Kathrin Günter: star shots 2. Auf der PICTA 2008.

PICTA 2008Inszenierte oder zufällige Momente der Bloßstellung: Kathrin Günter spürt ihnen nach und findet sie gedruckt oder ins Netz gestellt und baut sie zum eigenen Foto, inzeniert sie neu. Dabei ist sie selbst immer zugleich Objekt und Fotografin in einer Person.

So entstehen faszinierend künstliche Fotografien, deren Fokus auf einer der vielen kribbelnden Varianten der Entblößung liegt und deren Reiz die Illusion der Entdeckung ist. Kathrin Günter wendet ein, das solche Fotos, wie sie sie als Rohmaterial verwendet und die heute millionenfach publiziert werden, teilweise das Ergebnis absichtlicher Zurschausstellung sind: eine Art Agreement zwischen Star und Fotograf zum gegenseitigen Vorteil. Der Star ist nichts ohne den Fotografen und der Paparazzi nichts ohne den Star. Kathrin Günter spricht vom: ‚konspirativen Eskortieren mit gegenseitigem Einverständnis‘

Ihre Fotos haben mittlerweile Eingang gefunden in deutsche und internationale Kunstsammlungen und werden regelmäßig ausgestellt. Darüber, über Berlin und ihre neue Serie haben wir mit Kathrin Günter gesprochen. ’star shots2′ wird auf der PICTA 2008 in Hamburg groß (125×85 Zentimeter) zu sehen sein … Bitte nicht berühren! (Kathrin Günter wird durch Kulturreich, Agentur für Kommunikation und Kunst in Hamburg vertreten.)

Kathrin Günter: star shots 2

unsere Fragen an Kathrin Günter:

Ihre Fotografien aus der Serie ’star shots 2′ auf der PICTA 2008: Was erwarten Sie von diesem Aufeinandertreffen von Kunst und Kommerz?
Ich lass mich überraschen und bin zu allen Schandtaten bereit! Ich habe bestimmt kein Problem mit Kommerz …

Gibt es für die Bilder eine festgelegte Reihenfolge oder steht jedes Foto für sich?
Nein. Eine festgelegte Reihenfolge gibt es nicht. Jedes Foto kann für sich alleine stehen und die Reihenfolge der Bilder in einer Ausstellung beispielsweise erfolgt rein intuitiv und immer wieder neu.

Zur Gewissheit: Auf den Fotografien sind Sie immer selbst zu sehen?
Ja, ich glaube schon. Oder? Manchmal wäre ich es vielleicht lieber nicht …

Glauben Sie, das Ihre Serie von Männern und von Frauen gleich wahrgenommen wird?
Da habe ich mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken drüber gemacht. Aber wenn ich jetzt mal so drüber nachdenke, dann konnte ich auch bisher noch keine auffälligen Unterschiede bezüglich der Warnehmung feststellen.

Kathrin Günter: star shots 2
© Kathrin Günter

Worin besteht für Sie der Reiz solcher Art von Nachstellungen: Ist es der Fingerzeig und die Anklage einer gesellschaftlichen Unart oder die Spielerei mit einem fremden Sujet?
Ein Fingerzeig … auf die Medien, die sogenannten Stars oder etwa die Leser?

Ich selbst „frühstücke“ täglich mindestens 5 Gossip Blogs … natürlich ausschließlich als Recherche für meine künstlerische Arbeit … räusper.

Anklage nein, Fingerzeig vielleicht, am ehesten Spielerei? Vielmehr passt dieses sehr offensichtliche und öffentliche Medium der sogenannten ‚Yellow press‘, ‚Prensa rosa‘ oder ‚Klatsch-Presse‘ nur allzu treffend zu der etwas versteckteren und nicht ganz so offensichtlichen Seite meiner Arbeit: nämlich die Thematik des Beobachtens und Beobachtet werdens, auf die ich allerdings mehr in der nächsten Frage eingehen werde.

Das Interessante für mich jedoch hierbei – konkret zum Thema Paparazzi – ist, dass alles ein perfekt arrangiertes Zusammenspiel beider Seiten ist – der Paparazzi und der sog. Stars (ich nenne es konspiratives Eskortieren mit gegenseitigem Einverständnis), was auch als eine Art Improvisationstheater aufgefasst werden kann. Jeder weiß von der Anwesenheit des Anderen, jeder hat seine Rolle, und die Handlung kommt ganz von alleine im täglichen Miteinander.

Ein Schauspiel bei dem es Protagonisten und Regisseure gibt, eine Bühne – sprich Presse – und Internetmedien – und zu guter Letzt das Publikum, den Leser.

Der Grad der Gegenseitigkeit in diesem (Zusammen-) Spiel ist so schmal. Wer bedient wen oder was? Paparazzi und Star beliefern die Presse mit dem skandalgeheuchelten Material, die Presse interpretiert und manipuliert es, gibt es weiter an ihre Leser, welche, ihrerseits wiederum dadurch beeinflusst sind, wen oder was sie sehen, ihre eigenen Interessen beeinflussen und dadurch schließlich den Grad der ‚Berühmtheit‘ der jeweiligen Favouriten schleifen, was dann wiederum als Feedback zur Presse und somit zu den Paparazzis zurückgeworfen wird, und so weiter.

Es gibt in diesem Zusammenhang ja auch noch das sogenannte Reality TV in vielfachen Variationen. Eine Variation ist die, bei denen die ‚Celebrities‘ (ich suche immer noch nach einem Ausdruck für ‚Celebrity‘ oder ‚Star‘) direkte, ganz ‚reale‘ Einblicke in ihr Privatleben geben, meist unter dem Deckmantel eines bestimmten Mottos. Entweder machen sie ein Motel auf, ‚Inn Love‘ beispielsweise wie Tori Spelling und ihr Ehemann (Wer war das noch gleich?), oder es handelt sich um die Dokumentation eines spektakulären Umzugs von London nach L.A. à la Victoria und David Beckham. Das Ganze hat natürlich so wenig mit Realität zu tun wie die abwesende Unterhose einer Britney Spears mit Unvorsichtigkeit, sondern vielmehr mit der Absicht eine Aufmerksamkeit zu bekommen, die man ohne dieses Spektakel eben nicht, jedenfalls nicht in demselben Maße, bekommen würde. Und letztlich ist es eben genau diese Aufmerksamkeit, die – vielleicht nicht alle – aber einen Großteil der sogenannten Stars am Leuchten erhält, sprich im Rampenlicht.

Daher ist es wohl eher die Ironie, auf die meine Bilder abzielen, auf diesen ewigen konstruierten, manipulierten und irgendwie ja auch jämmerlichen Skandal, der anscheinend dennoch für alle drei Parteien, Paparazzo – Objekt und Leser sehr brisant und aufregend zu sein scheint. Na und wenn schon nicht aufregend, dann zumindest lukrativ. Und lukrativ deswegen, da viele Magazine immer noch Unsummen zahlen um exklusiv Photos drucken zu können.

Kathrin Günter: star shots 2
© Kathrin Günter

Es sind immer Momente der Bloßstellung. Gibt es neben der Lust des Betrachtens auch eine Lust des betrachtet werdens?
Der Reiz liegt dabei ganz genau in dieser Thematik. Die Thematik des Beobachtens (Betrachtens) und Beobachtet (Betrachtet) werden, die Inszenierung und ihre Manipulation; wie man sich inszeniert bzw. wie man sein Verhalten verändert, wenn man merkt oder sich einbildet, dass man beobachtet oder betrachtet wird. Schlicht das Gefühl beobachtet zu werden, alleine, oder in einem Raum voller Menschen, erzwingt eine Inszenierung. Diese, für die vermeintliche Außenwelt beabsichtigte Inszenierung jedoch, hat im Endeffekt für niemand anderen Brisanz als für den eigenen, inneren Beobachter. Also für mich selbst. Das Bild, was bei dem äußeren Betrachter ankommt, kenne ich nicht, denn es kommt immer ein anderes Bild beim Beobachter an als das, welches man von sich geben möchte. Jeder sieht von einem anderen Blickwinkel aus, von einer anderen Perspektive und erlangt somit eine andere Interpretation von diesem Bild.

Ich spiele diese ganze Inszenierung, die eigentlich für den vermeintlichen äußeren Beobachter beabsichtigt ist, im Endeffekt nur mir selber vor. Der Kontext dieser Arbeit liegt also darin, dass für mich der vermeintliche Beobachtete, das sogenannte „Beobachtungsopfer“, im Endeffekt auch gleichzeitig der Beobachter ist, – es ist ein und dieselbe Person: Ich selbst. Ich bin stets auf die Konstruktion meines eigenen Bildes, welches ich von mir zeigen möchte, konzentriert.

Und ich manifestiere dies an dem Beispiel des sich stets aufs Neue inszenierenden Stars. Der stete Drang, ein Bild von sich abgeben zu wollen oder zu müssen, eine Rolle zu spielen und dem steten Druck einer breiten und durchaus gnadenlosen Öffentlichkeit, aber auch seinem eigenen Druck, eben diese Öffentlichkeit mit einem Bild bedienen zu wollen, ausgesetzt zu sein. Und schließlich die Manipulation dieses Bildes durch die Presse und Öffentlichkeit.

Meine heimliche Inszenierung ist somit eine Kopie oder Interpretation einer öffentlichen, inszenierten Situation, welche jedoch unter dem Deckmantel einer mehr oder weniger skandalösen Entlarvung als sogenannte ‚Aufdeckung der Realität‘ nach Außen formuliert wird.

Haben Sie einmal daran gedacht, Schauspielerin zu werden?
Ehrlich gesagt, nein. Das Talent dazu hätte ich allerdings manchmal schon ganz gerne. Vielleicht eher Popstar?

Wo haben Sie die Vorlagen für Ihre Motive gefunden?
Meine Inspirationsquellen der neuen ‚Star shots‘ Serie sind einerseits Gossip Blogs aus dem Internet, wie zum Beispiel x17online.com, thehollywoodgossip.com oder thesuperficial.com und ferner aus englischen Magazinen wie ‚Ok!‘ und ‚star‚.

Sie leben heute in Berlin. Was bedeutet das für Ihre künstlerische Arbeit?
Abgesehen davon, dass Berlin immer noch einer der wenigen Großtädte ist, die es einem erlaubt mit sehr wenig Geld immer irgendwie über die Runden zu kommen, und ich Berlin jeden Monat ein bisschen mehr lieb habe, könnte ich mir genauso vorstellen woanders zu wohnen: Helsinki, London, New York, Tokyo, Reykjavik …

Ihre Arbeiten werden mittlerweile von Museen und großen Sammlungen angekauft. Lebt man damit als Künstlerin ruhiger?
Ein ständiges auf und ab, würde ich sagen. Und ausschliesslich darauf verlassen kann ich mich leider jedenfalls lange noch nicht. Existenzängste gibts immer wieder. Ich arbeite hauptsächlich mit dem Medium Fotografie und zwischendrin hangele ich mich von einem dubiosen Nebenjob zum nächsten. Wenn man da nicht ständig eine Förderung, Sponsor oder aber eine solide Geldquelle zur Verfügung hat, um die Ergebnisse in meiner Lieblingsgröße zu drucken, kann das hin und wieder zu durchaus längeren Produktionstälern führen.

Manchmal bin ich neidisch auf andere künstlerischen Medien, die viel unmittelbarer und auch preiswerter sind. Aber das hab ich mir ja selbst so ausgesucht. Im Englischen gibts da einen sehr treffenden Satz: ‚You’ve made your bed, now lie in it.‘ …aaaargh! (Den Satz ertrage ich wahrscheinlich nur so gut, weil er auf englisch ist …)

Wer macht Ihre Prints und mit welchem technischen Verfahren?
Die jetzige Serie wurde zu einem großen Teil von PPS in Hamburg gesponsert und daher natürlich auch bei PPS gedruckt. Es handelt sich dabei um großformatige (125 x 85 cm) Lambda Prints, bei denen meine digitalen Vorgaben via Laser auf photosensitives Material belichtet werden.

Kathrin Günter: star shots 2

Kathrin Günter: star shots 2
© Kathrin Günter

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

4 Kommentare

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