Zehn Fragen an Fotografen: Ralph Hinterkeuser
Der 1959 in Bonn geborene Fotograf Ralph Hinterkeuser lebt und arbeitet in Berlin. Er hat nach einer Assistenzzeit bei Walter Schels ein Studium zum Foto-Film-Designer an der Fachhochschule Bielefeld absolviert. Bereits während seines Studiums hat Hinterkeuser kuratorische Aufgaben übernommen, Vorträge gehalten und Texte zum Thema Fotografie publiziert.
Nach dem Studium war Hinterkeuser einige Zeit als Kurator tätig und entwickelt seit 1993 sein eigenes fotografisch-künstlerisches Profil. Zu seiner Profession zählt die großformatige Farbfotografie, angewandt auf urbane und ländliche Landschaften. So sind faszinierende Serien entstanden, die sich durch ihre Dichte und gleichzeitige Distanz jeder Kommerzialisierung entziehen. Zu seinen sprechendsten Kompositionen zählt eine Serie zur unmittelbar vergangenen Architekturgeschichte im neuen Berlin: “Fifty-Fifty. Gebaute und nicht gebaute Architektur in Berlin 1990 – 2000″. Weitere Projekte führten Hinterkeuser nach Lille, Baku und Calcutta. Alle im Beitrag gezeigten Fotografien stammen aus der Serie: Die Stadt – Die Zone: Baku. (alle Fotos aus der Serie)
Ralph Hinterkeuser ist ein Fotograf des öffentlichen und des eigenen Auftrags. Hinterkeusers Motivsuche und dessen Aufnahmetechnik setzen Zeit und Gelassenheit voraus. Dennoch ist Hinterkeuser der Sprung in einen bestimmten Bereich des Kunstmarktes geglückt: die Galerie LUMAS bietet eine kleine Auswahl seiner Werke an.

unsere zehn Fragen an Ralph Hinterkeuser
Frage 01: Erinnern Sie sich, wann Sie Ihr erstes Foto gemacht haben?
Nein. Aber wichtiger als das erste Foto ist ja auch das erste bewußt gemachte Bild. Ich erinnere mich, daß mir ab einem gewissen Zeitpunkt, ich war ungefähr 14 Jahre alt, manche Bilder Schauer über den Rücken jagten, ich plötzlich den Unterschied zwischen kraftlosen und kraftvollen Bildern spürte – was auch immer diese Wahrnehmungen damals ausgemacht haben mag. Es handelte sich jedenfalls NICHT um erotische Bilder. Dennoch war das Verhältnis zur Fotografie seit jenen Momenten – zuweilen – ein Erotisches. Dann habe ich angefangen zu sparen und zu forschen, nach der für meine Zwecke und Möglichkeiten besten SRL. Das war damals die Mamiya 1000dtl, neben der Leicaflex die einzige mit wahlweise schaltbarer selektiver Belichtungsmessung – so messe ich übrigens noch heute. Ich hab sie mir in schwarz geleistet – das war dann schon ziemlich sexy!
Frage 02: Welche Ihrer Fähigkeiten ist Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten behilflich?
Geduld, in jeder Hinsicht. Und sowohl Hingabe als auch Verweigerung, je nachdem. Es hat, wie gesagt, mit Erotik zu tun.
Frage 03: Was muss man unbedingt können, um Fotograf zu sein?
Für mich ist es unabdingbar, nicht nur Fotograf zu sein. Um eine Resonanz zu erzeugen, muß man sich in Schwingungen versetzen lassen können. Etwas in mir, und das ist nicht der Fotograf, reagiert, wird angesprochen. Sagt man das nicht auch von Saiten? Ohne die Schwingungen zu kontrollieren, ohne ein gut gestimmtes Instrument wird vermutlich keine Musik draus. Dazu kommt: um etwas anschauen zu können, muß man außerhalb sein. Um es verstehen zu können, muß man aber auch eine Vorstellung vom Innenleben haben. Und ich glaube, auf diese individuelle, zutiefst persönliche Vorstellung kommt es eigentlich an, wenn ein Bild entstehen soll, das nicht nur ein Abbild ist.


Fotos Ralph Hinterkeuser
Frage 04: Wann haben sie angefangen ausschließlich digital zu fotografieren?
Habe ich nicht. Ist es sinnvoll, Behauptungen als Frage zu stellen? Werden sie durch stete Wiederholung besser? Ausgerechnet als ich vor langer Zeit einmal Robert Frank interviewte, habe ich lernen müssen: wenn der Fragende sich als Wissenden sieht, wird er nichts erfahren.
Frage 05: Ein besonders gutes Bild entsteht eher zufällig oder muss sorgfältig geplant sein?
Auf eine weitere zweifelhaft formulierte Frage eine unzweifelhafte Antwort: ich habe bisher weder jemals ein zufälliges noch jemals ein sorgfältig geplantes Bild gemacht. Vielleicht ist die Fotografie ja diejenige der Künste, der mehr als jeder anderen die Vermählung beider Elemente inne wohnt. Wobei ich hiermit nicht den (Cartier-Bresson lediglich untergeschobenen) Antagonismus des “decisive moment” meine, sondern die Bereitschaft, sich der Willkür der Erscheinungen auszuliefern und die Geneigtheit, in diesem Meer eine Auswahl zu treffen (s.o.). Damit daraus etwas weniger Willkürliches entsteht, braucht es aber auch, wie beim Angeln, Glück. Das wiederum hat man aber auch nur dann, wenn man – angelt.
Frage 06: Haben Sie schon einmal einen Auftrag abgelehnt? Wenn ja, was für einen?
Kein bewußtes Annehmen ohne bewußtes Ablehnen. Sonst bin ja nicht ich, sondern es. Bereut habe ich Ablehnungen jedenfalls nur bei manchen jener, deren Grund in anderen als unzumutbaren äußeren Bedingungen lag. Sie verstehen?
Frage 07: Fluch oder Segen: Microstocks?
Ich appelliere an die Leser: BITTE: helfen sie der Redaktion bei der Beantwortung dieser für sie offenbar schicksalhaften Frage! Ich kann es nicht.
Frage 08: Wo möchten Sie als Fotograf einmal ausstellen?
Wo Veranstalter, Bedingungen und Publikum gut sind. Das kommt leider selten zusammen.
Frage 09: Wen möchten Sie gern einmal fotografieren?
Diese Person will ich gewiß nicht in erster Linie fotografieren. Soviel hier selbstverständlich vorausgesetzte Sublimierung bringe ich dann doch bedauerlicherweise nicht auf.
Frage 10: Bleiben Sie Fotograf?
Wer bleibt, ist kein Fotograf. Also: hoffentlich nicht!





Fotos Ralph Hinterkeuser







Bisher die besten Antworten in dieser Interviewserie. So weise …
Also wenn ihr mich fragt, streckenweise etwas zu weise. Sonst gut. Klar, wie immer hier!
Interessante Antworten. Mit den Bildern kann ich ehrlich gesagt nicht viel anfangen. Gerade die Landschaftsaufnahmen sind mir zu gewöhnlich.
Mal ein ganz großes Lob für die Serie “Zehn Fragen”. Ich finde es äußerst spannend, wie unterschiedlich doch die “Perspektiven”, die Sichtweisen sind.
Vielen Dank für das Lob. Auch wir sind jedesmal gespannt, wie die Antworten auf bestimmte Fragen ausfallen … tatsächlich unterscheiden sich Fotografen in ihren ‘Sichtweisen’ ziemlich stark, und es gibt ganz offensichtlich nur einen einzigen Weg Fotograf zu werden und zu sein: den Eigenen …
[...] Noch ein tolles Interview: Ralph Hinterkeuser bei Bildwerk 3. [...]
Die Illustration zum Interview findet man im Bild 3 der Serie: Alle Spots an, der (rote!) Stuhl ist leer, und der Gefragte antwortet aus dem Off.
Ich entdecke gerade diese Interview-Serie für mich und bin sehr begeistert. Danke sehr!
… gern, sehr gern!