Schöne Bilder machen reicht nicht mehr aus …
Beim Fotojournalismus, wie er an der Fachhochschule in Hannover gelehrt wird, geht es im Kern um ‘wirklichkeitsbezogene Fotografie’: das Medium wird dabei als Mittel zur Auseinandersetzung mit der Außenwelt verstanden – ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Und es geht auch um Interpretation, um einen Standpunkt zum fotografierten Objekt und zur fotografischen Technik. Die FH in Hannover zählt dabei zu den besten ‘Fotografenschulen’ Deutschlands mit guten Kontakten zu vielen überregionalen Publikationen.
Noch bis zum 15. März 2008 besteht die Möglichkeit, sich an der Fachhochschule Hannover für die Studienrichtung Fotojournalismus mit einer eigenen Mappe zu bewerben. Alles Wichtige zu dieser Mappe, zum Bewerbungsvorgang ist auf der Seite für Bewerber nachzulesen. Wer das Interview dort mit Professor Nobel genau liest und alle Empfehlungen befolgt, hat gute Chancen zu einem Gespräch eingeladen zu werden.

Wir haben mit Professor Nobel über anspruchsvollen Fotojournalismus heute und über die Grenzen der digitalen Bildbearbeitung, die für den Fotojournalismus gelten müssen, gesprochen …
unsere Fragen an Professor Rolf Nobel
Am 15.03.2008 endet die Anmeldefrist in der Studienrichtung Fotojournalismus an der Fachhochschule Hannover. Wie viele Studienplätze werden für das Wintersemester 2008/2009 vergeben?
Die genaue Zahl steht noch nicht fest, aber es werden wohl um die 26 Studenten sein.
Sie schauen in jedem Jahr in über einhundert Mappen, bevor Sie Bewerber zur Zugangsprüfung einladen. Welches ist der häufigste Grund, wenn Bewerber nicht für den nächsten Bewerbungsschritt ausgewählt werden?
Die Bilder sind inhaltlich an der Wattehattedudeda-Fotografie der Amateurfotografie orientiert und die Bewerber scheinen mir nicht am Geschichtenerzählen interessiert zu sein.
Die Auflagenzahlen von Magazinen und Zeitschriften sinken, das Anzeigenaufkommen geht zurück; daneben sehen wir eine wachsende Zahl erfolgreicher Onlinepublikationen und aufgeklärte Leser oder auch Betrachter, die sich ihren Input aus unterschiedlichen Veröffentlichungen selbst zusammenstellen. Stehen wir am Beginn einer medialen Epochenwende?
Nein, daran glaube ich nicht und es stimmt auch so nicht ganz. Bildorientierte Magazine wie GEO und stern sind in der Auflage seit langem ziemlich stabil. Das deutsche National Geographic und mare sind vor einigen Jahren dazugekommen. Printmedien werden ihre Bedeutung behalten, wenngleich auch in veränderter Form. Andererseits erschließt sich den Fotografen mit dem Internet ein zusätzlicher Markt. Dort, so glaube ich, gibt es für Fotografen in den nächsten Jahren vor allem mit Podcast-Produktionen einen neuen Markt. Denn bald wird damit auch Geld zu verdienen sein und vor allem bietet es eine Möglichkeit, längere Geschichten zu erzählen.
Denken Sie, das alternative und multimediale Präsentationsformen den Wegfall ganz kompensieren können? Siehe vorherige Antwort.
Haben gute Fotoreportagen und Fotoserien die Zeit brauchen und Geld kosten noch eine Chance, sich außerhalb eines Fachpublikums zu behaupten?
Insgesamt ist die Seitenzahl in den Printmedien, auf denen früher ambitionierte Reportagen zu sehen waren, sicherlich zurückgegangen. Und auf der anderen Seite sind die entstehenden Reportagen durch die Digitalfotografie und das World Wide Web besser und schneller auf der ganzen Welt anzubieten. Dadurch erhöht sich in den Redaktionen die Zahl der Angebote bei gleichzeitig geringerer Nachfrage. Das macht die Veröffentlichung in Printmedien schwieriger. Noch bietet das Internet leider keinen – vor allem finanziellen – Ausgleich dafür. Und gute Buchverträge bekommt man für solche Projekte auch immer weniger. Und wenn man doch ein Verlag ein Buch davon druckt, dann kommt die Auflage selten über 2000 Exemplare, was für ein aufwendiges Projekt viel zu wenig Honorar bringt.
Hätte jemand wie Cartier Bresson heute eine Chance, als Fotojournalist Fotografiegeschichte zu schreiben?
Solche Fragen sind rein akademischer Natur. Aber sei´s drum: Mit seinen damals gemachten Bildern wahrscheinlich nicht. Denn die Fotografie hat sich entwickelt, der Bildstil verändert und die Konkurrenz ist heute viel größer. Projiziert man seine damalige Leistung und sein Gefühl für den richtigen Moment aber auf die heutige Zeit, dann könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass er auch jetzt herausragend fotografieren würde.
Wie müssen Fotografenpersönlichkeiten heute ‘gebaut’ sein, um dem Schicksal wie das von Wilfried Bauer zu entgehen?
Ich kannte Wilfried Bauer nur sehr oberflächlich. Aber nach allen Urteilen derer zu schließen die ihn kannten, war er ein sehr verschlossener, introvertierter Mensch. Wahrscheinlich besaß er einige der Eigenschaften nicht, die ein Fotograf neben dem fotografischen Können besitzen muss: Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Selbstvermarktungsfähigkeit. Schöne Bilder machen reicht längst nicht mehr aus. Und anpassen wollte und konnte Wilfried Bauer sich dem veränderten Markt offenbar nicht. Wenn man aber ökonomisch zurecht kommen will, dann muss man das häufig tun.
Die Arbeitswirklichkeit vieler Fotoreporter sieht heute so aus, das in hoher Geschwindigkeit Bildmengen eines Ereignisses ausgewählt, sortiert, beschriftet und zeitnah in die Datenbanken der Bildagenturen geschaufelt werden müssen. Wie wird diese Wirklichkeit in der Ausbildung, im Studium berücksichtigt?
Wir haben in Hannover eine sehr praxisorientierte Ausbildung. Das beginnt mit dem zweisemestrigen Kurs Kurzzeitreportagen, in dem die Studenten alle zwei Wochen eine Reportage präsentieren müssen. Dazu kommen Auslandsreportagen im Rahmen von Exkursionen, Buchprojekte im In- und Ausland, Vorträge von Leuten aus der Praxis, Drittmitteljobs für Unternehmen und Stiftungen unter professionellen Bedingungen und das Praktikumssemester. Gerade das Praktikum bringt sehr viel. Bei der F.A.Z. zum Beispiel, mit der wir seit langer Zeit wunderbar zusammenarbeiten, werden die Studenten wie Profis eingesetzt – mit den gleichen Jobs im In- und Ausland, den gleichen Zeitzwängen und auch dem gleichen Bildhonorar. Das professionalisiert sie enorm. Solche Bedingungen können wir im Rahmen eines Studiums als Hochschule gar nicht anbieten. Und dabei lernen sie all die Fähigkeiten, die man als Fotojournalist heutzutage braucht: Recherche, das Schreiben von Angeboten und Bildtexten, das Fotografieren und das Editing der Bilder.

Angesichts der Möglichkeiten, die die digitale Bildbearbeitung jedem Fotografen zur Hand gibt, wird immer wieder gefragt, wie viel Bildnachbearbeitung im Bildjournalismus erlaubt sein kann. Gibt es Ansätze einer für alle nachvollziehbaren Regelung?
Unabhängig von der Frage, ob sich der dokumentarische Wert eines Bildes verändert, wenn man Dinge aus dem Bild entfernt oder hinzufügt, gilt für mich der Grundsatz, dass alle Bearbeitungen zulässig sind, die wir früher auch analog gemacht haben, also die Bestimmung der Gradation, das Nachbelichten und Abwedeln. Und auch das Entzerren von Bildern halte ich für legitim, da man das Ergebnis auch bei Verwendung eines Shiftobjektives erzielen könnte. Mehr sollte nicht erlaubt sein. Denn sonst würden wir eine Tür aufstoßen, die uns keine Sicherheit mehr gibt, dass sich das Geschehen physisch überhaupt so ereignet hat, wie es sich in der Fotografie darstellt. Und da hilft denn auch kein Katalog, der aufführt, was man darf und was nicht. Denn das ist nicht in vollem Umfang zu katalogisieren. Deshalb muss diese Tür im Journalismus kategorisch zubleiben.
Brauchen wir das unbearbeitete Bild, um mit Fotos Geschichten authentisch zu erzählen?
Wie schon gesagt, halte ich die kategorische Ablehnung von Bildbearbeitung nicht für notwendig. Aber die muss eben die genannten klaren Grenzen haben. Sonst wird die journalistische Fotografie unglaubwürdig. Und bei allem subjektiven Gestaltungsspielraum des Fotografen: der Leser sollte zumindest sicher sein können, dass sich das Fotografierte tatsächlich physisch so abgespielt hat wie fotografiert.
Wo sind die Schnittmengen einer Fotografie als Reportage zur Fotografie als Kunst? Gibt es überhaupt welche?
Edward Steichen, selbst Fotograf und lange Jahre der Kurator des Museums of Modern Art, hat einmal gesagt: „Als ich mich der Fotografie widmete, war es mein Wunsch, sie als Kunst anerkannt zu sehen. Heute würde ich für dieses Ziel keinen Pfifferling geben. Die Aufgabe des Fotografen ist es, den Menschen dem Menschen zu erklären und ihm zur Selbsterkenntnis zu verhelfen.“ Und diese Aufgabe – dem Menschen den Menschen zu erklären – erfüllen gute journalistische Fotografien, und manchmal auch solche, die im Kunstkontext entstehen. Es gibt aber viele Kunstfotografen, denen es im Gegensatz dazu nur um den Blick ins eigene Innere geht. Diese Haltung interessiert mich nicht. Überhaupt ist für mich die Kunstdefinition ein Buch mit sieben Siegeln. Ein Beispiel: Als Luc Delahaye noch Magnum-Fotogaf war, interessierte man sich in der Kunstszene nicht für seine Kriegsfotos. Kaum einer der Kuratoren kannte seinen Namen. Nachdem er dann dem Fotojournalismus den Rücken kehrte und sehr ähnliche Fotos mit der 6×12cm-Kamera fotografierte und sie riesengroß aufblies, war der Kunstmarkt entzückt von seiner Arbeit. Absurd!
Wir bedanken uns für dieses Interview.







Das war nicht zuviel versprochen. Wieder mal ein klasse super Text. Ein bißchen akademisch (wer kommt bloss auf solchen Fragen!) für meinen Geschmack, aber dennoch irgendwie hilfreich, weil man erfährt, was es noch für Sorten von Fotografie gibt und das die anderen Wattehattedudedas sind.
… vielen, vielen Dank für das Kompliment! … das mit dem ‘zu akademisch’ nehmen wir mal ernst und versprechen uns zu bessern.
Ein tolles Interviews, besonders wo ich mich grade in Hannover bewerben will…
Danke für die Tipps…
Vielen Dank … wir drücken mal die Daumen und wünschen toi, toi, toi …
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so eine dumme sache eyyyyy
Versteh grad nicht (?) …
Wieder mal ein schönes Interview.
Ohne nun ein Grammatik-Fetischist zu sein, stören mich immer öfter die massiven Rechtschreibfehler. Redigiert denn keiner die Texte bevor sie online gehen?
Vielen Dank für den kritischen Hinweis. Ich habe den Text noch einmal allein unter diesem Aspekt gelesen – und lediglich zwei unglückliche Buchstabendreher herausgefischt und korrigiert, weswegen mir das Urteil ‘massiv’ ein wenig überzogen scheint …
Zugegeben, die Texte hier sind lang und manchmal ist nicht genug Zeit mit ganzer Aufmerksamkeit noch einmal eine Korrektur zu lesen. Sorry dafür … Wer an der Stelle helfen kann, ist herzlich willkommen.
natürlich reichen gute fotos nicht aus, grade als fotograf gibt es kaum etwas wichtigeres als der bekanntheitsgrad…
am anfang kann man zwar mit guten fotos punkten, aber ab einem bestimmten punkt, kommt es nurnoch darauf an leute zu kennen… den seien wir mal ehrlich: auch ein helmut newton hat “nur” fotos gemacht. die unterschiede sind hauchdünn und auch geschmackssache.
deshalb immer die promotion im kopf behalten
Ich fand es nicht zu akademisch. Die Fragen haben genau dem entsprochen,
was ich mir von dem Interview erwartet habe.
vielen dank für das interview,
sehr informativ!