Theorie und Praxis
Available Light Fotografie – Teil 2
Das wenige Licht zwingt natürlich zu offenen Blenden – 2,0 oder 2,8 ist normal. Das ergibt eine wunderbar selektive Schärfe, die dem Bild ein Stück mehr Glaubwürdigkeit gibt. Offene Blende!
Da müssen sehr viele Zoomobjektive passen. Sie haben, wenn man überhaupt von Schärfe reden kann bei offener Blende deutliche Rand-Unschärfen. Deshalb befinden wir uns hier ganz klar in der Domäne der Festbrennweiten. Und damit sind wir bei der nächsten Strategie: Festbrennweiten verwenden.

1/20 Sekunde f 2.0 bei 640 ASA (Leica M8) - Der helle Hintergrund der Katze macht es mögliche. Damit dunkel auch dunkel bleibt kann man oft erstaunlich kurz belichten; der Belichtungsmesser hatte 1/4 Sekunde eingefordert.
Festbrennweiten haben höhere Lichtstärken und meistens wesentlich bessere Abbildungsleistungen als Zoomobjektive und sie sind oft leichter.
Mein Lieblings- und Standardobjektiv für Raumsituationen ist das 50er (an Kleinbildformat). Das einfache 1,8er Normalobjektiv ist meistens von der Schärfe her grandios – für Gegen- und Streulicht unempfindlich und in der Regel ziemlich preiswert.
Licht und Draußen
So, jetzt habe ich die ganze Zeit Innenaufnahmen geschrieben. Dort fotografiere ich auch am meisten. Die Strategie mit dem Luft anhalten nehmen wir jetzt mal kurz mit nach draußen an die frische Luft, in die Dämmerung oder Nacht oder einfach nur einen dunklen Wintertag. Dazu möchte ich noch folgendes festhalten: Dunkel soll Dunkel bleiben.
Der Belichtungsmesser weiß ja nicht, dass Du in der Dämmerung oder in der Nacht fotografierst. Für ihn ist Licht gleich Licht. Die klassische Belichtungsmessung führt im Dunkeln zu völlig überbelichteten Ergebnissen und macht die Nacht zum Tag – auch die Dämmerung. Und dann ist die Atmosphäre hin. Hier hilft eine gezielte Unterbelichtung oder Spotmessung.
Deshalb muss man sich überlegen, was für das Motiv wichtig ist: Muss es völlig durchzeichnet abgebildet werden? Wo soll die Schärfe liegen? Was muss erkennbar sein und was nur zu erahnen? Das Histogramm ist da Nebensache. Viele Dinge sind auch als Silhouette wunderbar zu erkennen. Das gilt für jede dunkle Situation. Es kommt immer drauf an, wo sich das Licht (und der Schatten befindet).
Bildwichtige Elemente lassen sich durch Veränderung des Kamerastandpunktes leicht gegen den Abendhimmel positionieren oder gegen eine von Laternenlicht beschienene Fläche oder eine Reflektion des Himmels in einem Fenster oder, oder, oder …
Nachts sind alle Katzen grau?
Und damit sind wir wieder bei meiner Lieblingsdisziplin “Fotografieren ohne Stativ”. Abends und nachts bin ich oft mit meiner Leica M8 unterwegs, die bereits bei 640 ASA rauscht wie nix Gutes. Meine Objektive haben eine Anfangsöffnung von 2,0. Ich besitze (leider) nicht das sagenhafte Noktilux.
Und trotzdem komme ich bei sehr vielen Nacht und Dämmerungsszenen mit Belichtungszeiten von längstens 1/4 Sekunde hin (f2,0 ASA 320). Die fotografiere ich aus der Hand. Mit der oben beschrieben Technik und den Vorteilen einer Meßsucherkamera (kein Spiegelschlag, Objektive, die bei Anfangsöffnung brettscharf und kontrastreich abbilden) geht das schon.
Es ergibt sich eine wunderbare Dynamik in der Motivfindung, die mit einem Stativ nicht möglich wäre.

1/2 Sekunde f 2.0 400 ASA (Leica M7) - Person gegen Reflexion des Himmels im Wasser positioniert
1 Trackback
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Andreas Bender - 17. Februar 2008
Hallo Oliver,
in einigen Dingen fühle ich mich Durch Deinen Artikel bestätigt, bei anderen habe ich dazu gelernt.
Vielen Dank dafür!
Gruß
Andreas
Hinnerk Rümenapf - 31. August 2008
Moin,
nachdem ich beide Teile gelesen habe bin ich froh, dass sich Deine Beschreibung mit meinen Erfahrungen deckt.
Neben der Bildwirkung gibt es auch ganz profane Gründe keinen Blitz oder anderes zusätzliches Licht einzusetzen. Zum Beispiel würde man in einer eher spärlich ausgeleuchteten Musikkneipe den Gästen mit einem starken Blitzgerät ziemlich auf die Nerven gehen …
Tschüß,
Hinnerk