Politisches Statement eines Fotografen
1968(?) – ist lange her und liegt irgendwo auf der Hälfte der Zeitachse zwischen dem ‘Zweiten Weltkrieg’ und heute. Keine Zeit aber scheint noch immer die Gemüter der Lebenden so zu bewegen, wie diese kurze aufgewühlte, aufwühlende Episode. Später Geborene blicken manchmal etwas neidisch …
Die Stars von damals aber sind heute betagte Leute und im Berliner Amerikahaus in der Hardenbergstraße wird seit heute ihrer gedacht. Die Ausstellung erinnert an die Studentenbewegung und die Jugendrevolte von 1968 in Berlin und zeigt eine umfangreiche Werkschau des Fotografen Günter Zint. Der war zu dieser Zeit, seiner Zeit, überall dabei und gilt als ihr fotografischer Chronist. Bis zum 31.05.2008 wird ‘68 – Brennpunkt Berlin’ unweit vom Bahnhof Zoo in Berlin mit einem umfangreichen Begleitprogramm zu sehen sein.

Günter Zint: Berlin 1968
Wir haben mit Günter Zint über die Ausstellung und die Zeit gesprochen und ein politisches Statement bekommen, das wir hier auszugsweise veröffentlichen. Der in der Nähe von Hamburg lebende Fotograf ist noch heute ein durch und durch politischer Mensch und sein Text nimmt keinerlei Bezug zu seiner fotografischen Arbeit. Dieser Text spiegelt nicht die Meinung der Redaktion:
Gedanken zu der Ausstellung von Günter Zint
„68 Brennpunkt Berlin“
I had a dream…..! (Martin Luther King 1968)…. wir hatten millionenfache Träume in den aufregenden Sechziger Jahren.
Hätte mir in diesen Jahren jemand erzählt, daß in den Neunziger Jahren wieder Minderheiten gejagt und getötet werden und daß faschistische Parteien wieder Zulauf haben, und Kriege mitten in Europa toben, ich hätte ihm geraten nicht so miese Trips einzuwerfen und seinen Dealer zum Teufel zu jagen.
Hätte mir in den Siebziger Jahren jemand erzählt, daß am Anfang des neuen Jahrtausend weltweit wieder Kriege toben, und die Amerikaner aus Vietnam nichts gelernt haben, ich hätte ihm nicht geglaubt.
Hätte mir in den Achtziger Jahren jemand erzählt, daß wir in den Neunziger Jahren wieder Atomkraftwerksbaustellen in Europa haben und 20 neue Atommeiler bis zum Jahr 2000 ans Netz gehen werden und daß die Engländer im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts 12 neue Atommeiler planen, ohne daß die Frage der Atommüllbeseitigung geklärt ist, ich hätte ihm nicht geglaubt. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst sein will, muß ich gestehen, daß ich ihnen nur nicht hätte glauben wollen.
Als Journalist und Reporter habe ich besonders intensiv den Werdegang der 68er Generation verfolgt. Heute sitzen diese Menschen in Schlüsselpositionen der Politik und Wirtschaft. Ich mußte erleben wie ein APO-Studentenführer zum Wirtschaftsführer wurde und heute Großbankiers mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich habe erlebt wie ein anderer SDS-Genosse zum Geschäftsführer der SPD Hamburg aufstieg und ein Weggefährte gleichzeitig auf dem Stuhl des Innensenators Platz nahm. Nach den Morden in Mölln ließ dieser Innensenator eine türkische Trauerversammlung am Hamburger Flughafen auseinanderprügeln. Im Nachhinein wurde dieser martialische Akt als Folge einer Fehlinformation erklärt, aber vergeblich warten die Angehörigen der Möllner Mordopfer auf eine Entschuldigung des Ex-Genossen. Ein Barrikadenkämpfer aus Frankfurt wurde sogar Außenminister. Auch ein Innenminister kam aus dem APO-Lager und zeigte sich dann als Hardliner der ganz tüchtigen Sorte.
Mehrere Genossen sind sogar ins rechte Lager, bis hin zur NPD gedriftet.
Auch ist die BILD Zeitung, deren Auslieferung diese “Karrieristen” Ende der Sechziger Jahre blockierten, Teil ihres Machtinstrumentes geworden. Gern und oft wird diese Zeitung als Sprachrohr genutzt.Glücklicherweise gibt es aber auch noch einige Menschen aus dieser Zeit, die nicht nur an die Vermehrung ihres persönlichen Wohlstandes denken, und die sich auch heute noch aktiv einmischen, wenn politische Entscheidungen ausbleiben oder versagen.
Trotzdem, der “Neue Mensch” wurde 1968 nicht geboren und die verhinderten “Revolutionäre” kleiden sich heute mit Armani-Klamotten, kaufen Designer- Möbel und Hi-Tech Elektronik vom Feinsten in den großen Mediamärkten. Unzählige Fernseh- und Radiosender, Filme auf DVD´s und hochglänzende Zeitgeistmagazine ersparen uns die reale Auseinandersetzung mit dem, was um uns herum passiert.
Nach der Grenzöffnung 1989mussten wir Westlinken erkennen, daß auch in der Ex-DDR nach 40 Jahren befohlenem Staatssozialismus, der “Neue Mensch” nicht geboren war.Die Jugendbewegungen im Westteil unseres Landes hatten wenigstens einige Lernprozesse bewältigt, die im Ostteil nur langsam vorangehen. In Ostdeutschland hat sich nach der Wiedervereinigung, durch den nicht gewohnten Umgang mit Fremden und Minderheiten einerseits, und durch die plötzliche Konfrontation mit Werbung und Luxus andererseits, Frustration und Sozialneid aufgebaut, der sich zur Zeit in Nationalismus und Minderheitenhetze entlädt.
Trotzdem habe ich die Hoffnung, daß sich im Ostteil Deutschlands demnächst auch positive Überbleibsel des “verordneten” Sozialismus zeigen werden. Dort gibt es eine ganze Reihe von jungen Menschen, die auch die positiven Seiten einer sozialistischen Gesellschaft schätzen gelernt haben.
Vor 40 Jahren trafen sich Millionen Jugendliche auf Festivals und Veranstaltungen, die das Motto “Give Peace a Chance” hatten.
Es ist 40 Jahre her, daß Martin Luther Kings Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit durch eine Gewehrkugel beendet wurde.
Es ist auch 40 Jahre her, daß die Bildzeitung und ein politischer Wirrkopf auf Rudi Dutschke schoss und damit viele junge Menschen aus ihren Träumen riss.
Es ist 40 Jahre her, daß ich keine Steuern mehr zahlte, da ich erst nach der Revolution den neuen Staat unterstützen wollte.
Das hatte böse Folgen. Statt der Revolution kam eine Steuerprüfung und eine Nachzahlung, die meine Fotoagentur fast ruiniert hätte. Auch meine Träume wichen Alltagssorgen. Mit der Steuernachzahlung half ich unfreiwillig dem “Genossen” Helmut Schmidt, die Nachrüstung und die Atomwaffenstationierung zu finanzieren.
Ich schöpfte neue Hoffnung als sich Millionen Menschen in der Anti-AKW Bewegung engagierten. Auch die Friedens- und Öko-Bewegung machte mir wieder Mut und gaben unserer Arbeit Sinn.Zur Zeit befinden wir uns in einer politischen Bewegungspause, die von Frust und Unsicherheit geprägt ist und auch unsere Arbeit lähmt. In kleinen Gruppen gibt es noch Aktivisten die in den Bereichen Ökologie, Umwelt- und Minderheitenschutz tätig sind.
Die Auseinandersetzungen um den G8 Gipfel in Heiligendamm 2007 haben das gezeigt.
Doch der große Zusammenhalt in einer starken Volksbewegung fehlt.Wo sind die hunderttausend Demonstranten die Wackersdorf verhindert haben? Wo sind die Aktivisten aus Borkdorf und Gorleben. Vor dem Verkehrsministerium müßten sie nun stehen, um ein Verkehrskonzept zu verhindern, daß Realitätsfern und von Großmannssucht geprägt, Autobahnen und Schnellstraßen für das 21. Jahrhundert schaffen will. Früher waren Straßen als Verbindungswege gedacht, heute drohen sie in ihrer Überzahl unsere Landschaften in kleine Betonbiotope zu zerstückeln um einen überdimensionierten und teilweise unnützen Warenverkehr zu ermöglichen. Seit dem Ende des Postmonopols habe ich bis zu 6 Lieferfahrzeuge auf meinem Hof. Das konnte früher 1 Postbote schaffen. Viele weitgereiste Produkte in unseren Supermärkten gibt es in unsrerer Region in gleicher Qualität.
Aber auch andere Ziele für neue “Jugendbewegungen” gibt es massenhaft. Verpackungswahn, Müllprobleme, Konsumzwang, Gentechnologie, Rassismus, Wohnungslosigkeit durch überteuerte Mieten…um nur einige Brennpunkte zu nennen.
Alle politischen Bewegungen kamen Wellenweise.
Zur Zeit herrscht Ebbe.Doch ich warte mit einer Schar von FreundInnen, MitstreiterInnen und TräumerInnen auf eine neue Welle, die zu mehr taugt als nur zum Surfen.
Nutzt Eure schlaflosen Nächte!
Wer keine Träume hat, hat keine Kraft zum Kämpfen….

Foto Günter Zint: Selbstporträt







in Essen gibt es jetzt eine Ausstellung mit Plakatkunst aus dem Jahr 1968 und bei Spiegel Online sind ein paar eindrucksvolle Beispiele zu sehen
Ich hatte vor kurzem das Vergnügen, Günter Zint als “Fremdenführer” auf dem Kietz zu erleben – es war absolut klasse!
Klaus
Ich suche gelegentlich nach einem spannenden Event in HH. Denkst Du, ich kann ihn danach fragen?