Nicht alles tun was möglich ist – analog vs. digital Fotografie
Ein Thema, das alle Fotografen in den letzten zehn Jahren wie kein anderes beschäftigt hat: Werde ich digital? Für die meisten angewandten Kolleginnen und Kollegen hat sich diese Frage längst erübrigt und sie sind ganz selbstverständlich im digitalen Zeitalter angekommen und können sich gar nichts anderes mehr vorstellen.
Ohne den Inhalt des folgenden Beitrags vorwegzunehmen kann man sagen: Digital ist normal! Aber, das war ein Prozess, der in den letzten Jahren die Szene stärker bestimmt hat als die Diskussion über Bildinhalte und Bildsprache. Erst langsam scheinen wir in der neuen Realität anzukommen.
Ich habe den Fotografen Peter Oehlmann nach seinen Einschätzungen und Erfahrungen zu diesem Thema befragt und ungewöhnlich ausführlich Antwort erhalten, so ausführlich, dass daraus dieser eigenständige Text wurde; ein Beleg dafür, das die Frage ins ‘Schwarze’ getroffen hat und das Thema aktuell bleibt:
Wie haben Sie als Fotograf die Jahre des Übergangs von der analogen zur digitalen Fotografie empfunden und erlebt? Denken Sie, es gibt eine Chance, das beide Aufnahmemedien dauerhaft parallel existieren?
Zu diesem Thema werden ganze Dissertationen geschrieben, hier nur einige Gedankensplitter: Ich erinnere mich noch gut an die Unkenrufe, die das Ende der „Schwarzen Kunst“ prophezeiten, als im Druckgewerbe der Bleisatz durch den computergesteuerten Lichtsatz abgelöst wurde. Und doch werden noch immer jede Menge wunderbare Bücher produziert – und immer noch jede Menge Mist.
Firmen, die die Entwicklung verschlafen haben, sind auf der Strecke geblieben. Andere, oft Quereinsteiger, haben sich an ihre Spitze gestellt. Und einige Enthusiasten haben die alten Technologien wie Handsatz, Buchdruck oder Lichtdruck in ein elitäres und mehr oder minder lukratives Nischendasein hinüber gerettet.

© Peter Oehlmann aus ‘Winterreise’
Eine vergleichbare Entwicklung macht seit mehr als zehn Jahren die Fotografie durch – mit allen Verwerfungen und Irritationen, unerwarteten Gewinnen und unwiederbringlichen Verlusten. Während lange Zeit die mangelhafte Qualität digital erzeugter Fotografie dem Film zumindest im Profisektor das Überleben sicherte, haben sich in den letzten Jahren die Verhältnisse gewandelt. Eine Qualität, die die analoge Kleinbildfotografie längst hinter sich gelassen hat und teilweise mit dem Mittelformat konkurrieren kann, hat in Verbindung mit gefallenen Preisen dazu geführt, daß heute in der professionellen Fotografie überwiegend digital fotografiert wird.
Zwar gibt es genrespezifische Abweichungen, die teils in den astronomischen Preisen für digitale Mittel- und Großformatrückteile, teils in noch nicht zufriedenstellend gemeisterten technischen Problemen begründet sind. Aber die Richtung der Entwicklung scheint unumkehrbar, zumal das gewinnträchtige Consumersegment praktisch durchgängig digitalisiert ist.
Ich habe 2001 begonnen digital zu fotografieren, als ich einige Aufträge bekam, die ausschließlich auf die Veröffentlichung im Web zielten. Die erste Kamera war irgendeine Minolta mit 7 Megapixeln, mit einer für damalige Verhältnisse recht brauchbaren Bildqualität, aber mit einem äußerst gewöhnungsbedürftigen Digitalsucher und einer Auslöseverzögerung, die immer wieder für Überraschungen gut war – wenn die Kamera sich endlich zur Aufnahme bequemte, war das Leben immer schon ein Stück weiter gegangen.

© Peter Oehlmann aus ‘Winterreise’
Seitdem hat sich einiges getan, siehe oben. Ich habe mich auf die digitale Technik eingelassen und ich möchte einige der Möglichkeiten, die sie mir bietet, nicht mehr missen – trotz mancher Nachteile.
Vermutlich werden analoge und digitale Fotografie noch geraume Zeit weiter parallel existieren, allerdings werden sich die Gewichtungen immer weiter verschieben. Schon heute werden weite Bereiche des fotografischen Tagesgeschäfts (und inzwischen auch etliches darüber hinaus) digital abgewickelt. Einige der verbliebenen analogen Nischen sind technisch begründet, andere haben mit Liebhaberei zu tun.
Was die technisch bedingten analogen Restgebiete angeht – zum Beispiel Aufgabenstellungen, bei denen schiere Auflösung gefragt ist, aber ein “großes” Digiback mit der entsprechenden Hard- und Softwareperipherie sich nicht rechnen würde, zum Beispiel klassische Architekturfotografie mit extremen Weitwinkelobjektiven und großen Shiftwegen, zum Beispiel Dokumentationsvorhaben mit höchsten Anforderungen an die Datensicherheit in der Langzeitarchivierung – deren Verschwinden scheint mir eine Frage der technischen Entwicklung und damit der Zeit und der Interessenlage zu sein. Denn klar ist, daß nur dort geforscht wird, wo auch Gewinne zu erwarten sind. Aber an großen, hochauflösenden und rauscharmen Chips ist ja glücklicherweise auch das Militär interessiert und an einer sicheren Datenarchivierung unser Innenminister …

© Peter Oehlmann aus ‘Winterreise’
Analoge Fotografie als Liebhaberei wird es wohl wesentlich länger geben. Für viele Menschen hat dieser Prozess der Bilderzeugung etwas ungeheuer faszinierendes. Und schließlich gibt es immer noch Leute, die sich mit Daguerreotypie oder Bromöldruck beschäftigen – warum also nicht auch mit “gewöhnlicher” analoger Fotografie?
Und es gibt weitere gute Gründe, auf analoge Fotografie nicht zu verzichten:
Da sind die nicht wenigen Kollegen, die einfach keine Veranlassung sehen, die analoge Fotografie aufzugeben, so lange sie noch bezahlbar ist. Never change a running System – eine durchaus vernünftige Haltung, vor allem, wenn man vielleicht schon ein halbes Jahrhundert erfolgreich mit diesem System gearbeitet hat.
Da ist die Vorliebe für eine Kamera und mehr noch für ein Suchersystem: Wer es gewöhnt ist, seine Bilder im komfortablen Sucher einer Mittelformat-Meßsucherkamera zu finden, wird im digitalen Sektor nichts Vergleichbares bekommen.
Da ist die spezielle Optik und Haptik klassischer Analogprints, die viele künstlerisch arbeitende Fotografen bei der analogen Fotografie bleiben läßt. Bestimmte Kombinationen von Film, Aufnahmeformat, Objektiv, Entwicklung und Papier führen zu bestimmten, nur so erreichbaren Charakteristika des Prints – ähnlich wie in der Druckgrafik das Ergebnis davon abhängt, wie man mit der Kupferplatte oder dem Stein umgeht. Und wie dort ist auch in der Fotografie die durch Beherrschung des Handwerks erreichte Anmutung untrennbarer Bestandteil des Werks. Das läßt digitale Neuauflagen großer Fotografie oft so armselig erscheinen. Der Tintenstrahldrucker ermöglicht ganz eigene hervorragende Ausdrucksqualitäten; man sollte ihn nicht zur Simulation von Barytabzügen mißbrauchen.
Und last but not least:
Mit der Digitalisierung des Mediums schiebt sich eine weitere Abstraktionsebene zwischen Realität und Bild, verlieren wir einmal mehr ein Stück Unmittelbarkeit und Unabhängigkeit.
Konnte man mit einiger Erfahrung selbst einem Farbnegativ bei Betrachtung mit dem bloßen Auge noch relevante Informationen abgewinnen, so läßt sich das Paket aus Nullen und Einsen, in die die Digitalkamera das Abbild der Realität zerlegt, nur mit hochkomplexen Apparaten und Programmen wieder zu einem anschaubaren Bild zusammensetzen. Ohne diese Apparate und Programme, die zwar nach dem Willen ihrer Schöpfer für uns Schnittstellen zur Einflußnahme bereithalten, deren eigentliches Funktionieren zu durchschauen uns aber verwehrt ist, bleiben digital aufgezeichnete Bilder sinnlose weil nicht dechiffrierbare Texte. Dies sollten wir im stets Hinterkopf behalten, wenn wir uns ganz auf die digitale Fotografie verlassen.
Der Zugewinn, den uns die die Digitalisierung bringt, liegt zum einen in der Vereinfachung der Organisation und Distribution von Bildern – allerdings um den Preis einer ungewissen Datenhaltbarkeit.
Zum anderen ist durch die hohe Auflösung, den großen Belichtungsspielraum und das exzellente Rauschverhalten der neueren Kamerageneration und durch die Präzision der Bildbearbeitungswerkzeuge eine technische Perfektion zu erzielen, von der wir in der Dunkelkammer nur träumen konnten. Was nicht zwangsläufig, aber allzu oft dazu führt, daß Bilder vor lauter Perfektion nur noch langweilig aussehen.
Die Erkenntnis, daß man nicht alles tun muß, nur weil es möglich ist, ist offenbar auch bei Fotografen noch nicht übermäßig verbreitet. Daß Photoshop-Plugins, die “echtes” Filmkorn und die Farbabweichungen verschiedener Filmtypen simulieren, sich größter Beliebtheit erfreuen, sollte uns jedenfalls zu denken geben.

© Peter Oehlmann aus ‘Winterreise’







Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen, Herr Oehlmann. Eine wunderbare Bestandsaufnahme der aktuellen Situation.
Hallo
den Jubel um die Digifotografie teile ich nicht.Die Cameras sind 1.)arg teuer und 2.)Leute mit Digicam glauben sie hätten die Fotografie neu erfunden.
Die techn. Qualität meiner Bilder per Canon AE1/EOS10 waren früher gut und sind es heute auch noch.
Rechnet mal nach: für runde 600.-€, was eine Digicam kostet, kann ich locker mindi. 500 Filme (stck.2.-€)mit 36Bilder schießen. Grob sind das 180000 Fotos!! Rechne ich 3.-€ für 36 Prints ergibt das 1500.-€. Ok, eine hübsche Summe.
Bedenkt, 500 Filme ist eine menge Zeug. Die Mehrzahl der Hobbyknipser verbraucht im Jahr, wenn’s gut läuft, vielleicht 4 oder 5 Filme, das war’s.
Spätestens in 20Jahre wird die CD hinfällig sein. Und die Bilder?…..weg!!! Digiprints? genau so teuer wie vom Analogfilm.
Ergo? die Antwort mäge sich jeder slebst geben…
mfg
Die Rechnung geht meiner Meinung nach nicht auf. Welchen guten Film bekommt man für 2€? Und die 36 Prints für 3€ bekommt man auch nur beim Drogeriemarkt. Doch die Qualität ist oftmals sehr bescheiden.
Die direkte Kontrolle oder das relativ einfache Eingreifen bei der Entwicklung von digitalen Bildern sind schon Vorteile.
Ein guter Mittelformat, oder SW-Print bleibt in meinen Augen noch unerreicht.
Jeder sollte für sich das Beste suchen und damit arbeiten.
Grüße
Der Film ist immer noch ein tolles Aufnahmemedium. Aber deswegen Zwei-Euro-Filme und Zehn-Cent-Prints gegen den Preis einer mittelteuren Digitalkamera aufzurechnen ist nicht stichhaltig.
Auch Filme werden heute immer beim Finishing zunächst digitalisiert und dann geprintet. Das Licht-Durch-Negativ-Auf-Fotopapier-Feeling gibt es meines Wissens so nicht mehr. Das Schöne am digitalen Zwischenprozess ist heute, dass man auch als Fotograf bis zum Schluss Einfluss auf das Ergebnis nehmen kann.
Wer also Digital-Kamerasensoren nicht mag – und es gibt eine Menge Anhaltspunkte sie für unausgereift zu halten – der belichtet auf Film, scannt das Ergebnis ein und fertigt für das Finishing Druckdateien an. So lassen sich optimalste Ergebnisse erziehlen. I love it!
[...] einem der Fotografen der BerlinPhotoWorkshops zwei sehr spannende Interviews geführt haben ‘Nicht alles tun was möglich ist – analog vs. digital Fotografie‘ und ‘BerlinPhotoWorkshops – Interview mit Peter Oehlmann‘ … und wenn die [...]
[...] Nicht alles tun was möglich ist – analog vs. digital Fotografie. Frage an den Fotografen Peter Oehlmann zu diesem immer spannenden Thema [...]
Ein sehr interessantes Thema, das kontrovers diskutiert wird- bis zu dem Punkte der Erkenntnis,
dass nichts präziser als das sein darf, wie und was wir mit unseren eigenen Augen sehen.
Wenn Fotografien durch Bildbearbeitung geschönt werden, sind es Bilder und keine Fotos mehr.
Wenn also eine Technik dieses darstellen kann und den natürlichen Blickwinkel unserer Augen zeigen kann, ist ein Zoomobjektiv wie ein Kropf.
“…Präzision der Bildbearbeitungswerkzeuge eine technische Perfektion zu erzielen, von der wir in der Dunkelkammer nur träumen konnten. Was nicht zwangsläufig, aber allzu oft dazu führt, daß Bilder vor lauter Perfektion nur noch langweilig aussehen”
Die meisten Digi-Fotos sind Bilder, entstellt durch Automatiken und hinterher durch Selektion der ungeheueren Mengen an Bildmaterial nur noch nervig. Ich bin früh von der Digicam abgekommen -
weil weniger Fotos überlegtere sind!
Schönen Gruß von der Lahn…
Ist mir nicht erklärlich, wie hier große Vorteile der digitalen Kameras ausgelassen werden.
Iso->Kann beliebig gewählt werden ohne einen Film zu wechseln.
Ergebnis direkt zu sehen ->bei neuen Kameras mit 1 Megapixel Auflösung
Verlustfreiheit->beim Kopieren gehen keinerlei Informationen verloren. Wenn ich das mit dem einscannen schon höre…
RAW->wer in Raw fotografiert hat ein unbearbeites Foto
Weißabgleich->kann im nachhinein beliebig angepasst werden
Alleine das RAw bietet so viele Vorteile
Im übrigen muss man auch bei der digitalen Fotographie nicht den Dauerauslöser drücken. Das ist jedem selbst überlassen.
Haltbarkeit->da man die Dateien kopieren kann, erübrigt sich die Frage nach der Haltbarkeit von CDs. Jedes Medium hat außerdem eine Haltbarkeit!
Ich hab manchmal das Gefühl das Leute einfach nur nicht wissen, was in der digitalen Kamera abläuft und deswegen Angst haben.
Der bisher größte Nachteil der Digitalen Fotografie ist und bleibt das speichern bzw. archivieren.
Mit jeder Kopie einer Datei, mit jedem bearbeiten, egal wie simpel werden die Bilddaten modifiziert und dadurch evtl. beschädigt…
Eine CD/DVD hat eine haltbarkeit von ca. 50-80 Jahren…
Tatsächlich wäre ein so hochwertiges Speichermedium aber nur sehr Kostenintensiv herzustellen. Ergo sind CD/DVD aus dem Elektronikfachmarkt qualitativ nicht gerade hochwertig und vielleicht noch 10 Jahre zu gebrauchen.
Dadurch ergibt sich ein weiterer Nachteil: Die CD und DVD benötigt nach wie vor ein optisches Laufwerk was bedeutet das das Medium in Bewegung gerät, was zu kratzern, verfälschung, schlichtweg zur beschädigung führt.
Zukunftsträchtig wie teuer sind sogenannte SSD “Solid State Disks”.
Quasi Festplatten die auf der Bauweise eines “Flash-Speichers” basieren.
Allerdings kostest eine solche 200GB SSD ca. 300€ und ist somit nicht gerade für den Amateur erschwinglich…
soweit zum Technischen Aspekt.