Available Light Fotografie – Teil 1

Wie fotografiert man ein gutes Foto in Umgebungslichtsituationen? Diesem Thema hat sich Oliver Rüther als Gastautor angenommen.

Oliver Rüther hat als Fotograf unsere Zehn Fragen an Fotografen beantwortet und für uns einen Beitrag mit Tipps für werdende Fotografen verfasst: Ein gutes Foto kann man immer und überall verkaufen

Foto Oliver Rüther

1/2 sek f 2,0 abgestützt aus der Hand (Leica M8) - Druckpunkt suchen, einatmen, vorsichtig auslösen

Vielleicht vorneweg, für mich gibt es zwei heikle Lichtsituationen: Kein Licht (also gar keins) und „High Noon“ (also knalliger Sonnenschein) – viel Licht. In diesem fiesen, hellen Sonnenlicht kneift jeder die Augen zu und hat diese dunkeln Augenhöhlen, die man mit einem Aufheller nur sehr stark aufhellen kann (das heißt immer noch Schatten in den Augenhöhlen und dazu ein stechender, heller Reflex in den Augen).

Ein bewährtes Rezept für „High Noon“, wie überhaupt alle schwierigen Freiluftlichtsituationen: Man geht mit dem Modell in den Schatten.

Den besten Schatten findet man gegenüber einer sonnenbeschienenen, weißen Wand. Das ist das schönste Licht überhaupt: hell, gleichmäßig und doch modulierend. – Aber Vorsicht, nicht auf den Rasen. Der reflektiert ins Gesicht und man fragt sich hinterher warum der Mensch so krank und dessen Zähne so gelbgrün aussehen.

Wenig Licht

Der Fluch der dunklen Jahreszeit. Ich habe in diesem Jahr meinen High-Tec-Aufsteck-Blitz noch überhaupt nicht eingesetzt, meine Blitzanlage erst ein einziges Mal. Weil: Blitzlicht ist der Killer jeglicher Atmosphäre und Authentizität.

Gerade wenn wenig Licht vorhanden ist und wir mit hohen ISO-Zahlen und langen Belichtungszeiten kämpfen ist es besonders schwierig das Blitzlicht gezielt so stark herunter zu regeln, dass es die Atmosphäre nicht zerstört.

Dazu kommt, dass Blitzlicht eine andere Farbtemperatur hat, als das in dieser Zeit vorherrschende Kunstlicht und sofort als Fremdlicht auffällt.

Mindestens eine Grünfolie (Leuchtstoffröhre) oder einer Orangefolie (Glühlampe/Kerze) sollte man vor den Blitz kleben (http://www.leefilters.com) bevor man ihn als Aufheller oder vorsichtig direkt einsetzt (Kamerablitz -2 bis -3 einstellen, also 2-3 Blenden drunter blitzen – evtl. über die Decke oder Wand).

Im richtigen Licht

Wer mit Available Light Fotografie sein Geld verdient, kann möglicherweise nicht 3 Monate auf die Bahamas fliegen; nur weil es dunkel wird in Deutschland. Folgende Strategien helfen weiter:

Möglichst viele Foto-Termine auf die Kernzeit von 09.30-15.00 Uhr (ver)legen. Das geht nicht mit allen Terminen, aber doch mit sehr vielen. Manchmal muss man den Auftraggeber überzeugen (Am besten mit guten Fotos, die unter ähnlichen Bedingungen entstanden sind).

Auch in diesem Zeitraum kommt man bei Innenaufnahmen oft auf 800-1000 ASA und Blende 2,8 bis 4 bei 1/60 Sekunde. An dunklen Tagen landet man auch bei 1/15 bis 1/30 Sekunde und bis zu 1250 ASA. Spätestens jetzt leidet die Dynamik der Fotografie natürlich etwas. Aber wenn das Objekt einigermaßen stillhält sollte man scharfe Aufnahmen hinkriegen wenn man folgende Schritte beachtest:

1. fokussieren
2. an den Druckpunkt des Auslösers herantasten
3. einatmen
4. vorsichtig auslösen, dabei Luft anhalten (am besten gleich 2-3 Fotos in Serie)
5. ganz wichtig: weiteratmen.

Außerdem unbedingt Wände, Stühle, Tische als Stütze nehmen! Das hilft. Wer das für Schwachsinn hält, dem sei gesagt, dass man auch eine 1000stel Sekunde verreißen kann, wenn man zu heftig auslöst.

Stativfreaks haben es natürlich leichter. (Ich selber verwende meistens keine Stativ, weil ich meine Position Foto für Foto leicht verändere bis ich schließlich den besten Bildaufbau zusammen habe).

Außerdem empfehle ich (nicht nur im Winter), das Kunstlicht in Innenräumen abzuschalten. Und zwar um eine weitere heikle Situation zu vermeiden: Mischlicht. Klar, dadurch wird es noch dunkler und man bekommt ein starkes Gegenlicht. Aber das machen wir uns zum Freund. Wir nehmen einen schönen großen Aufheller (Sunbouncer) und reflektieren das einfallende Licht in die Schatten.

Dieses Licht ist ein Traum. Es hat durchgehend eine Farbtemperatur (erleichtert so die Farbabstimmung) und moduliert Gesichter, betont Konturen, wischt den Gilb von den Wänden und Möbeln und das Foto erhält in einem gewissen Sinne den Stempel der Glaubwürdigkeit.

Jeder Mensch weiß wie Tageslicht fließt, läuft, nuanciert und erkennt es instinktiv. Tageslicht erreicht mit seiner Intensität auch die tiefste Ecken. Es kommt aus dem Unendlichen, aus der Sonne, vom Himmel und das obwohl auch hier das Gesetz gilt, dass das Licht im Quadrat der Entfernung abnimmt.

Vergleicht man das mit einer (egal wie starken Blitzlampe) deren Licht z.B. eine Person in 2 Meter Entfernung mit der Lichtmenge 1 beleuchtet, dann erreicht die Wand, die sich 2 Meter hinter der Person befindet – also in doppelter Entfernung – nur ¼ der Lichtmenge. Da wird einem schnell klar, warum man oft aufwendig ausleuchten muss, um stimmungsvolles Licht hin zu bekommen.

Die Alternativen

Vergleichen wir den Aufwand. Entweder: Licht aus, Aufheller hinstellen, tief durchatmen und loslegen. Oder: 2-3 Lampen aufbauen, diese mit- und gegeneinander abstimmen, mehrfach messen, Testfotos machen und anschließend das Modell mit etwas Glück wieder in einen lebensähnlichen Zustand zurückversetzen.

Dafür hat man die Gewissheit: Auf allen Fotos ist alles scharf! Ich favorisiere jedoch den ersten – für mich flexibleren – Weg.

Gegenlicht - Oliver Rüther

Freundliche Büroaufnahme – 1/40 f2,2 1000 ASA (Canon MarkII) – Keine Angst vor brutalem Gegenlicht und besser nicht auf's Histogramm geschaut

Foto Oliver Rüther - Keine Angst vor Gegenlicht

Wie gesagt: Keine Angst vor brutalem Gegenlicht und besser nicht auf's Histogramm geschaut

» Teil 2 lesen

Veröffentlicht von Marko Radloff

Marko Radloff ist Gründer und Herausgeber von Bildwerk3. Bei Bildwerk3 Fotoarbeiten zeigen? Submission! Über Marko Radloff: XING Bildwerk3 unterstützen? Über diesen Link einkaufen.

7 Kommentare

  1. Pingback: Available Light Fotografie - Leica User Forum

    • Hallo! Also ich finde jede Lichttechnik hatt seine Darseins Berechtigung ob Available Light oder mit Blitz aufgehellt. Lichstimmungen blitzen nur die kaputt die mit Blitz nicht umgehen können.

  2. […]ist die Serie “Available Light Fotografie” von Gastautor Oliver Rüther im Fotoblog bildwerk3. Es wird anschaulich dargestellt[…]

  3. Das von dir geschriebene kann man sich wirklich zu Herzen nehmen. Ich bin ein großer Fan der Available Light Fotografie und habe meinen Workflow in vielen Passagen wiedererkannt. Allerdings hab ich hier auch einige neue Ansätze bekommen. Danke dafür

  4. Pingback: Available Light Fotografie – Teil 2 » Bildwerk3

  5. Pingback: Hochzeitsfotografie – Bilder für die Ewigkeit |

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