Bei Werbefotografie reden mir einfach zu viele Leute rein …
Sich ein Bild vom Menschen zu machen heißt für Norbert Michalke nicht etwas Inneres zu erforschen, was seiner Meinung nach auch nicht ginge, sondern Menschen in ihrer Stellung und ihrer Funktion zu zeigen – und dabei könne es ruhig auch symbolisch zugehen. Menschenportraits sind immer noch eine fotografische Königsdisziplin und wer Menschenbilder macht und sie so unverwechselbar macht wie Norbert Michalke, der hat als Fotograf einen krisensicheren Job.
Norbert Michalke lebt als freier Fotograf in Berlin und er ist auch ein Familienmensch. Er hat seine Karriere als erster fester Fotograf beim Stadtmagazin ‘Tip’ Mitte der Achtziger Jahre begonnen und arbeitet heute als ‘Freier’ für viele, deutschlandweit erscheinende Magazine.
Wir haben ihn zu seiner Arbeit als Fotograf, zum Verhältnis von Inspiration und Transpiration, zum noch jungen digitalen Fotografie-Zeitalter und zu seinen Zukunftswünschen befragt …

Bascha Mika, taz-Chefredakteurin © Norbert Michalke
Sie haben als Fotograf den Übergang von analogen zu digitalen Aufnahmetechniken als aktiver Profi miterlebt. Ein Prozess mit schönen oder eher mit nicht so schönen Erinnerungen?
- Oh ich liebte das sinnliche Gefühl, mit klopfendem Herzen einen Film aus dem müffelden Entwickler zu ziehen… Nein, im Ernst, ich sehe in der digitalen Fotografie ganz klare Vorteile: die sofortige Bildkontrolle ermöglicht es, während einer Fotosession viel mehr zu experimentieren und komplizierte Lichtsituationen in den Griff zu kriegen. Das war früher nur mit Polaroids möglich – und der entsprechenden Zeitverzögerung. Auch die Möglichkeit, ohne den Umweg durch das Labor die Bilder am Schreibtich zu bearbeiten ist bequemer (und gesünder).
Allerdings waren die ersten digitalen Spiegelreflexkameras ja erst mal ein Rückschritt: das Sucherbild war viel kleiner als bei analogen SLRs. Und es gab viel zu lernen: in der analogen Zeit gab es ja (abgesehen von der Filmsorte) eigentlich nur drei Parameter: Blende, Zeit, Entfernung. Heutige Kameras sind da viel komplexer: das Manual meiner neuen D3 ist ein Wälzer mit über 400 Seiten!
Und noch ein Nachteil: ich muss alle 2-3 Jahre meine Kamera (und meine Software und meinen Rechner) updaten, weil sich die Technik ständig weiterentwickelt. Das kostet viel Geld und nervt.
Sie haben Mitte der Achtziger Jahre Philosophie studiert. Gehört Nachdenken immer noch zu Ihren Hobbys?
- Ja.
Wer heute Mitte Zwanzig ist und es als Fotograf soweit bringen möchte wie Sie, was raten Sie diesem jungen Menschen?
- Nach meiner Fotografenausbildung beim Berliner Lette-Verein habe ich, obwohl ich in den Magazin-Journalismus wollte, erstmal alles an Jobs gemacht, was ich kriegen konnte, angefangen beim Passbildstudio über Hochzeitsbilder bis zu Fernseh-Standfotos. Zu lernen gab es überall was – und wenn ich nur gelernt habe was ich NICHT will. Ich glaube, es ist wichtig, sich klar zu machen, wo man hin will. Da gibt es ja von Pressekonferenzen bis Möbelkataloge schon kommerziell ein breites Spektrum.
Anfangs ist es auch bei kleinen Aufträgen wichtig, ein Foto nicht nur so gut zu machen, daß es dem Auftraggeber gefällt, sondern sogar so gut, daß es was fürs Portfolio ist. Bei der Suche nach Auftraggebern sollte man darauf achten, Bilder zu zeigen, mit denen der Kunde etwas anfangen kann. Als ich mal vorübergehend als Bildredakteur bei einem Solarstrommagazin gearbeitet habe, gab es Fotografen, die sich mit Aktfotos beworben haben. Das geht natürlich gar nicht.
Hatten Sie selbst Vorbilder, als Sie begonnen haben zu fotografieren?
- Ein Vorbild zu haben heisst ja, so werden zu wollen wie jemand anderes. Das konnte und wollte ich nie. Aber es gibt Fotografen, deren Arbeit ich (immer noch!) sehr bewundere: zum Beispiel Arnold Newman, Annie Leibowitz, Yuosuf Karsh, Gjon Mili, Jim Rakete.
Von Ihnen war einmal zu lesen, ein gutes Foto sei zu zehn Prozent Inspiration und zu neunzig Prozent Transpiration. Schwitzen Sie immer noch soviel beim Arbeiten?
- Naja, der Spruch ist erstens nicht von mir (sondern so ähnlich von T.A. Edison) und zweitens etwas anders gemeint. Für ein gutes Bild braucht es mehr als eine gute Idee: das passende Umfeld, die Technik muss stimmen, und die Leute müssen auch mitmachen.
Das Bild von Frank Bsirske auf dem Dach des VerDi-Gebäudes zum Beispiel brauchte tagelange Vorbereitung: vorherige Location-Besichtigung, bibbern, daß das Wetter in dem angepeilten 15 Minuten-Zeitfenster brauchbar ist, viele Meter Stromkabel legen für die Studioblitzanlage, und eine unerschrockene Assistentin, die ohne Geländer und trotz Gewitterböen das Hazy festhielt. Und dann musste Bsirske noch überredet werden, auf der Schiene zu balancieren …

Frank Bsirske, VerDi-Chef © Norbert Michalke

Michael Frenzel, Vorstand der TUI AG © Norbert Michalke
Ist Konkurrenz unter Fotografen für Sie ein Thema oder stehen Sie da drüber?
- Ich schaue natürlich, was andere Fotografen machen, aber meist habe ich genügend Aufträge, um Neid nicht aufkommen zu lassen.
Mit szenischen Portraits sind Sie als Fotograf bekannt geworden. Welche Ihrer persönlichen Eigenschaften hat Sie ausgerechnet zur inszenierten Fotografie mit Menschen geführt?
- Es hat mich immer gereizt, spannende Fotos zu machen, und am spannendsten finde ich andere Menschen. Und da gibt es ja auch viel zu entdecken: den Oberarzt mit der Modellbahnanlage auf dem Schreibtisch und den Institutsleiter, der zwischen 2 Meter hohen Papierstapeln arbeitet.
Beim Fotografieren versuche ich immer nett und eher diskret zu sein, den oder die zu Fotografierende/n als Individuum zu sehen und ihm nicht zu nahe zu treten. Es handelt sich ja schliesslich nicht um Models, sondern um “echte Menschen”! Außerdem kann ich recht schnell arbeiten. Das kommt der Tatsache sehr entgegen, das die Menschen, die ich fotografiere, meist wenig Zeit (und manchmal auch nicht viel Lust) haben, sich fotografieren zu lassen.
Szenische Portraits bedeuten in erster Linie, das man sich ein Bild macht. Können Sie die Bildentstehung anhand eines besonderen Beispiels beschreiben?
- Wenn ich für ein Magazin Menschen fotografiere, dann habe ich nicht den Anspruch, ihr tiefstes Inneres in einem Bild darzustellen. Das geht meiner Meinung nach sowieso nicht, denn immer spiegelt sich in einem Foto ja überwiegend die Interpretation des Fotografen. Mir geht es eher darum, sie in ihrer Stellung oder Funktion zu zeigen. Das kann dann auch schon mal etwas symbolisch werden. Dass der Gravitationsforscher Yanbei Chen in der Luft zu schweben scheint oder der Architekt Hans Kollhoff mit seinen Häusern zu sehen ist, ist da naheliegend. Da ist es natürlich wichtig, daß ich vor einem Fototermin mir mal anschaue, wen ich da eigentlich fotografiere. Dabei kommen mir oft schon Ideen, wie das Foto aussehen könnte. Viele Motivideen ergeben sich aber auch spontan vor Ort, und das ist es, was ich an der journalistischen Arbeit liebe. Deshalb habe ich mich nie besonders für Werbefotografie interessiert, da reden mir einfach zu viele Leute rein. Am liebsten ist mir, wenn der Kunde einfach sagt: “geh da hin und mach schöne Fotos!”
Das Portrait von Klaus Töpfer entstand zum Beispiel auch in ziemlicher Zeitknappheit. Nach dem Interview hatte er eigentlich keine Lust mehr, nahm sich aber dann doch noch ein paar Minuten Zeit zum fotografieren. Zum Glück fand ich in dem Hotel diese Edelstahlwand mit dem Pflanzenkübel davor, denn ich hatte erfahren, daß Töpfer als UNO-Kommissar einen ziemlich mühsamen Kampf für den Naturschutz führte. Damit hatte ich also mein Symbolbild.

Klaus Töpfer, Leiter des UN-Umweltprogramms © Norbert Michalke
Aus unseren Standardfragen: Wen möchten Sie gern einmal fotografieren? Wo möchten Sie gern einmal ausstellen?
- Es gibt niemanden, den ich unbedingt fotografieren möchte. Oft ist es bei meinen Auftragsarbeiten ja auch so, daß es ganz anders kommt als ich dachte: Die “Diva” entpuppt sich als nett und sympathisch, und mancher “normale Mensch” stellt sich als schrulliger Problemfall heraus. Insgesamt sind aber Fototermine mit “normalen Menschen” oft stressfreier als mit Promis.
Über eine Ausstellung habe ich noch nie ernsthaft nachgedacht; mir ist es lieber, meine Bilder schön gedruckt zu sehen.
Apropos Bildagenturen: eine Option für schlechte Tage?
- Ich glaube, es ist richtig, auf den veränderten Markt zu reagieren. Früher gab es mehr Aufträge (und weniger Fotografen). Durch die weltweite schnelle Verfügbarkeit von Bildmaterial ist es für Redaktionen viel leichter als früher, sich Fotostrecken aus Agenturbildern zusammenzustellen. Zum Glück gibt es aber natürlich immer noch genug Gründe, Fotografen zu beauftragen. Sei es, daß der Kunde die Bilder exklusiv haben möchte, eine bestimmte Bildsprache sucht oder aber auch kein Bildmaterial zu dem gesuchten Thema existiert.
Ich nutze Bildagenturen bisher nur zur Weiterverwertung von bereits produzierten Fotos. Bilder ohne Auftrag zu machen ist nicht so mein Ding, aber ich kenne Fotografen, die damit sehr erfolgreich sind.
Fotografie und Norbert Michalke in fünf Jahren?
- Ich hoffe, daß ich weiterhin genügend Aufträge habe, um mich und meine Familie davon ernähren zu können – und daß es mir immer noch Spaß macht!

Hans Kollhoff, Architekt © Norbert Michalke

Elisabeth Pähtz, Junioren-Weltmeisterin im Schach © Norbert Michalke







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