10. Juli 2008 Dr. Matthias Bruhn 1

Zur Geschichte der Bildagenturen: Vom Bild und vom Bildner (Teil 1)

Matthias Bruhn ist Kunsthistoriker und hat nach seinem Studium zeitweilig für eine international tätige Stock-Agentur gearbeitet, ehe er für eine Forschungsstelle der Universität Hamburg tätig wurde. Deren Schwerpunkt widmet sich dem Feld der sogenannten „Politischen Ikonographie“, eine besondere Ausrichtung der jüngeren Kunstgeschichte.

Ich habe Matthias Bruhn auf der PICTA 2008 in Hamburg kennengelernt und von ihm die Erlaubnis erhalten seinen Vortrag zur Geschichte der Bildagenturen, der in den nächsten Tagen in drei Teilen hier erscheinen wird, zu veröffentlichen. Der Vortrag wurde auf Anregung von Bernd Weise, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. angeregt. Herzlichen Dank auch an ihn, für die Genemigung zu einer Veröffentlichung.

Matthias Bruhn: Vom Bild und vom Bildner (Teil 1.)

Durch die Rolle, die den Künsten für die Kommunikation von Anschauungen, von politischen Verhältnissen oder von Rechtsvorstellungen im Laufe der Geschichte zuwuchs, wurde schon vor Jahrhunderten festgelegt, welch hoher Stellenwert dem Bild ganz grundsätzlich zukommt, sei es als repräsentativer Schmuck, als Mittel der Propaganda oder als Übermittler von Nachrichten. Ohne diese gesellschaftliche Aufwertung des Bildlichen gäbe es auch das heutige konkrete Interesse am Bildlichen nicht, nicht den Bildermarkt, nicht die Bewertungskriterien und Honorarlisten für Bilder, den benennbaren Autor, das besondere Motiv oder die messbare Originalität eine bestimmten Darstellung.

In dauernder Konkurrenz hat sich allerdings neben dem Auftraggeber, also etwa einem Regenten und seinen Abzeichen, auch die Signatur des Gestalters etabliert, der sich dem Dargestellten unmittelbar an die Seite stellt, indem er als geistiger Urheber eines Bildes auftritt, eine bestimmte Gestaltung zu verantworten hat, ja sogar den Namen des Dargestellten vollständig überschreiben und auch überdauern kann – unübersehbar wird dies bei den zahllosen Beispielen berühmter Bildnisse der europäischen Kunst, bei denen zwar Van Dyck oder Rembrandt als Hersteller überliefert sind und allgemein geschätzt werden, vom Dargestellten aber nur noch der Bildtitel „Bildnis eines Unbekannten“ übrig ist.

Weil Kommunikation nicht nur bei Hofe und unter Kunstfreunden stattfindet, sondern für den Erhalt von Macht oder den Ausgang von Wahlen von Bedeutung ist und dazu den städtischen Raum erreichen muss, unterliegt sie auch messbaren Kriterien, die mit den Eigenarten der Bildproduktion stets in einem spannungsvollen Wechselverhältnis standen. Künstler als Gestalter politischer Reklame speisen je nach Erfahrung und Erwartung ihre eigenen Entwürfe und Ideen in das Gesamtbild ein, so wie Werbefachleute ihrem parteipolitischen Klienten zu zugkräftigen oder gut verständlichen Motiven, zu einprägsamen Images oder klaren Darstellungsformen raten, um den Anforderungen telekratischer Kommunikation auch in einem größeren und anonymisierten Umfeld zu genügen – zumindest ihrer Meinung nach: Bilder waren und sind damit stets der Austragungsort von Konkurrenzen und Kompetenzen.

Unterdessen haben sich die bildenden Künste im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr von den höfischen Aufträgen hin zu öffentlichen Aufgaben hin orientiert. Dieser Prozess wurde schon seit den Anfängen der europäischen Kunst durch die stetige Entwicklung der Medien, etwa durch die Druckgraphik, maßgeblich befördert, die stets auch ein überregionales Publikum adressierte. Außerdem begannen die Künstler schon im 17. Jahrhundert verstärkt, etwa in Holland, auf Vorrat zu produzieren; seit dem 18. Jahrhundert wurden sie dabei auch durch Galeristen nach außen vertreten; dies hatte unter anderem zur Folge, dass die Themen und Motive der Bilder nicht mehr von exklusiven Aufträgen abhingen, und dass die frei ausgestalteten Werke teilweise auch auf Marktwünsche reagierten, die von privaten Sammlern und seit dem späten 19. Jahrhundert auch von öffentlichen Museen repräsentiert wurden.

Die Herstellung spiegelt damit schon früh auch eine bestimmte Nachfragestruktur. Mit der illustrierten Presse, den Massenblättern und der Reklame verschoben sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Verhältnisse erneut und ebenso die Aufgaben der Bildkünste; mit dem Aufkommen der Fotoreportage im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Aufnahme von Fotografien in gedruckten Zeitungen nach 1900 wurde das Bild verstärkt zum Medium der Nachrichtenweitergabe; das Kunstwerk als Ort der Repräsentation und Überhöhung geschichtlicher Ereignisse orientierte sich in dieser Phase grundlegend um und fand zu neuen Ausdrucksformen.

>> zum zweiten Teil

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