Die Fotografenflüsterin. Photoconsultant Dr. Martina Mettner im Interview
Auch Fotografen haben Krisen. Manchmal sind es Krisen am Beginn der Karriere; manchmal mittendrin. Allen stellt sich dann die Frage, wie weitermachen und in vielen Fällen sind auch Fotografen nicht in der Lage, ihre Chancen richtig einzuschätzen. Da hilft dann Rat, Anregung und Hilfestellung von außen. Dr. Martina Mettner ist in der Branche keine Unbekannte. Sie hat Fotobücher herausgegeben, war lange Jahre Chefredakteurin verschiedener Fotozeitschriften und hat das Magazin ‚Schwarzweiss’ ins Leben gerufen. Zu ihrer Mission gehört es, Fotografen bei der Karriereplanung und der Profilsuche zu beraten.
Sie interessiert nicht nur der Fotograf, sondern der ganze Mensch. In einem Berufsumfeld, das so vielfältig sein kann, ist die Persönlichkeit immer auch der Schlüssel zum großen Erfolg. Jemandem, der Stress verträgt und drei Kinder zu versorgen hat, weiß Dr. Mettner, muss man andere Vorschläge machen, als jemandem der drei Sprachen spricht, aber bei Hektik nicht arbeiten kann. ‚Ich will mir erst einmal ein Bild von der Person machen, bevor ich Fotos analysiere’ sind Sätze, die man gern liest und die die Hoffnung wecken als Fotograf erkannt und verstanden zu werden.

unsere Fragen an Dr. Martina Mettner
Viele ambitionierte Fotografen quälen sich mit der Berufsfindung oft jahrelang. Wann ist der richtige Zeitpunkt, einen Termin mit Ihnen zu machen?
Man sollte innerlich für ein klärendes Gespräch bereit sein und offen für konstruktive Kritik. Mein Anspruch ist, dass am Ende die Perspektive und die individuellen Ziele klar sind. Das trifft besonders auf die Fotografen zwischen Ende 20 und Anfang bis Mitte 30 zu, die schon einige Jahre einfach alles gemacht haben, und nun eine klare Struktur brauchen, um weiterzukommen. Einige sind zudem froh, dass Sie durch das Gespräch überhaupt wieder motiviert sind.
Wann ist es definitiv zu spät, dass ein Rat von Ihnen etwas bewegen kann?
Zu spät? Zu mir kommen auch viele um die 50, die es noch einmal angehen wollen. Und da man ja überhaupt erst ab 50 berühmt wird, wie mir Helmut Newton mal gesagt hat, ist das doch gerade richtig.
Wenn ein Fotograf allerdings meint, er müsse jetzt kommen, wo er gerade nichts verdient, und brauche die Beratung nicht mehr, wenn er denn wieder einen Auftrag hat, fehlt einfach die nötige Einsicht. Da lehne ich eine Beratung dann auch ab. Ich will ja nicht vor eine Wand reden.
Gilt Ihre Sympathie eher dem kommerziellen Fotografen oder dem fotografierenden Künstler?
Meine Sympathie haben alle, die zu mir kommen. Die handfesteren und unmittelbaren Ergebnisse zeigen sich meist bei den kommerziellen Fotografen, und das schon während der Beratung, zum Beispiel, weil sie unter anderem mit einer neu organisierten Mappe und einem entsprechend gesteigerten Selbstbewusstsein nach Hause fahren.
Mein Herz hängt natürlich an der künstlerischen Fotografie. Und ich finde, jeder wirklich begabte künstlerische Fotograf sollte nicht kommerziell arbeiten müssen, nur um zu überleben. Leider gibt es aber ab 35 keine Stipendien mehr. Mir geht es ja weniger um „das Bild“, sondern hauptsächlich um die Arbeitsweise. Und in dieser Hinsicht versuche ich jedem die Grundzüge künstlerischen Arbeitens zu vermitteln. Denn wer sich als kommerzieller Fotograf dauerhaft durchsetzen will oder nach Input lechzt, der braucht wenigstens ab und an ein vernünftiges freies Projekt. Dazu mache ich dann konkrete Vorschläge. Meine Klienten kennen das auch unter dem Stichwort „Hausaufgaben“.
Wird es in Zukunft noch Platz für große Generalisten unter Fotografen geben, wie Richard Avedon und Walker Evans oder führt der Weg zum Erfolg ausschließlich über Spezialisierung und die Entwicklung eines ‚visuellen Statements’.
Tja. Der Ausdruck „Generalist“ würde mir für Avedon oder Evans nicht einfallen. Ich hätte aber auch Probleme, den großen Meister des Porträts mit dem einzigen Meister des dokumentarischen Stils so in einem Satz zu kombinieren. Generalisten waren die Gebrauchsfotografen der Dreißigerjahre bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem haben sich Tätigkeitsfelder ausdifferenziert, und wenn heute Fotografen Architektur- wie auch Modefotografie auf Ihrer Homepage anpreisen, dann gibt es da in der Tat Beratungsbedarf. Es wäre doch recht sinnvoll, wenn man wüsste, wo denn die eigene Begabung liegt, oder? Schon allein, weil man gezielter Aufträge akquirieren kann. Das soll aber nicht heißen, dass man zu einem Schmalspurfotografen werden soll! (Deswegen dauern Beratungen vier Stunden, weil man so komplexe Sachverhalte nicht in zwei Sätze quetschen kann! Nun gut, ein Versuch.) Der einzige Weg, reich und berühmt zu werden, ist aber die eigene Handschrift. Dann darf man so fotografieren wie man will und Werbeagentur-Mitarbeiter laufen mit Bargeldbündeln in der Hand hinter einem her. Oder so ähnlich.
Angesichts einer grenzüberschreitenden Vermarktung von Fotografie zu Preisen, die kaum erklärbar sind (Stichwort: Mikrostocks): Darf man jungen Menschen heute raten, Fotografie zu studieren; und mit welchen Argumenten, mal abgesehen von der individuellen Eignung und dem persönlichen Wunsch?
Darf man angesichts der Gesundheitsreform Abiturienten raten, Medizin zu studieren? Erstens: Das müssen die jungen Menschen schon selbst wissen, was sie studieren wollen. Zweitens: Wir alle wissen sowieso nicht, was in fünf oder zehn Jahren sein wird. Drittens: Schlimmstenfalls gibt’s noch mehr Webdesigner.
Auf Ihren Internetseiten ist zu lesen, der Fotojournalismus liege in den letzten Zügen. Wie ist das gemeint? Bekäme Cartier-Bresson heute noch seine Chance?
Nein.
Ihr Workshop-Programm richtet sich in erster Linie an digitale Fotografen. Glauben Sie an eine Zukunft der analogen Fotografie? Wenn ja, wie könnte sie aussehen?
Es gibt noch ziemlich viele künstlerische Fotografen und (hier muss ich doch einmal dezidiert schreiben) Fotografinnen, die weiterhin analog arbeiten. Das ist sicher eine Sache der Gewohnheit und der Anmutung, aber vor allem ist es eine Kostenfrage! Wenn Sie keine Oma haben, die für diesen Digital-Schröddel, den Sie für den ganzen kalibrierten Workflow brauchen, eine Hypothek auf ihr Häuschen aufnimmt, wie soll das ein künstlerischer Fotograf finanzieren? Und wovon sich alle zwei Jahre eine neue Kamera und neue Software kaufen? Wenn man bedenkt, was eine digitale Mittelformatkamera kostet, wird es noch lange analoge Fotos geben! Das Großbild ist zwar bei uns nicht so gängig wie in den USA, aber auch das wird es weiter analog existieren. Das Einscannen ist ja immerhin eine Option, wenn digitale Daten benötigt werden.
Haben Sie schon einmal jemandem geraten, den Wunsch Fotograf zu werden, aufzugeben?
Aber selbstverständlich! Zu mir kommen bisweilen ITler mit wilden Illusionen!
Kann man anhand eines einzigen Fotos einen Fotografen beurteilen?
Scherzfrage? Natürlich nicht.
Welchen bekannten Fotografen haben Sie bei der Karriere geholfen? Oder ist das ein Betriebsgeheimnis?
Ich sichere Diskretion zu und es gibt keine Referenzliste, aber immer mehr Weiterempfehlungen, zum Beispiel innerhalb von Freelens. Anhand dessen, was ich bisher gemacht habe, und auch anhand des kostenlosen Karriere-Tutorials sollte man eigentlich einschätzen können, dass man von mir qualifizierte Urteile und Ratschläge erwarten kann. Ich kann aber nur Anstöße geben, und den Weg zeigen, gehen müssen ihn alle selbst.
Können Sie fotografieren? Auf einer Skala von eins bis zehn: wie würden Sie Ihre Fähigkeit, mit einer Kamera ein Bild zu machen einschätzen?
Im Alter von elf Jahren forderte ich von meinen Eltern energisch eine eigene Kamera ein. Schwarzweiß vergrößern konnte ich, bevor ich das Abi hatte. Ich entschied mich dann für ein „wissenschaftliches“ statt für ein künstlerisches Studium. Und habe danach lieber über und mit Fotografen gearbeitet als selbst einer zu sein. Erst ab Sommer 2003 erfüllte ich mir einen Wunschtraum und arbeitete mehr als ein Jahr lang ausschließlich an einem eigenen Fotoprojekt. Nein, nicht in der Karibik, sondern in Frankfurt am Main in einer Klinik für Suchttherapie. Jetzt kann ich endlich aus unmittelbarem Erleben sagen, dass man fotografisch über sich hinauswächst, wenn man konzentriert an einem Thema arbeitet. Das war eine der schönsten und wichtigsten Erfahrungen meines Lebens und natürlich wird es jetzt immer ein Fotoprojekt geben, mit dem ich mehr oder minder intensiv beschäftigt bin.
Abschließend ein kleines Experiment: Ich habe bei Spiegel Online DesignKlicks ein kleines Portfolio mit zwanzig Bildern online. Was würden Sie sagen, falls ich mit diesen Fotos zum Gespräch zu Ihnen käme?
Schade, dass Sie nicht mehr mitgebracht haben! Das Beratungsgespräch ist doch kein Portfolio-Viewing! Natürlich werden die Fotos besprochen, und ich will möglichst viele sehen, aber erst nachdem ich mir angehört habe, was Sie machen, wo Sie hinwollen, wie Sie leben, und so weiter. Man kann nicht, wie Sie es in der vorigen Frage fordern, Fotografie auf einer Skala einordnen. Es ist doch immer wichtig, für welchen Zweck Fotos gemacht werden, in welchem Kontext sie zu sehen sind, oder ob, im Falle des Fotografierenden, damit eine Familie ernährt werden soll, oder ob man alleine ist, und die Eltern alles bezahlen.
Ich weiß also vorher nicht, was ich mit Ihnen besprechen würde. Das hängt eben ganz von Ihnen und Ihrer Arbeit ab. Ich kann Ihnen nur etwas zu der Präsentation bei DesignKlicks sagen: Mit diesem Sammelsurium tun Sie sich keinen Gefallen. Da sind wunderbare Motive dabei und aus denen könnte man, mit einigen anderen Fotos, die Sie bestimmt auch haben, sicherlich ein überzeugendes und beeindruckendes Portfolio zusammenstellen. Nun ja, „man“ vielleicht nicht, aber ich.
Denken Sie daran, was am Ende des Karriere-Tutorials steht: „Sie haben nur eine einzige Chance, groß raus zu kommen. Vermasseln Sie’s nicht.“
Kontakt
Photoconsultant
Dr. Martina Mettner
Wilhelm-Passavant-Straße 6
65326 Aarbergen
Tel.: +49 (0)6120-979 114
mm [at] mm-photoconsulting [dot] de

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Wirklich nicht zu viel versprochen. Spannendes Interview!
Vielen Dank für das Interview und den Link zum Karriere-Tutorial.
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