12. Dezember 2007 M.R. 0

Zehn Fragen an Fotografen: Marco Urban

Marco Urban – Jahrgang 1970 – ist Fotojournalist und lebt und arbeitet in Berlin. Er fotografiert die politische Szenerie in Deutschland seit 1996, zunächst noch in Bonn, später dann in Berlin. Urban hat von 1999 bis 2004 als fester freier Fotograf für den Spiegel gearbeitet und ist heute neben anderen Medien und Institutionen überwiegend für die ‘Financial Times Deutschland’ tätig.

Obwohl sich Urban als ‘Nicht-Künstler’ sieht und als Everyday – Newspicture – Produzent versteht, versuchen seine Bilder immer mehr als die bloße Abbildung der Realität zu liefern. Sie gewinnen dem Augenblick Bedeutung ab und man ahnt, hinter der Kamera agiert ein kluger Kopf.

Marco Urban - Angela Merkel

unsere zehn Fragen an Marco Urban:

Frage 01: Erinnern Sie sich, wann Sie Ihr erstes Foto gemacht haben?

Vermutlich mit sechs, sieben Jahren. Ich bekam ein Pocketkamera – das waren diese Ritsch-Ratsch-Dinger, an die sich heute wohl kaum noch jemand erinnert – geschenkt. Und damit habe ich dann rumgeknipst.

Frage 02: Welche Ihrer Fähigkeiten ist Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten behilflich?
Geduld und Ausdauer.

Frage 03: Was muss man unbedingt können, um Fotograf zu sein?
Ein gutes Gefühl für Linien, Flächen, Proportionen, Perspektiven, Licht und Schatten setze ich natürlich voraus. Eine Fähigkeit allein reicht auf jeden Fall nicht, es muss schon ein ganzer Sack voll sein. Für Fotojournalisten die Newspictures knipsen: Sachkenntnis über das jeweilige Themengebiet (Politik, Sport, …), Improvisationsvermögen, Enscheidungsfreude, die Fähigkeit zu exaktem Arbeiten unter Zeitdruck, manchmal ist Zurückhaltung gefragt, manchmal Durchsetzungsvermögen, und, und, und … bei Nachrichtenbildern geht es auch immer darum, die Welt per Foto in die gute Stube zu bringen. Es geht darum Inhalte zu transportieren. Dafür muss man ein Gespür entwickeln. Keine Kunst sondern Nachrichten.

Frage 04: Wann haben sie angefangen ausschließlich digital zu fotografieren?
Als die Nikon D1x auf den Markt kam bin ich fast sofort zum ganz überwiegenden Teil auf digitale Fotografie umgestiegen. Es gab ein paar Sachen, die ich auf Mittelformat gemacht habe – da habe ich aber festgestellt, dass das nicht meine Sache ist. Auch wenn die Bildwirkung klasse ist, bin ich wohl mehr ein Kleinbild- und damit Digital-Typ.

Marco Urban - Joschka Fischer
Marco Urban - Franz Müntefering

Frage 05: Ein besonders gutes Bild entsteht eher zufällig oder muss sorgfältig geplant sein?
Bei Newspictures kann man (leider) nicht viel planen. Die Dinge passieren und man muss sich in aller Regel spontan entscheiden, wie man sich verhält. Machmal hat man den richtigen Riecher, manchmal liegt man daneben. Und machmal gibt es gute Bilder gerade dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Mit viel Erfahrung kann man dem Zufall machmal etwas auf die Sprünge helfen.

Frage 06: Haben Sie schon einmal einen Auftrag abgelehnt? Wenn ja, was für einen?
Kommt vor. Ich bin in meinem Umfeld auf gute Kontakte zu Parteien, Fraktionen und Ministerien angewiesen. Das hat auch immer etwas mit gegenseitigem Vertrauen zu tun. Aus diesem Grunde sind “Abschüsse” bei mir nicht zu bekommen. Ich kann auch keine “Yellow”-Sachen am roten Teppich (Filmpremieren und dergleichen). Das Geschreie stehe ich mental nicht durch ;-) Ich habe Kunden auch schon Sachen ausgeredet, weil ich der Meinung war, dass sie nicht zu realisieren waren.

Frage 07: Fluch oder Segen: Microstocks?
Für den Profi wohl kaum ein Segen, aber eine Tatsache wie schlechtes Wetter. Bestimmte Käuferschichten müssen sehr preiswert bedient werden, keine Frage. Zum Beispiel Privatleute, die Ihre Website schmücken möchten. Aber da, wo Microstocks Bilder für ein paar Euro unabhängig von der Nutzungsform anbieten, werden Honorare vernichtet. Werbeagenturen zahlen gut für Bilder, die werblich verwendet werden. Warum verzichten Fotografen (und Semi-Professionelle), die Microstocks beliefern, darauf? Hier werden zahlungskräftigen Kunden Bilder sinnlos zu Discountpreisen angeboten. Der Agentur ist´s egal, denn die hat ja kaum Aufwand, versucht sich über den Preis auf dem Markt zu etablieren. Das schadet allen. Semi-Pro´s, die über Möglichkeiten nachdenken ihre Bilder zu verkaufen, kann ich nur raten, darauf zu achten, dass sie damit auch ordentliches Geld verdienen.
Es ist wohl so: Was nichts kostet, ist auch nichts wert.

Frage 08: Wo möchten Sie als Fotograf einmal ausstellen?
Ehrlich: Ich finde Ausstellungen so mühselig. Das ist unheimlich viel Arbeit. Ich freue mich aber, wenn Fotoredakteure Bilder aus den Tiefen meines Archiv ausgraben und drucken. Es gibt immer Sachen, die mir gut gefallen, von denen ich aber schon befürchtet habe, dass sie wohl keiner je drucken wird.

Frage 09: Wen möchten Sie gern einmal fotografieren?
Hm, hm, hm … den Papst? Den nächsten US-Präsidenten? Für mich ist es aber eigentlich nicht die Frage wen, sondern eher wie. Ich würde ganz gerne mal wirklich viel Zeit haben um jemanden zu fotografieren. Also zum Beispiel eine Woche volle Bewegungsfreiheit im Kanzleramt. Leider total unrealistisch. Vor einiger Zeit durfte ich für den Cicero mal drei Tage lang durch die Redaktion des Spiegel-Magazins turnen. Das fand ich schon ziemlich gut.

Frage 10: Bleiben Sie Fotograf?
Solange man dafür korrekt bezahlt wird, sicher. Aber das ist immer weniger der Fall, fürchte ich. Freie Fotojournalisten haben in aller Regel schwer zu kämpfen, um sich ihre Brötchen zu verdienen.

Marco Urban - Gerhard Schröder
Marco Urban - Angela Merkel
Marco Urban - Gerhard Schröder
Marco Urban - Joschka Fischer

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