14. Mai 2008 2

BerlinPhotoWorkshops – Interview mit Peter Oehlmann

Von Marko Radloff

Noch bis zum 20. Mai haben Fotografieinteressierte Gelegenheit, sich für die einwöchigen Sommerworkshops bei BerlinPhotoWorkshops zu melden. Ich wollte vom Fotografen Peter Oehlmann wissen, was und wer sich hinter den BerlinPhotoWorkshops verbirgt, ob Fotografie ein Beruf mit Zukunft ist, warum Profis Ihr Wissen an Einsteiger weitergeben und welche Rolle Berlin spielt; und habe ungewöhnlich spannende Antworten erhalten …

BerlinPhotoWorkshops

bildwerk3 – Fragen an Peter Oehlmann:

Was ist BerlinPhotoWorkshops, seit wann gibt es BerlinPhotoWorkshops und sind alle Dozenten bei BerlinPhotoWorkshops aktive Fotografen?
BerlinPhotoWorkshops ist eine 2007 gegründete Arbeitsgemeinschaft von vier Fotografen, die ihre Erfahrungen in Seminaren und Workshops weitergeben: Mark Curran (IR), Kai-Olaf Hesse (D), Robert Lyons (US) und Peter Oehlmann (D). Daß das Zusammenspiel dieses internationalen Quartetts ohne allzugroße Reibungsverluste funktioniert, verdanken wir der organisatorischen Unterstützung von Jörg Steinbach.

Wir alle sind als Fotografen und temporär als Dozenten tätig. Während die Arbeitsschwerpunkte von Mark Curran und Robert Lyons eher beim Porträt liegen, bei der Darstellung von Menschen in ihren sozialen und politischen Bezugsfeldern, sind es bei Kai-Olaf Hesse und mir verschiedene Aspekte der gebauten Umwelt, die uns umtreiben: Stadt als sozialer Organismus und als Ort geschichtlicher Überlagerungen, der menschliche (oder unmenschliche) Umgang mit Natur und Landschaft …

Was uns eint, ist unsere Affinität zur dokumentarischen Fotografie. Das meint nicht einen Stil oder eine Attitüde, sondern eine Haltung, die sich in ihrer Art, Welt zu reflektieren deutlich von Inszenierung und Fiktion unterscheidet. Daß dies keineswegs den Verzicht auf Subjektivität und Emotionalität bedeutet, belegen die Arbeiten unserer Seminarteilnehmer.

Sie helfen anderen das Medium Fotografie zu verstehen, Sie helfen anderen die Technik als Fotograf zu beherrschen. Haben Sie keine Sorge, das all die neuen Fotografen Konkurrenten im eigenen Geschäft werden?

Jeder Lehrende bildet immer auch die eigene Konkurrenz heran. Das gehört zum Prinzip der Wissensvererbung seit jeher dazu, ob im Handwerk oder im akademischen Sektor.

Doch das Lehren ist ja keine Einbahnstraße. Der Austausch mit den Schülern bringt auch dem Lehrenden Gewinn; die Auseinandersetzung mit anderen Weltsichten gibt mir neue Impulse, bringt mich dazu, die eigene Position kritischer zu betrachten.

Auch der Konkurrenzdruck hat eine produktive Komponente: Er zwingt mich, mich zu bewegen, mich mit aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzen, besser zu werden. Ob allerdings die Berliner Verhältnisse – Hunderte von Fotografieabsolventen, die gekommen sind, um zu bleiben und sich mit Dumpingpreisen die wenigen Jobs streitig machen – in diesem Sinne noch produktiv zu nennen sind, sei dahingestellt.

Ist Fotograf also ein Beruf mit Zukunft?
Es gilt für Fotografen im Wesentlichen zwei große Krisen zu bewältigen: eine technische – wir haben gestern schon darüber gesprochen – und eine Absatzkrise, die aus dem Überangebot an Fotografien und ihrer gleichzeitigen weltweiten Verfügbarkeit resultiert.

BerlinPhotoWorkshops - Interview mit Peter Oehlmann

Die “technische Krise” der Fotografie, sehe ich nicht als Krise, sondern als normalen Entwicklungsprozess. Daß da im Hintergrund vehemente Verteilungskämpfe stattfinden; daß mit gewaltigem Marketingaufwand unausgereifte Produkte zu überhöhten Preisen auf den Markt gedrückt wurden, um die Entwicklungskosten auf eine ahnungslose Kundschaft abzuwälzen – das ist gewöhnlicher Kapitalismus, sonst nichts.

Zur Absatzkrise vermag ich nichts zu sagen; mit dem Markt der Zweitverwertungsrechte habe ich keine Erfahrung.

Beruf mit Zukunft? Ich weiß es nicht. Für mich stellt sich die Frage so nicht, ich habe ohnehin keine Wahlmöglichkeit mehr. Fotografieren ist für mich nicht nur Beruf, sondern eine Lebensweise, eine Art, sich Welt anzueignen und zu ihr Stellung zu nehmen.

Viele der Fotografen, die ich kenne, verstehen sich zuerst als Autoren und dann als Dienstleister. Sie sind als Künstler tätig und vermarkten sich mit dieser Reputation auch im angewandten Bereich; die Grenzen sind ja bekanntlich fließend. Das kann sehr gut funktionieren, ist allerdings auch eine heikle Gratwanderung, die nicht selten auf der einen oder anderen Seite zu Beschädigungen führt. Nach mancher Werbekampagne fällt es einfach schwer, das künstlerische Werk des betreffenden Fotografen noch ernst zu nehmen.

Dann gibt es eine Gruppe von Fotografen, die sich entschieden haben, sich dem Vermarktungsdruck zu entziehen, indem sie ihre Brötchen auf andere Weise verdienen, meist in fotografienahen Feldern: Sie gestalten Bücher oder kuratieren Ausstellungen, unterrichten an Hoch- und Fachschulen, fertigen Fineprints für Kollegen und dergleichen mehr. So gewinnen sie zwar eine gewisse Unabhängigkeit und finden oft leichteren Zugang zu wichtigen Netzwerken, haben allerdings auch weniger Zeit und Energie für die Fotografie zur Verfügung.

Erfolg als Fotograf – eine Frage von Talent oder von guten Beziehungen? Was braucht man zuerst für eine Fotografenkarriere: ein Netzwerk oder die Begabung ein Bild zu machen?
Ich vermute, ohne Begabung nützt einem das beste Netzwerk nichts. Aber sicher bin ich mir da leider nicht… Vielleicht geben Sie diese Frage besser an die Karriereexpertin weiter?

Was ist das Besondere an den BerlinSommerWorkshops?
Daß sie nicht nur in Berlin stattfinden, sondern diese vielschichtige Stadt auch in unterschiedlichster Weise thematisieren. Daß wir ausgezeichnete Fotografen gewinnen konnten, die ihre eigenen Themen in die Workshops einbringen und so ihre ganze Kompetenz den Teilnehmern verfügbar machen.

Und daß die Gruppen klein sind und somit eine höhere Arbeits- und Diskussionsintensität möglich wird, als es üblicherweise bei solchen Workshops der Fall ist.

Wer bei den Workshops mitmachen will, muss nicht nur bezahlen, sondern auch im Vorfeld seine Arbeiten zeigen. Ist schon mal jemand auf Grund seiner Fotos nicht zugelassen worden?
Unsere Seminare und Workshops kosten Geld, und das bereitet uns auch kein schlechtes Gewissen. Das eigene Wissen weiterzugeben, Anregungen und Motivationen zu vermitteln, Begabungen zu fördern und zu begleiten, das gehört zu den schönsten Arbeiten, die ich mir vorstellen kann – aber auch zu den anstrengendsten.

Das Bewerbungsverfahren ist keine Aufnahmeprüfung. Sein Sinn besteht vielmehr darin, funktionierende Gruppen zusammenzustellen, in denen sich die Teilnehmer etwas zu sagen haben und nicht nur vom Dozenten, sondern auch voneinander profitieren können. Das setzt allerdings voraus, daß ein Diskurs auf ähnlichem Level möglich ist.
Deshalb würde eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung eines Bewerbers und unserer Bewertung zur Ablehnung führen. Diesen Fall hatten wir aber bis jetzt noch nicht.

In der Regel orientieren sich die Bewerber auf unserer Website, nehmen gegebenenfalls per Mail oder Telefon Kontakt mit uns auf und schätzen schließlich recht realistisch ein, ob die fotografische Richtung und das angestrebte Level unserer Angebote sich mit ihren eigenen Intentionen decken.

Hätten wir eine Chance mit unseren Bildern dabeizusein?
Die unter dem genannten Link versammelten Arbeiten lassen für mich leider nicht erkennen, daß sich ein Autor / eine Autorin länger und intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt hat. Für eine Bewerbung wäre diese Zusammenstellung daher ungeeignet.

Andererseits gibt es interessante Einzelbilder, die mehr dahinter vermuten lassen. In einem solchen Fall würden wir den Bewerber oder die Bewerberin auf diesen Umstand hinweisen und um eine Serie zu einem selbst gewählten Thema bitten.

Die Stadt als fotografische Spielwiese. Kein Ort scheint dafür geeigneter als Berlin. Was hat Berlin, was andere Orte nicht haben?
Die Besonderheit von Berlin liegt – neben und wegen der geographischen Lage zwischen Ost- und Westeuropa – in der Art und Weise, wie die jüngere Geschichte, die hier einen ihrer traurigen Kulminationspunkte fand, der Stadt ihre Spur eingebrannt und ihre Sedimente abgelagert hat. Diese Spuren sind allgegenwärtig. Berlin gehört zu den Orten, an denen sichtbar ist, wie Gegenwart zu Geschichte gerinnt.

Man findet teils noch immer, teils schon wieder ausgedehnte innerstädtische Brachen. Man findet zwei komplette Stadtzentren. Man findet Touristen, die verzweifelt die City suchen. Man findet kaum Industrie, aber viel Landschaft. Man findet einen chronisch defizitären Haushalt. Man findet eine Stadtregierung, die meistens die falschen Gebäude abreißen läßt. Und man findet eine überaus anpassungsfähige multinationale Bevölkerung, die das alles stoisch erträgt und sich so an das Leben in Provisorien gewöhnt hat, daß sie sie nicht mehr als solche wahrnimmt. Man findet in einer Woche mehr kulturelle Angebote, als man in einem Jahr wahrnehmen möchte. Man findet mitunter mehr Galerien als Kneipen. Man findet Strände ohne Ufer und Clubs, die in keinem Adressbuch stehen.

Man findet junge Menschen from all over the world, die das alles ungeheuer spannend finden und der Stadt pulsierendes Leben einhauchen, vor allem nach Mitternacht. Und die weiterziehen, wenn sie Berlin genug beatmet haben oder sich im Prenzlauer Berg niederlassen, um Kinder zu bekommen. Alles in allem: A place to be.

Hier noch einmal alle Fotografen und Termine für die SommerWorkShops:

Arwed Messmer Bodenhaftung 27.Juli bis 2. August 2008

Göran Gnaudschun Das fotografische Portrait 17. bis 23. August 2008

Wolfgang Bellwinkel Abbild – Konstrukt 24. bis 30. August 2008

Kai-Olaf Hesse / Peter Oehlmann Walk On: Digitale Metaphern der Stadt 31. August bis 6. September 2008

Karl-Ludwig Lange Stadtfotografie 7. bis 13. September 2008

Im Moment 2 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. [...] published today a worth reading interview with photographer Peter Oehlmann from BerlinPhotoWorkshops (German [...]

  2. [...] haben ‘Nicht alles tun was möglich ist – analog vs. digital Fotografie‘ und ‘BerlinPhotoWorkshops – Interview mit Peter Oehlmann‘ … und wenn die Kurse nur halb so intensiv sind, kann man richtig was [...]

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