15. April 2008 M.R. 0

Keiner träumt, was ihn nicht angeht

4. Triennale der PhotographieUlrike Klug habe ich auf der PICTA 2008 in Hamburg getroffen und wir haben diesen Beitrag für bildwerk3 verabredet. Es geht um Essen und um um Anschauen und um die wahrscheinlich vornehmste Aufgabe einer Galeristin: zu vermitteln. ‘kulturreich’ ist eine junge Hamburger Institution, die zwischen Wirtschaft und Kultur einen Interessenausgleich schafft: damit Räume frei werden für Künstler sich zu entwickeln und damit sich Räume gleichzeitig füllen, mit nichts weniger als Kunst.

Das Programm von ‘kulturreich’ zur Triennale kann man hier nachlesen; mein Favorit noch in dieser Woche: das Expertengespräch über „Food-Fotografie“ am Donnerstag mit Antje Elmenhorst (Bildredakteurin), Reinhard Hunger (Fotograf) und Volker Hobl (Food-Stylist).

bildwerk3 Fragen an Ulrike Klug

‚kulturreich’ steht für die Vermittlung von Wirtschafts- und Kulturinteressen. Ist eine Balance möglich, bei der niemand benachteiligt wird?
Das ist auf jeden Fall möglich, sofern im Vorwege die Zielrichtungen klar und deutlich zwischen Künstler und Unternehmen kommuniziert und vereinbart wurden. Insbesondere für Künstler, die der Betriebswirtschaft nicht so nahe stehen, ist es äußerst wichtig, sich umfassend zu informieren, um nicht vor den Karren gespannt zu werden. Andererseits müssen sich Unternehmen auch vor manchmal unverhältnismäßigen Forderungen seitens der Künstler schützen. ‘kulturreich’ baut als Schnittstelle Brücken, die beide Parteien betreten können.

© Markus Bassler / Anja Jahn
© Markus Bassler / Anja Jahn

Der Beitrag von ‘kulturreich’ zur Phototriennale ist ein kulinarischer und ein fotografischer. Viele Mäuse mit zwei Sorten Speck?
Provokant gefragt, auf die Idee könnte man natürlich kommen. Aber der Ansatz von ‘kulturreich’ beruht darauf aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu hinterfragen und erlebbar zu machen. Wenn man so will, nehmen wir erst den Medienzirkus der Kulinarik fotografisch und anschließend praktisch auseinander.

Es sind wunderbare sezierende Arbeiten entstanden, die zeigen, was sonst in der „Lecker Teller“-Fotografie ausgeblendet wird, eine Hommage an die alten Meister ist dabei und einiges zum Schmunzeln. Beim Anblick der Fotografien läuft einem nicht unbedingt das Wasser im Mund zusammen … und das ist ganz gut so… Jagen, Töten und Zerlegen von Tieren fallen ebenso wenig unter den Tisch, wie der Blick auf den restlichen inflationären Kulinarik-Hype. Dafür gibt es im ‘kulturreich Salon’ nebenan wirklich leckere Dinge zu sehen und zu kosten.

Muss man, um Kunst zu verkaufen, das Ereignis also gleich mitliefern?
Das denke ich nicht. Ich veranstalte allerdings keine puren Verkaufsausstellungen und bin da vermutlich die falsche Ansprechpartnerin. Eines ist aber sicher: Keiner träumt, was ihn nicht angeht. Aus diesem Grund gehen wir unsere Projekte grundsätzlich ganzheitlich an. Wir wollen die Relevanz der Ausstellungen und Kunstprojekte mit unseren Veranstaltungen untermauern und lebendig machen. Wie eben auch bei unserer aktuellen Ausstellung „Aufgetischt – fotografische Inszenierungen des Genusses“.

Wie wichtig ist Fotografie für ‚kulturreich’ und welche Rolle spielt Fotografie überhaupt im allgemeinen Kunstkontext?
Fotografie ist ein wesentlicher Schwerpunkt in unserer ‘kulturreich Galerie’, wir haben aber generell zeitgenössische Kunst im Blickpunkt und laden Künstler ein, die sich mit aktuellen Phänomenen auseinandersetzen, wie etwa unsere Eröffnungsausstellung mit den „Star shots 2“ von der Berliner Künstlerin Kathrin Günter, in der sie das abgekartete Spiel zwischen Star und Paparazzi mit Selbstinszenierungen thematisiert. Aber auch in der Projektarbeit für unsere Kunden kommt das Fotografie-Know how zum tragen. Wir engagieren uns zum Beispiel mit bei der diesjährigen internationalen Portfoliosichtung für Fotografen im Rahmen der Hamburger Phototriennale oder stehen dem Verlag Gruner + Jahr bei der Realisierung des neuen G+J photo award, dem Nachwuchspreis für Profifotografen, zur Seite.

Die Frage nach der Rolle der Fotografie im Kunstkontext zu beantworten würde wahrscheinlich den hier zur Verfügung stehenden Rahmen deutlich sprengen. Selbstverständlich spielt sie aber eine große Rolle und ist unlängst als Kunstform anerkannt, bereits im Zeitalter der Reproduzierbarkeit und auch jetzt im Zeitalter der Digitalisierung.

Wer am Donnerstag (17.04. um 19.00 Uhr) zu ‚kulturreich’ in die Wexstraße 28 kommt, kann bei einem Expertengespräch zum Thema ‚Food-Fotografie’ dabei sein. Was hat klassische Werbung mit Kunst zu tun? Ist es die Lust an Farben, Formen und an großen Formaten?
Erst mal hat es nicht wirklich viel miteinander zu tun, außer, dass sich die Werbung wie ein Trüffelschwein bei der Kunst bedient – ansonsten gilt: Werbung ist keine Kunst. Was aber nicht ausschließen soll, dass Werbefotografen nicht auch Künstler sein können … davon kann man sich in der Ausstellung ein deutliches Bild machen.

© Ulrike Holsten. Männer
© Ulrike Holsten. Männer

Hat sich der Umgang der Unternehmen mit zeitgenössischer Kunst und mit Kultur in den letzten, sagen wir mal zehn Jahren maßgeblich geändert?
Kultursponsoring hat Hochkonjunktur. Es zeichnet sich ein Trend der zunehmenden Instrumentalisierung von Kunst und Kultur ab. Unternehmen, die bewusst ihrem mäzenatischen Konzept treu bleiben, also nicht nach dem Return of Investment fragen, finden wird heute hingegen prozentual gesehen seltener. Die Zahl und der Umfang von unternehmerischer Kulturförderung sind hingegen in den letzten Jahren erfreulich gewachsen. Unternehmen nutzen die Kunstförderung gern zur Imageförderung und auch zum Aufpolieren des Markenprofils. Künstler und Kulturinstitutionen profitieren davon. Auch werden die Kooperationen immer experimentierfreudiger und erlebbarer für die Zielgruppen – ein Spezialgebiet von ‘kulturreich’.

Welche Rolle spielt die Größe eines Unternehmens?
Wenn die Größe eines Unternehmens eine Rolle spielt, dann schlägt sie sich vordergründig in der Professionalität der Projektarbeit nieder. Denn ob ein Unternehmen Kunst fördert oder nicht, darüber entscheidet nicht die Größe des Unternehmens, aber wie und was sie fördert: Ein Unternehmen wie Siemens oder die Deutsche Bank hat seine eigenen Experten und Kuratoren, die einen großartigen Job machen. Dann gibt es mittelgroße Unternehmen, deren Engagement vorbildlich und „echt“ ist wie etwa das des Deutschen Ring, der jetzt zum Beispiel aufgrund seines engagierten Kunstkonzepts „Dialog der Kulturen“ bei der „langen Nacht der Museen Hamburg“ teilnehmen wird.

Welche Funktion kann Kunst im unternehmerischen Umfeld haben?
Die Felder sind sehr facettenreich, von der hauseigenen Kunstsammlung über einen eigenen Austellungsraum, in dem man einerseits seine Kunden empfängt, aber auch gleichzeitig auf attraktive Weise die Öffentlichkeit erreicht. Am meisten schätze ich die Funktion der Kunst, wie Sie es nennen, als anregendes Medium zur Vermittlung von Visionen oder auch etwas Unaussprechlichem; Kunst kann eine Sprengkraft besitzen, mit der man Aufmerksamkeit schafft und Dinge bewegen, ändern kann. Unternehmen wollen auch etwas auf dem Markt bewegen. Mit der Auseinandersetzung von Kunst können Unternehmen ihre Mitarbeiter begeistern oder auch schulen. Auftraggeber von ‘kulturreich’ wollen neben all dem, was Kunst vermag aber eines erreichen: Identität schaffen. Aufgesetzte Veranstaltungen nur für schnelle Publicity braucht kein Unternehmen, das bewegen will und Visionen hat.

Ist Hamburg ganz generell ein gutes Pflaster für zeitgenössische Kunst?
Generell ja. Kommt gleich nach Berlin! (schmunzel) Für uns als Agentur für Kunst und Kommunikation ist Hamburg auf jeden Fall ein guter Standort. Hamburg ist nicht nur eine Hochburg von Mäzenen und kunstfördernden Unternehmen, sondern auch Hauptstadt der Fotografie, wie wir bei der derzeitigen 4. Triennale der Photographie erleben dürfen.

© Oliver Schwarzwald. Medienzirkus
© Oliver Schwarzwald. Medienzirkus

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