Kontext als authentisch und was als anspruchsvoll oder „schutzfähig“ gelten kann, stellt eine ziemliche Herausforderung an die Bildkritik dar. Sichtbar wird in der Geschichte der Bildagenturen jedenfalls, wie autorschaftliche und systemische Modelle miteinander kollidieren.


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